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32. Oldenburger Rohrleitungsforum

Sanierung deutscher Kanalnetze wird Herausforderung der kommenden Jahre

Von Jennifer Schüler

Sie sprachen bei der Pressekonferenz über die Herausforderungen, denen die Rohrleitungsbranche gegenübersteht (v. l.): Jörg Broll-Bickhardt (Technischer Geschäftsführer der hanseWasser Bremen GmbH, Bremen), Prof. Karsten Körkemeyer (Technische Universität Kaiserlautern, Bauingenieurswesen, Fachgebiet Baubetrieb und Bauwirtschaft, Kaiserslautern), Moderator Thomas Martin (Thomas Martin Kommunikation), Prof. Thomas Wegener (Vorstandsmitglied des iro e. V., Oldenburg, Geschäftsführer der iro GmbH Oldenburg und Vizepräsident der Jade Hochschule) und Peter Sczepanski (Verbandsvorsteher des Märkischen Abwasser- und Wasserzweckverband (MAWV), Königs Wusterhausen).

Oldenburg. – Bei der 32. Ausgabe des Branchentreffs "Oldenburger Rohrleitungsforum" stand das Rohr als Hauptakteur wieder im Mittelpunkt der Diskussionen. Dabei legten die Spezialisten aus ganz Deutschland in diesem Jahr den Fokus auf die Rohrsanierung, denn gerade in diesem Bereich, da waren sich die Experten bei der offiziellen Pressekonferenz sicher, sei in Deutschland in den kommenden Jahren großer Handlungsbedarf gegeben. Nachdem in den vorherigen Jahren dem Thema Digitalisierung breite Beachtung geschenkt wurde, kehrte das Oldenburger Rohrleitungsforum 2018 in gewisser Weise zu seinen Wurzeln zurück. Soll heißen, das Rohr und speziell dessen Einbau sowie seine Sanierung an sich standen im Mittelpunkt. Und das, wie sich die Experten einig waren, aus gutem Grund, denn zunehmend würde aufgrund von Fortschritten in Technik und Verfahren deutlich häufiger renoviert statt erneuert – gerade das Schlauchlinerverfahren habe sich dabei bewährt. Wie groß der Handlungsbedarf in Deutschland ist und wie diesem begegnet werden muss, darüber sprachen Jörg Broll-Bickhardt (Technischer Geschäftsführer der hanseWasser Bremen GmbH, Bremen), Prof. Karsten Körkemeyer (Technische Universität Kaiserlautern, Bauingenieurswesen, Fachgebiet Baubetrieb und Bauwirtschaft, Kaiserslautern), Peter Sczepanski (Verbandsvorsteher des Märkischen Abwasser- und Wasserzweckverband (MAWV), Königs Wusterhausen) und Prof. Thomas Wegener (Vorstandsmitglied des iro e. V., Oldenburg, Geschäftsführer der iro GmbH Oldenburg und Vizepräsident der Jade Hochschule) bei einer Pressekonferenz zum Thema "Rohrleitungen – innovative Bau- und Sanierungstechniken". Schwerpunkte der Diskussion der Experten bildeten insbesondere der Sanierungsstau in Deutschland und wie diesem begegnet werden sollte, das Thema Aufklärung und Einbindung der Bevölkerung bei Infrastrukturprojekten sowie das Problem des Fachkräftemangels.

Da viele Leitungsnetze bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet wurden, sind dementsprechend besonders in den Zentren größerer Städte umfangreiche Maßnahmen zu erwarten. "Hierbei muss es sich nicht immer zwangsläufig um Neubau handeln", erklärte Thomas Wegener, "mittlerweile gibt es viele gute, angepasste Technologien, die von grabenloser Verlegung bis hin zu ausgefeilter Sanierungstechnik reichen". In den vergangenen 30 Jahren habe sich Vieles verändert, deshalb habe es das Thema Sanierung verdient, an erster Stelle zu stehen. Insbesondere deshalb, weil eine Menge Arbeit auf Deutschland zukäme. Dem stimmte auch Karsten Körkemeyer zu. Die deutsche Infrastruktur sei zwar auf einem hohen Level, aber es werde oft vergessen, dass diese auch instand gehalten werden muss. "Wir haben lange versäumt, etwas zu machen", so der Experte. Aus diesem Grund habe sich in Deutschland ein Sanierungsstau gebildet, der qualitativ hochwertig und möglichst kostenkonform abgebaut werden muss. Für Jörg Broll-Bickhardt liegt dabei die größte Herausforderung nicht einmal in den Kosten dieser Maßnahmen, sondern zunächst in der konkreten Feststellung der Schäden. Und bereits hier könne es kompliziert werden, denn obwohl mittlerweile zahlreiche Verfahren zur Zustandsbewertung (wie etwa die noch recht junge Videotechnik) existierten, fehlten teilweise doch die Fachkräfte, eben diese Techniken anzuwenden. Das erschwere die Informationsbeschaffung, die notwendig dafür ist, zu bestimmen, was genau getan werden muss, um die Infrastruktur nachhaltig zu gestalten.

Fachsimpeln: Auch dieses Jahr nutzten wieder zahlreiche Besucher die Möglichkeit, sich über die neuesten Entwicklungen im Rohrleitungsbereich zu informieren und direkt mit den Ausstellern in den Dialog zu treten.

Der Handlungsbedarf wird von einschlägigen Untersuchungen, wie etwa der von der DWA (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall) regelmäßig durchgeführten Umfrage zum Zustand der Kanalisation in Deutschland, untermauert. Die im Mai 2016 veröffentlichten Ergebnisse der jüngsten Umfrage machen deutlich, dass eine Erhöhung des Aufwands zur Kanalsanierung notwendig ist, um den Zustand des Kanalnetzes in Deutschland langfristig zu erhalten. Allerdings wird bereits einiges getan: In den Jahren von 2009 bis 2013 wendeten die an der DWA-Umfrage beteiligten Netzbetreiber rd. 1311,7 Mio. Euro für die Erneuerung, 302,5 Mio. Euro für die Renovierung und 208,5 Mio. Euro für die Reparatur schadhafter Kanäle auf. Das zeigt, welch enormes Kapital im Boden liegt und welche immensen Anstrengungen und Aufwendungen nötig sind, das Kanalnetz zu erhalten. Auftraggeber und Netzbetreiber sind sich weitestgehend einig, dass die größten Investitionen noch zu tätigen sind und die Sanierung der Kanalisation eine Ewigkeitsaufgabe darstellt.

Die Rohrleitungsnetze mit Gesamtlängen von 575 000 km öffentlichen Abwasserkanälen, 511 000 km Wasserversorgungsleitungen und 530 000 km Gasleitungen sowie 25 000 km Fernwärmeleitungen verkörpern einen (Wiederbeschaffungs-)Wert in der Größenordnung (je nach Berechnungsbasis) von bis zu 900 Mrd. Euro. "Wenn man von Nutzungsdauern zwischen 50 und 100 Jahren ausgeht, müssten jährlich 9 bis 18 Mrd. Euro in die Netze investiert werden", so Körkemeyer. "Dieses Volumen wird nicht erreicht, so dass wir die Netzsubstanz unmerklich, aber stetig aufzehren. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) schätzt, dass sich bereits jetzt allein der kommunale Investitionsstau im Bereich der Kanalisation auf 5 bis 6 Mrd. Euro zur Beseitigung nur der dringlichsten Schäden beläuft."

Im Außenbereich der Jade-Hochschule Oldenburg nutzten einige Aussteller die Gelegenheit, ihre Maschinen zu präsentieren.

Grundsätzlich, so war sich die Fachrunde einig, sei es in dieser Hinsicht auch wichtig, die Bevölkerung mitzunehmen und so das Bewusstsein für den Zustand und die Notwendigkeit der Instandsetzung der Kanalnetze zu schärfen. "Das Thema muss mehr Aufmerksamkeit erfahren. Die Bürger nehmen uns und die Thematik häufig erst dann wahr, wenn wir eine Absperrung aufbauen", sagte Jörg Broll-Bickhardt. Dem stimmten auch die anderen Pressekonferenz-Teilnehmer zu. Wenn von Infrastruktur die Rede sei, würden die meisten an Straßen denken. Das dazu auch der gesamte Rohr- und Leitungsbereich gehöre, hätten viele im wahrsten Sinne des Wortes nicht im Blick. Das Thema müsse bei der Bevölkerung mehr Betroffenheit auslösen, fasste es Körkemeyer zusammen und räumte dabei ein, dass die Branche "in der Hinsicht viel zu wenig in den vergangenen Jahren gemacht hat". Dabei wäre es ein Leichtes, die Schuld für die Probleme auf die Politik abzuwälzen, doch Broll-Bickhardt und Sczepanski sehen die Rohrleitungsbranche in der Pflicht, auch Aufklärungsarbeit zu leisten. "Der Dialog mit der Politik sei sehr wichtig", sagte Sczepanski. Vor allem auch deshalb, weil, wie Broll-Bickhardt hinzufügte, "auch die Experten der Parteien noch sehr weit vom Thema weg sind." Mit dem Fehlen an Sichtbarkeit des Rohrleitungsbaus und der Rohrleitungsinstandsetzung innerhalb der Bevölkerung ging für die Expertenrunde auch ein anderes Thema einher: der Fachkräftemangel, mit dem sich die Baubranche insgesamt konfrontiert sieht. In Oldenburg könne man sich glücklich schätzen, so Thomas Wegener. Seit 1999 seien die relevanten Studiengänge gut besucht. Allerdings, wie der Geschäftsführer der iro GmbH Oldenburg, einräumte, dächten die meisten Studenten bei der Berufswahl eher daran, etwas zu planen und gestalten, "das man sieht, als an Abwasserkanäle". Aus diesem Grund gelte es, Interesse für "Unter-der-Erde-Arbeiten" zu wecken, diese seien schließlich ebenso Ingenieursarbeiten. Wegener ist sich jedoch durchaus bewusst, dass der Fachkräftemangel nicht nur den Ingenieursbereich, sondern auch die Seite der Anwender betrifft. "Die Handwerksberufe müssen interessanter werden", so seine Forderung. Investitionsmittel flössen immer stärker in den Sanierungs- als den Neubaubereich – deshalb müsste auch bei den Anwendern eine Generation nachwachsen, die sich mit den neuen Vorgehensweisen auskennen. Dem stimmte auch Sczepanski zu. Auch im gewerblichen Bereich hätten sich die Anforderungen stark verändert. Für Körkemeyer ist es deshalb auch wichtig, zum Einen bereits in den Schulen für die Branche zu werben, zum Anderen das Studienangebot zu verbreitern.

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