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Arbeitsschutz auf der Baustelle

„Insgesamt versuchen wir, möglichst viel im Freien vorzufertigen“

Dr. Albert Dürr ist geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Wolff & Müller. Das mittelständische Familienunternehmen ist im Hoch- und Industriebau, Ingenieurbau, Stahlbau, bei der Bauwerkssanierung, im Tief- und Straßenbau sowie im Spezialtiefbau aktiv. Zur Unternehmensgruppe gehören weiter die Bereiche Bau- und Rohstoffe sowie baunahe Dienstleistungen. Wolff & Müller beschäftigt mehr als 2000 Mitarbeiter an 27 Standorten im Bundesgebiet und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 950 Millionen Euro.

Mit Maßnahmen wie einem rollierenden Schichtsystem und technischen Hilfsmitteln wie Stützen oder Handliften sorgt die Unternehmensgruppe Wolff & Müller dafür, dass die Arbeiter den derzeit geltenden Mindestabstand einhalten, erläutert der geschäftsführende Gesellschafter der Unternehmensgruppe Dr. Albert Dürr gegenüber der ABZ. Besonders komplex und zeitaufwändig sei es, die Quarantäneregeln für aus dem Ausland einreisende Mitarbeiter der Baupartner einzuhalten.

ABZ: Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf Ihre Baustellen aus?

Dürr: Die Gesundheit der Mitarbeiter hat höchste Priorität. Deshalb gilt es eine Fülle von Maßnahmen zu organisieren und umzusetzen, auch auf den Baustellen. Wir müssen die Bauarbeiten so gestalten, dass die Corona-spezifischen Hygiene- und Abstandsregeln stets erfüllt sind. Dazu stehen wir mit unseren Baupartnern im intensiven Austausch. Besonders komplex und zeitaufwändig ist die Umsetzung der Quarantäneregeln für aus dem Ausland einreisende Mitarbeiter unserer Baupartner. Hier gibt es vom Transport über die eigentliche Baustellentätigkeit bis zur Unterkunft und Versorgung vieles zu beachten und zu regeln. Wir begleiten unsere Projektteams dabei, all diese Maßnahmen vorzubereiten und mit den Gesundheitsämtern abzustimmen. Auch bei Lieferengpässen müssen wir schnell Alternativen beschaffen. Wir sind uns voll und ganz dessen bewusst, was unsere Baustellenteams und Baupartner unter diesen erschwerten Bedingungen jetzt leisten. Ihnen gilt unser größter Respekt und Dank – in den aktuellen Zeiten mehr denn je.

ABZ: Gibt es Verzögerungen beim Bau? Wenn ja, aus welchem Grund und wie viele Baustellen sind davon betroffen?

Dürr: Unser umfangreiches Krisenmanagement zeigt Wirkung: Die Produktion läuft, und wir können unser Leistungsversprechen unseren Kunden gegenüber erfüllen. Um die Lage stets im Blick zu haben, haben wir ein engmaschiges Reporting eingerichtet: Wir erfassen sich abzeichnende Störungen auf allen Baustellen ad hoc, aber mehrfach pro Woche strukturiert. Zurzeit sind alle unsere Baustellen im Plan, nur in fünf Einzelfällen wurde die Baustelle gestoppt, entweder von Seiten des Kunden oder weil eine Kampfmittelräumung nicht möglich war.

ABZ: Zur Vermeidung der Ansteckung mit Corona gelten derzeit strengere Arbeitsschutz-Regeln in den Bundesländern. Halten Sie diese für gerechtfertigt?

Dürr: Absolut. Wir halten die Regeln nicht nur für gerechtfertigt, sondern für unerlässlich, und setzen sie wie beschrieben sehr sorgfältig um. Dass die Vorgaben auf Länderebene gemacht werden, erhöht allerdings den Aufwand – dienlicher wäre eine bundesweit einheitliche Regelung.

ABZ: Wie setzen Sie die Regeln praktisch um? Welche davon sind einfach, welche schwer umzusetzen?

Dürr: Weil jede Baustelle anders ist, werden die Regeln an die individuelle Situation vor Ort angepasst. Die Abstand- und Hygieneregeln sind meist gut umsetzbar. Zum Beispiel: 1,5 Meter Mindestabstand oder – wo das nicht möglich ist – Maskenpflicht, gestaffelte Arbeits- und Pausenzeiten, Besprechungen ausschließlich draußen, Wasch- und Desinfektionsmittel, mehrmals tägliche Reinigung der Sozial- und Sanitärcontainer, An- und Abfahrten maximal zu zweit im Pkw und maximal zu dritt im Kleinbus. Wir informieren unsere Mitarbeiter und Baupartner mittels Ansprache und Plakaten über die Regeln und passen den Sicherheits- und Gesundheitsplan sowie die Gefährdungsanalyse entsprechend an. Schwieriger umzusetzen ist das rollierende Schichtsystem. Wir müssen auch die Arbeiten an diversen Hotspots auf der Baustelle entzerren, damit sich die Arbeiter nicht zu nahekommen. Das zu schaffen, ohne den Bauablauf und die Terminplanung wesentlich zu stören, ist ebenfalls nicht einfach.

Soziales Engagement ist für das Familienunternehmen selbstverständlich. Eine von mehreren Aktionen war die Spende von 2400 FFP2-Schutzmasken an das Stuttgarter Marienhospital.

ABZ: Wie funktioniert es praktisch, den nötigen Abstand von 1,5 Metern auf einer Baustelle einzuhalten?

Dürr: Zum einen haben unsere Poliere und Bauleiter die Einhaltung des Mindestabstands im Blick. Zum anderen stellen wir mehr Tagesunterkunfts- und WC-Container bereit. Arbeiten, die einen engeren Kontakt erfordern, werden entweder zurückgestellt oder mit besonderen Arbeitsschutzmaßnahmen wie FFP-Masken, Augen- oder Handschutz durchgeführt. Bei der Installation von Gebäudetechnik-Anlagen in Schächten und engen Bauteilen achten wir daraus, dass möglichst nur eine Person die Arbeiten ausführt, hier kommen technische Hilfsmittel wie Stützen oder Handlifte zum Einsatz. Insgesamt versuchen wir, möglichst viel im Freien vorzufertigen.

ABZ: Wie regeln Sie es praktisch, dass es weniger Insassen bei An- und Abfahrten geben darf?

Dürr: Wir regeln das durch mehr Fahrten und ein rollierendes Schichtsystem. Manche Mitarbeiter greifen auf ihr Jobfahrrad oder ihren privaten PKW zurück oder gehen auch mal zu Fuß.

ABZ: Gibt es derzeit Kurzarbeit bei Wolff & Müller? Wie viele und welche Mitarbeiter sind davon betroffen?

Dürr: Wir tun alles, um Kurzarbeit zu vermeiden. Um die Auslastung zu sichern, haben wir einen internen Personalmarktplatz eingerichtet: Mitarbeiter, die gerade freie Kapazitäten haben, werden in anderen Bereichen des Unternehmens eingesetzt, zum Beispiel für Sonderaufgaben oder Entwicklungsprojekte. Wir haben auch keinen Einstellungsstopp, ganz im Gegenteil: Wir suchen nach wie vor neue Mitarbeiter und Freelancer. Dennoch haben wir uns mit den Betriebsräten und Mitarbeitern vorausschauend auf Kurzarbeit vorbereitet, um im Falle des Falles schnell reagieren zu können. Wobei auch hier das Solidaritätsprinzip greifen würde: Wenn Einschnitte, dann unternehmensweit für alle Hierarchiestufen.

ABZ: Bis zu 450 Ihrer Mitarbeiter haben in den vergangenen Wochen mobil gearbeitet. Welchen Mitarbeitern wird das ermöglicht?

Dürr: Mobiles Arbeiten haben wir schon vor Corona eingerichtet und die Prozesse und Kommunikation in den vergangenen Jahren stark digitalisiert. All das kommt uns nun in der Pandemie zugute. Mobiles Arbeiten ist zum Beispiel im technischen Innendienst und bei den kaufmännischen Tätigkeiten möglich, ebenso in unseren zentralen Serviceeinheiten wie Personalwesen, Unternehmensentwicklung und IT. Auch wenn Telefon- oder Videokonferenzen die persönlichen Treffen nicht vollständig ersetzen, so sind wir doch positiv überrascht, wie diszipliniert und produktiv die Zusammenarbeit auf Distanz funktioniert.

ABZ: Wie gelingt es Mitarbeitern, mobil zu arbeiten, wenn sie zugleich ihre Kinder zu Hause betreuen?

Dürr: Wir haben eine bezahlte Freistellung für 15 Arbeitstage angeboten. Das heißt, Mitarbeiter mit Kindern unter 14 Jahren, denen mobiles Arbeiten nicht möglich ist, konnten bei voller Fortzahlung zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Für diese pragmatische Lösung gab es viel positives Feedback. Mittlerweile wissen wir, dass die Situation an Kindergärten und Schulen noch länger angespannt sein wird. Führungskräfte und Personalbetreuer beraten Mitarbeiter, die weiterhin nicht mobil arbeiten können, um eine für sie passende Lösung zu finden – dazu haben wir verschiedene Optionen erarbeitet. Wir unterstützen zudem die Einrichtung von Eltern-Netzwerken – leider können wir in diesem Punkt aus haftungsrechtlichen Gründen nicht so initiativ sein, wie wir es gerne wären.

ABZ: Haben Sie vermehrt Krankheitsfälle unter den Mitarbeitern? Wie unterstützen Sie die Betroffenen?

Dürr: Von unseren mehr als 2000 Mitarbeitern waren zwischenzeitlich sieben an Corona erkrankt, aktuell sind es noch zwei Personen. Glücklicherweise sind uns nur milde bis normale Krankheitsverläufe bekannt. Wir halten telefonisch oder elektronisch Kontakt und unterstützen die Betroffenen, falls gewünscht, zum Beispiel in Versicherungsfragen.

Corona-spezifische Hygiene- und Abstandsregeln gelten derzeit auf allen Baustellen von Wolff & Müller – auch beim eigenen Bauprojekt: Die Unternehmenszentrale in Stuttgart wird derzeit zum Wolff & Müller Campus ausgebaut.

ABZ: Sie bieten Darlehen für in Not geratene Mitarbeiter. Welche Konditionen hat dieses Darlehen und wird es derzeit öfter in Anspruch genommen als sonst? Wie oft ist das?

Dürr: Das Darlehen sieht eine günstige Zinsstaffelung vor. Abhängig von der Laufzeit – zwischen zwei und sechs Jahren – liegt diese zwischen 1 und 2 Prozent. Die Zinseinnahmen werden in vollen Umfang an die Wolfgang-Dürr-Stiftung für gemeinnützige Zwecke gespendet. Die Nachfrage ist bislang konstant geblieben, wir konnten keine Corona-bedingte Steigerung verzeichnen.

ABZ: Sie haben das Programm Ihrer hauseigenen Akademie digitalisiert und für Externe geöffnet. Was für Schulungen bieten Sie genau an und wie ist die Nachfrage?

Dürr: Die Wolff & Müller-Akademie vermittelt fachliches Knowhow im technischen, gewerblichen, kaufmännischen und rechtlichen Bereich. Hinzu kommt überfachliches Knowhow, zum Beispiel Führungskompetenz. Die Nachfrage ist sehr hoch: Die rund 200 Seminare werden pro Jahr 3000 Mal belegt. Das Angebot richtet sich an die Mitarbeiter von Wolff & Müller, aber auch an externe Unternehmen rund um die Wertschöpfungskette eines Bauwerks, insbesondere unsere Baupartner. Die Akademie wird von der Wolff & Müller Personalentwicklung als eigenständigem Unternehmen betreut.

ABZ: Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag derzeit aus?

Dürr: Mein Arbeitsalltag steht derzeit im Zeichen des Corona-Managements. Um in der ganzen Unternehmensgruppe einheitlich vorzugehen, haben wir ein Kernteam gegründet. Es besteht aus den Holding-Geschäftsführern Udo Berner, Oliver Wilm und mir sowie Inge Wedel, der Leiterin unseres Geschäftsführungs-Büros. Für Mitarbeiter, Kunden, Baupartner sowie Umwelt und Gesellschaft haben wir je einen Lenkungskreis mit höchstens vier Teilnehmern gegründet. Mit diesen kleinen, schlagkräftigen Teams bewerten wir die Situation jeden Tag aufs Neue und legen pragmatische Maßnahmen für die jeweilige Gruppe fest. Unter www.wolff-mueller.de/corona findet man einen Überblick dazu. Zum Krisenmanagement kommt natürlich noch das normale Arbeitspensum als Geschäftsführer. Ich arbeite wie gewohnt im Büro und abends noch oft von zuhause aus, nur das Reisen fällt weitgehend weg.

ABZ: Wie ist die Stimmung unter Ihren Mitarbeitern?

Dürr: Trotz der Sorgen, die eine solche Ausnahmesituation mit sich bringt, ist die Stimmung gut. Das hängt auch damit zusammen, dass unsere Mitarbeiter sich mitgenommen fühlen und wir es bislang geschafft haben, proaktiv ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Zu allen Maßnahmen halten wir Führungskräfte und Mitarbeiter quasi zeitgleich über die Ergebnisse der Lenkungskreise auf dem Laufenden. Es gibt viel positives Feedback aus dem ganzen Team für unsere Maßnahmen. Besonders stolz bin ich auf die große Solidarität in unserem Familienunternehmen. Es ist toll zu sehen, wie die Mitarbeiter unserer Bereiche Bau, Baustoffe und baunahe Dienstleistungen an einem Strang ziehen, damit wir sicher weiter bauen können – das gilt auch in Bezug auf unsere Baupartner.

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