Die Vorteile von BIM bei Projektübergabe und Instandhaltung

Von Frank Weiß

Frank Weiß.

München. - Ohne den Einsatz von digitalen Tools für die Projekt?Übergabe müssen Bau- und Planungsteams nachträglich meist sehr mühevoll nach den erforderlichen Daten suchen. Und: nicht selten sind diese Daten falsch und/oder unvollständig. Vertragsstrafen, Zahlungsverzug oder Zusatzkosten drohen bzw. folgen. Dies wurde auch in den Paneldiskussionen der diesjährigen INservFM 2017 von allen Beteiligten der Wertschöpfungskette geteilt. Abhilfe kann ein permanent aktualisiertes digitales Abbild – der digitale Zwilling – des physischen Gebäudes, verbunden mit einer kollaborativen Arbeitsweise schaffen. Wie sie funktioniert, warum sie sich lohnt und welche Rolle BIM dabei spielt, zeigt das Beispiel des vorausschauenden Einbindens von Facility Management in die Planung.

Status quo: Gefahr von Datenverlust

Für gewöhnlich erhalten Eigentümer bei Abschluss eines Bauprojekts zusätzlich zu den Schlüsseln ein strukturiertes Datenpaket – virtuell oder physisch – randvoll mit Informationen und Daten. Dieses Datenpaket enthält neben Modellen, Plänen und Layouts unter anderem Erläuterungen zu Gebäudeinstandhaltung, Gerätegarantien, Sicherheitsanweisungen und Anlagenlisten. Solche Informationen können in allen beliebigen Formaten, auch als Ausdrucke oder digitale Medien wie CDs und USB-Sticks, ausgeführt sein. Es besteht jedoch die Gefahr, dass wichtige Gebäudedaten bei der Übergabe verloren gehen oder nicht dem letzten Stand entsprechen. Bemerkt der Facility Manager später das Fehlen, bleibt ihm meist nichts anderes übrig, als aufwändige Recherchen durchzuführen. Im schlimmsten Fall können die Daten überhaupt nicht mehr wiederhergestellt werden und der Facility Manager muss das Gebäude ganz oder teilweise neu aufmessen, um den aktuellen Zustand zu erfassen. In diesem Fall zahlt der Bauherr zweimal, zunächst während der Projektphase für die Erstellung der Bestandsdaten des Gebäudes und dann noch einmal für das Instandhaltungsunternehmen.

Im Idealfall hingegen sind alle übergebenen Daten richtig geplant, vollständig erfasst und damit zukunftstauglich. Diese Daten sind von unwichtigen Informationen bereinigt, aufbereitet und können somit problemlos sortiert sowie organisiert werden. Mit dieser Grundlage können sie für die nächsten zwanzig Jahre verwendet werden und zur Verbesserung des laufenden Gebäudebetriebs beitragen. Dies nicht nur für den Augenblick, sondern auch noch Jahre nach der Übergabe, sofern diese regelmäßig fortgeschrieben – sprich aktuell gehalten – werden.

BIM und kollaboratives Arbeiten

Um das zu ermöglichen, kommt BIM ins Spiel. BIM sorgt für einen nahtlosen Informationsfluss vom Beginn eines Bauprojekts bis zum Facility Management und darüber hinaus. Es vermittelt dem Bauherren sämtliche Informationen, von den Grundrissen und Layouts bis hin zu den verbauten Werkstoffen, der Lebensdauer von Anlagen und den erforderlichen Wartungsplänen. Es zeigt an, welche Produkte sich im Gebäude befinden, wo sie sich befinden sowie wie sie funktionieren und zusammenwirken. Es setzt Objekte in einem Modell zueinander in Beziehung und verknüpft diese, um allen Parteien, die an der Planung, dem Bau, dem Betrieb und der laufenden Instandhaltung beteiligt sind, mehr Ein- und Übersicht zu bieten.

Dies wiederum führt zu einer besseren Prognostizierbarkeit und bietet auch dem Facility Management die Möglichkeit, frühzeitig proaktive Maßnahmen einzuleiten, zum Beispiel in Bezug auf den Energiebedarf, Wartungszyklen (wie für Aufzüge und Rolltreppen) oder Traglasten von Dächern. Dazu müssen Facility Manager nicht alles über CAD?Technologie oder 3D?Modelling wissen. Sie können dennoch einen wichtigen Beitrag zur Planung leisten, deren Ergebnis beeinflussen und mit dafür sorgen, dass die von den Bau? und Planungsteams übergebenen Daten ihren speziellen Bedürfnissen entsprechen. Mit BIM können Facility Manager bereits in der Planungsphase Einsicht in die Modelle nehmen und damit zukünftige Problemfelder wie im Energieverbrauch, der Reinigung, der Wartung frühzeitig aufzeigen. Dank BIM können sie sogar in die Zukunft blicken: Denn BIM zeigt bereits in der Planungsphase die Auswirkungen einzelner Planungsmerkmale, die für einen späteren Betrieb simuliert werden können.

BIM sorgt für einen nahtlosen Informationsfluss vom Beginn eines Bauprojekts bis zum Facility Management und darüber hinaus.

BIM fungiert als Bindeglied zwischen den verschiedenen Stufen der Planung bis hin zum Übergabeprozesses und ermöglicht eine kollaborative Arbeitsweise. Jedenfalls immer dann, wenn Teams in einer gemeinsamen Datenumgebung, der so genannten Common Data Environment (CDE), wie beispielsweise von Conject oder Aconex arbeiten. Auf einer gemeinsamen neutralen Plattform können Prozesse entlang der festgelegten BIM-Anwendugsfälle konfiguriert und automatisiert werden. Dies führt zu einer Steigerung der Produktivität, die auf diese Weise den beteiligten Parteien zusätzlich eine umfassende gemeinsame Informationsquelle bietet. Darauf können sie während des Projekts und danach zugreifen. Ein entscheidender Vorteil der CDE besteht darin, dass sie das Risiko von Daten? bzw. Informationsverlustes nahezu ausschließen kann. Voraussetzung dafür ist lediglich, dass während des gesamten Prozesses alle Projektinformationen zeitgerecht erfasst, überprüft und auf die Plattform entlang der bestehenden Verträge geliefert werden.

Offene Kommunikation zwischen Gewerken

Über kurz oder lang sehen wir die Entwicklung in der Richtung, dass Facility?Management-Experten im Standard bereits in die Planungs- und Bauphasen eingebunden werden. Dies wird auch dadurch vereinfacht, dass die Technologien eine einfachere Einbindung, auch ortsunabhängig möglich machen. Aber worauf basiert die kollaborative Arbeitsweise? Dazu braucht es eine offene Kommunikation zwischen allen Gewerken mit BIM. Dieser Gewerke? und Autorensoftware-übergreifende Prozess kann durch den Einsatz von offenen BIM?Formaten wie zum Beispiel IFC, Industry Foundation Classes sowie BCF, BIM Collaboration Format ermöglicht werden. Dabei handelt es sich um internationale Datenstandards für BIM, die unabhängig vom „Authoring Tool“ (Software für die Erstellung der Modelle), die Kommunikation zwischen den Projektparteien zulässt und gewährleistet. Diese offene Datenstandards erlauben auch, dass noch in zehn oder mehr Jahren die Projekt? und Modelldaten gelesen werden können. Diese Standards geben Regeln und Grundlagen für die Zusammenarbeit vor, um sicherzustellen, dass jeder dieselbe Sprache spricht.

Fazit: BIM gibt Bauherren eine Methode an die Hand, die völlig neue Transparenz und Optimierungen im Sinne einer „End-to-End“-Betrachtung erlaubt. Durch die Möglichkeit vor bzw. am Anfang des Projektes festlegen zu können, WAS bestellt wird, können über den Projektverlauf der jeweilige Erreichungsgrad sowie Qualitätsabweichungen gemessen werden. Ein frühzeitiges Gegensteuern ist möglich. Das Gebäudemodel mit seinen Informations? und Prozessbeziehungen (zum Beispiel technische sowie kaufmännische Auswirkungen von Planungsänderungen und ? genehmigungen während der Baubarkeitsuntersuchung) stehen damit zukünftig im Zentrum jeder Entwicklung und Bewirtschaftung. Facility Manager können die Qualität der ihnen vorgelegten Informationen beeinflussen und auf Fehlplanungen sowie hohe Kosten im Betrieb frühzeitig hinweisen. Die Verbindung der Gebäudemodelldaten mit allen relevanten Projekt? und Übergabeinformationen stellt einen immer wertvoller werdenden Schatz dar. Der „Digital Twin“ (digitale Zwilling) in Verbindung mit einem kollaborativen Ansatz (CDE) wird sowohl die Planung, den Bau, die Übergabe der Gebäudedaten und damit das Betreiben entscheidend verbessern. Wir stehen jetzt noch am Anfang des Weges. Mit Sicherheit wird diese neue Datengrundlage noch Optimierungspotenziale zusätzlich hervorbringen, die wir uns heute noch vorstellen können.

Der Autor ist Director Products and Innovation bei der Conject AG.

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