Kommentar

Paradox

Robert Bachmann

Eigentlich könnte alles so schön sein. Während sich dieser Tage einmal mehr die Tore zur Internationalen Handwerksmesse (IHM) in München öffneten, hat die Branche allen Grund zur Euphorie. Das Bauwesen boomt, der Wirtschaft geht es entsprechend gut und mit ihr auch dem Handwerk. Nach 3,5 Prozent mehr Umsatz im vergangenen Jahr erwartet der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) für 2017 ein weiteres Plus von2,5 Prozent. Trotz aller Euphorie drückt der Schuh dennoch. So gut es der Branche auch geht, wollen immer wenige junge Menschen in den entsprechenden Berufen arbeiten. So wird in München nach wie vor zu diskutieren sein, warum etwa die Zahl der Auszubildenden im Handwerk allein zwischen 2010 und 2015 um ganze 17 Prozent zurückgegangen ist. Der Mangel an Fach- und Führungskräften ist hier noch gar nicht eingerechnet.

Woran liegt's? Zunächst, ganz klar, am demografischen Wandel. Die Rechnung ist einfach: Weniger Schulabgänger gleich weniger Lehrlinge. Die, die es gibt, gehen lieber in andere Industrien, wo die Arbeit weniger beschwerlich und das Gehalt besser ist. Hinzu kommt, dass es heute viel mehr Schüler ins Abitur und Studium treibt – z. T. auch unabhängig von der persönlichen Neigung und Eignung. Hier haben sowohl der Schulbetrieb als auch die Elterngeneration versäumt, der Abwertung der Berufsausbildung einen Riegel vorzuschieben. Das Handwerk selbst wusste sich lange nicht besser zu helfen, als am Image der Branche zu feilen. Kampagne über Kampagne sollte jungen Menschen vermitteln, dass auch Bauarbeiter, Elektriker oder Bäcker hip und modern sind sowie Aufstiegschancen haben. Image hin oder her, was am Ende zählt, sind keine schön designten Plakate oder nette Broschüren, sondern die Realität im Job.

Wenn ausbildungswillige Jugendliche nach einem Praktikum im Handwerksbetrieb auf die andere Straßenseite zum Automobilhersteller wechseln, dann liegt das Problem nicht bei Audio, VW und Co. Natürlich spielt auch Geld eine entscheidende Rolle, ebenso aber die teils verkrustetenHierarchien in den Betrieben und veralteten Vorstellungen davon, wie man mit jungen Auszubildenden umgehen kann und sollte – frei nach dem Motto "Lehrjahre sind keine Herrenjahre". Keine Frage, beim Nachwuchsmangel kommen viele Faktoren zusammen. Jedoch nicht nur von außen. Auch in den Betrieben muss, wo noch nicht geschehen, ein Umdenken stattfinden. Lediglich Arbeit anzubieten, reicht heute nicht mehr aus.

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