Kommentar

Digitalisierung kein Allheilmittel

Robert Bachmann

Kaum ein Thema brennt der Bauwirtschaft momentan so sehr unter den Nägeln wie der Fachkräftemangel. Vom Maschinenbau-Ingenieur bis zum Bauhandwerker fehlt es allerorten an geeigneten bzw. willigen Nachwuchskräften. Besonders tief sind die Sorgenfalten aktuell in Baden-Württemberg. Dort klagte Thomas Schleicher, Präsident der Landesvereinigung Bauwirtschaft, jüngst über einen "akuten Arbeitskräftemangel in den Baugruben". Gerade vor dem Hintergrund des anhaltenden Booms im Einfamilienhausbau entstehe so ein Auftragsstau, der sich mittlerweile auch durch ausländische Fachkräfte nicht mehr beheben lasse. Wie im Handwerk ganz allgemein sieht Schleicher die Ursachen im Image der Branche. Damit junge Menschen die Arbeit am Bau wieder hip finden, müsse vor allem deutlich gemacht werden, dass man dort mit "Blöden" nichts mehr anfangen könne. Schließlich greife die Digitalisierung immer mehr um sich; Laser und GPS seien mittlerweile ebenso wichtig wie Hammer und Schaufel. 

Unrecht hat Schleicher damit nicht. Die Digitalisierung hat das Potenzial, die Arbeit am Bau für eine grundlegend Technologie-affine Generation attraktiv zu machen. Grundlegend muss man sich aber auch fragen, ob der höhere Spezialisierungsgrad, den neue Technologien dem Bauhandwerker, Maschinenführer usw. abverlangen, auf der anderen Seite nicht wieder jene Kräfte ausschließt, an denen es so akut zu mangeln scheint. Auf der einen Seite, so die Argumentation vieler Hersteller, sollen technologische Hilfsmittel dabei unterstützen, den vorherrschenden Mangel an Fachkompetenz zu kompensieren (Stichwort Automatisierung). Auf der anderen Seite halten zunehmend Technologien am Bau Einzug, die von Fachkräften völlig neue Kompetenzen bzw. einen noch höheren oder spezialisierteren Ausbildungsgrad verlangen. Immer wieder gern auf Veranstaltungsbühnen gestellte Zukunftsforscher sprechen hingegen vom großen Verschwinden ganzer Berufsfelder durch die Automatisierung.

Statt an Fachkräften mangelt es dann wieder an Arbeitsplätzen, was ja insofern kein Problem ist, da ja scheinbar Konsens darüber herrscht, dass kein junger Mensch aus der Anspruchstellergeneration Y mehr der "Blöde" sein möchte, sondern lieber die neu entstehenden Berufsfelder besetzt. Das Grundproblem der meist unattraktiven Gehaltsaussichten für junge Menschen in diesen Berufen ist bis hierhin noch gar nicht angesprochen. Vielleicht sollte man weniger auf die Digitalisierung als Allheilmittel und hingegen auch wieder stärker auf die sogenannten "Blöden" setzen. Mit Sicherheit sollte man jedoch keine Arbeitskraft – "Fach" hin oder her – so bezeichnen.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 05/2017.

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