Entlastungsbauwerk

Eine Million Liter Regenwasser "parken"

Kempen (ABZ). - Im niederrheinischen Kempen sind kürzlich die Arbeiten an einem neuen, in unmittelbarer Nähe der Hauptverkehrsstraße Berliner Allee installierten Regenwasserspeicher beendet worden. Den Entschluss zur Umsetzung des Entlastungsbauwerks mit einem Speicherbecken und einem Volumen von rund 1 Mio. l hatte die Stadt Kempen auf Basis eines bereits 2011 erstellten Generalentwässerungsplans getroffen. Der hatte gezeigt, dass insbesondere bei Starkregenereignissen eine Überbelastung des bestehenden Systems und eine Überflutung der Berliner Allee drohten.

Im Zuge der Arbeiten realisierte die mit der Ausführung der Arbeiten beauftragte Martin Wurzel Baugesellschaft mbH aus Jülich zwei Schachtbauwerke sowie neue Zuleitungen für das Speicherbauwerk und verlegte unter dem Parkplatz der Sauna- und Wasserwelt aqua-sol auf einer Länge von knapp 200 m Flowtite GFK-Rohre DN 2600 der Steifigkeitsklasse SN 5000 von Amiantit. Nicht nur der extreme Durchmesser der für die Konstruktion des Speichers verwendeten Rohre war ungewöhnlich, auch die Bodenverhältnisse vor Ort, der Rohrgrabenaushub mit Verbau sowie die Grundwasserhaltung stellten die Beteiligten vor besondere Herausforderungen. Das geringe Gewicht der GFK-Rohre, das bei 15 % vergleichbarer Rohre aus Beton liegt, machte sich nicht nur beim Einbau positiv bemerkbar, sondern erleichterte auch die Logistik auf der Baustelle.

Der Generalentwässerungsplan der Stadt Kempen ließ keinen Zweifel: Handlungsbedarf bestand nicht nur mit Blick auf klimatische Veränderungen und daraus resultierende, zunehmend häufiger auftretende Starkregenereignisse, auch andere Rahmenfaktoren wie die Bevölkerungs- und Stadtentwicklung waren zu berücksichtigen. Fazit: Die bestehende Kanalisation unter der Berliner Allee war nicht ausreichend dimensioniert, eine Entlastungslösung musste gefunden werden. Ulrich Warning, Bauleitung Straßen- und Kanalbau der Stadt Kempen, erläutert den Prozess der Entscheidungsfindung: "Es fehlte ein Stauvolumen von rund 1000 m. Für die notwendige Weiterleitungs- und Speicherkapazität hätte der vorhandene Regenwasserkanal DN 600 über mehrere 100 m um mehrere Dimensionen vergrößert werden müssen." Dafür hätte die Straße aufgerissen werden müssen – mit den üblichen Folgen: Behinderung des Verkehrs, Belästigung der Anwohner durch Dreck und Lärm. "Das war uns nicht nur zu umständlich, sondern auch zu teuer", stellt Warning fest. Als Alternative bot sich die Errichtung eines entsprechend großzügig dimensionierten Zwischenspeichers an, in dem das Regenwasser zu Spitzenzeiten gesammelt werden kann. Ein Gelände für den Einbau war auch schnell gefunden: der Parkplatz der Sauna und Wasserwelt aqua-sol bot sich hierfür an.

Die Grundwasserhaltung vor Ort stellte die Beteiligten vor eine besondere Herausforderung. Während der gesamten Bauzeit musste das Grundwasser im Baufeld um 80 cm abgesenkt werden. Hierfür wurden mittels des sogenannten Wellpoint-Verfahrens 70 Vakuumlanzen eingebracht. Die Größe der für den Speicherraum eingebrachten Rohre trägt dem erforderlichen Volumen Rechnung: "Die jeweils 6 m langen Rohre verfügen über eine Nennweite von DN 2600, jedes Rohrelement bringt gut 5 t Gewicht auf die Waage – das sind Dimensionen, mit denen auch wir nicht alle Tage umgehen", erläutert Heinz-Willi Bougé, Bauleiter bei der Martin Wurzel Baugesellschaft mbH aus Jülich. Was zunächst nach viel Gewicht klingt, relativiert sich im Vergleich mit anderen Werkstoffen wie Beton: "Ein Betonrohr mit gleichen Abmessungen hätte es auf mehr als das Fünffache an Gewicht gebracht – zu schwer für die Lösung, die in Kempen umgesetzt werden sollte", führt Bauleiter Bougé aus. Das vergleichsweise geringe Gewicht wirkte sich sowohl bei der Anlieferung als auch bei der Verlegung positiv aus – die Transportkosten blieben überschaubar, die einfache und flexible Handhabung der Rohre auf der Baustelle trug dazu bei, die Verlegekosten und die Bauzeit zu reduzieren. Auch die anderen Werkstoffeigenschaften der im Endlos-Wickelverfahren gefertigten GFK-Rohre haben die Baupartner überzeugt, stellt Amiantit-Gebietsverkaufsleiter Ralf Paul fest. "Die glatten, porenfreien Innenoberflächen der Rohre sorgen für eine hervorragende Hydraulik, unterstützen die angestrebte Selbstreinigung und minimieren den Wartungsaufwand."

Die außergewöhnlichen Abmessungen der Rohre hätten natürlich auch direkten Einfluss auf die Tiefe der Baugrube gehabt, merkt Bauleiter Bougé an. "Der Verbau musste 4,50 m tief sein, die Modulgrößen wurden speziell auf die zu verlegenden Rohre abgestimmt – die Felder wurden so dimensioniert, dass die Rohre eingefädelt werden konnten", erinnert sich Bougé. Die Dimensionen der Rohre und des Verbaus machten das Bauvorhaben zudem logistisch anspruchsvoll, zumal nur wenig Platz für die Zwischenlagerung zur Verfügung gestanden habe. Zum Glück konnte der Auftraggeber während der Bauzeit auf dem Parkplatz des aqua-sol-Erlebnisbades zusätzlichen Lagerraum zur Verfügung stellen. Für das Einbringen des Verbaus und das Verlegen der Rohre kamen zwei 35 t Bagger zum Einsatz, die tägliche Verlegeleistung lag bei rund zwei Rohren bzw. 12 m.

Übersteigt das Wasser im Sammler unter der Berliner Allee zukünftig eine bestimmte Höhe, läuft es über zwei Entlastungsbauwerke an den Zufahrten zum Parkplatz in den 1 Mio. l Wasser fassenden Speicher aus GFK-Rohren. Geregelt wird der Zulauf über zwei Schachtbauwerke, die mit einer 2 m langen und 40 cm hohen Überlaufschwelle ausgestattet sind. Eine am Ende des Stauraumkanals installierte Pumpe sorgt dafür, dass das "geparkte" Regenwasser mit einer zeitlichen Verzögerung von 3 Std. über eine Druckrohrleitung DN 80 zurück in den Regenwasserkanal befördert wird.

Mittlerweile sind die Bauarbeiten abgeschlossen, die Beteiligten sind mit dem Ablauf und der Ausführung sehr zufrieden. Anspruchsvolle Wasserhaltung und außergewöhnliche Dimensionen der Bauteile hätten die Baumaßnahme zu einem nicht alltäglichen Vorhaben für alle Beteiligten gemacht, trotzdem habe sich die Umsetzung des interessanten Konzeptes reibungslos vollzogen. Die Stadt Kempen ist vom ausgewählten Werkstoff überzeugt und ist sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 51/2015.

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