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Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Ziegelindustrie

Schichtwechsel finden jetzt am Telefon statt

Stephan Jungk in der eigenen Produktionshalle bei JUWÖ in Wöllstein.

Die Ausbreitung des Coronavirus schränkt derzeit große Teile des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens massiv ein. Auch die Baubranche ist davon betroffen, wenn auch weniger stark als andere Industriezweige. Im ABZ-Interview erklärt Stefan Jungk, Inhaber der Ziegelwerke JUWÖ Poroton und Zeller Poroton sowie Präsident des Bundesverbands der Deutschen Ziegelindustrie, wie sich die Corona-Krise auf die Ziegelindustrie in Deutschland auswirkt. Die Fragen stellte Susanne Frank, freie Fachjournalistin aus Gröbenzell.

ABZ: Herr Jungk, seit ein paar Wochen leben wir alle in einer Art Ausnahmezustand. Fast jeder Betrieb ist mehr oder weniger vom "Lockdown" betroffen. Wie sieht es bei Ihnen momentan aus?

Jungk: Als Ziegelindustrie dürfen wir uns nicht beschweren, weil wir bisher wesentlich weniger akut betroffen sind als andere Branchen. Wenn man durch die Werke durchgeht, sieht man eine relativ geringe Anzahl an Personen pro Schicht. Den persönlichen Abstand zu halten, ist kein Problem. Beim Schichtwechsel unterhalten sich die Mitarbeiter nun per Telefon. Büroarbeiter oder der Vertrieb können von zuhause aus arbeiten. Insgesamt erweist sich unsere regionale Ausrichtung von Produktion und Lieferanten, unsere breite Kundenstruktur und unser Geschäftsmodell als weniger anfällig in diesen Zeiten.

ABZ: Und auf den Baustellen?

Jungk: Bei vielen kleineren Baustellen ist es den Bautrupps möglich, Abstand zu halten. Sollte ein Bautrupp ausfallen – falls er unter Quarantäne steht – wird woanders weitergearbeitet. Die Produktion und unsere Kunden sind eher weniger gefährdet. Das ist aber die momentane Situation. Die Gefahr besteht natürlich, dass Baustellen komplett geschlossen werden. Dann stockt die Nachfrage. Mein Unternehmen ist davon zum Beispiel in Luxemburg und Irland betroffen. Andere vom Lockdown in Italien oder Österreich.

ABZ: Bemerken Sie denn einen Einbruch in der Nachfrage nach Ziegeln?

Jungk: Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, im März war die Nachfrage nach Ziegeln in etwa so groß wie nach Toilettenpapier. Wir sind auch in der glücklichen Lage, dass wir genügend Lagerfläche haben. Wir bei JUWÖ können zwei Monate lang produzieren, ohne einen Stein zu verkaufen. Natürlich wird es auch bei uns nach ein paar Monaten kritisch. Momentan fahren wir alle auf Sicht.

ABZ: Ist es ein Vorteil, dass sowohl die Ziegelwerke von Mein Ziegelhaus als auch viele Kunden Mittelständler sind?

Jungk: Auf jeden Fall. Dadurch, dass unsere Kunden in der Bauwirtschaft auch zum großen Teil mittelständische Unternehmen sind, unterhalten wir uns auf Augenhöhe. Allerdings haben wir mit allen unseren Kunden beste Beziehungen, egal ob groß oder klein, Mittelstand oder konzerngebunden. Die Art, wie wir mit unseren Kunden umgehen, macht uns unschlagbar. Gerade während einer Krise ist Flexibilität gefragt.

Strang und Abschneider mit ungebrannten Ziegeln bei JÜWO: Die Nachfrage war zuletzt noch ungebrochen hoch, erklärt Geschäfts-führer Stephan Jungk.

ABZ: Im Moment ist nicht absehbar, wie lange dieser Ausnahmezustand dauert . . .

Jungk: Korrekt. Wenn natürlich die Liquiditätsreserven aufgebraucht sind, dann sieht es systembedingt auch für Mittelständler nicht gut aus. Aber daran möchte ich im Moment noch nicht denken. Ich denke, dass wir insgesamt in unserer Branche sehr resilient sind. Und auch wenn jetzt der Bau von Häusern ins Stocken gerät . . . irgendwann wird die Arbeit auch wieder aufgenommen werden. Nach einem soliden ersten Quartal rechnen wir sowieso in den kommenden Monaten mit einem verzögerten Umsatzrückgang. In welchem Ausmaß das sein wird und welche Folgen das für die Baubranche insgesamt haben wird, hängt von der Dauer der Krise insgesamt ab.

ABZ: Mein Ziegelhaus, der Dachverband mittelständischer Ziegelwerke, feiert dieses Jahr sein 15-jähriges Bestehen. Sie sind seit Anfang an mit dabei, richtig?

Jungk: Genau. Ich bin Gründungsmitglied. Sowohl JUWÖ Poroton als auch Zeller, die damals noch nicht zu uns gehörten, waren 2005 Gründungsmitglieder von Mein Ziegelhaus.

ABZ: Wie kam es dazu, dass Sie sich mit vier anderen Ziegelwerken zusammengetan haben?

Jungk: Damals wie heute gab es den Verband "Deutsche Poroton" mit einem großen Player, der österreichischen Firma Wienerberger und vielen kleinen und mittelständischen Ziegelwerken, die Lizenznehmer der Marke Poroton waren. 2003 und 2004 wurde die Ziegelindustrie von Krisen geschüttelt. Einige Betriebe gingen insolvent, andere wurden aufgekauft. Der Verband "Deutsche Poroton" hat sich in seiner bisherigen Form aufgelöst. Wienerberger auf der einen Seite als großer Konzern – auf der anderen Seite die vielen Mittelständler – das hat nicht mehr gepasst. Aus einer Untergruppierung innerhalb des Verbands, der Poroton MM – MM steht für Mittelstandsmarketing – hat sich schließlich Mein Ziegelhaus gegründet.

ABZ: Dabei waren insgesamt fünf Ziegelwerke?

Jungk: Richtig: Zeller, Rimmele, Klosterbeuren und JUWÖ waren Mitglieder im Poroton-Verband und gleichzeitig die Urkeimzelle von Mein Ziegelhaus. Dazu kam Bellenberg vom Unipor-Verband. Zeller Alzenau gehört inzwischen zur JUWÖ-Gruppe. Wir haben das Werk 2017 erworben. Nicht mehr als Gesellschafter dabei sind Bellenberg und Klosterbeuren. Sie sind aber weiterhin Lizenznehmer und stellen ihre Ziegel nach den Qualitätsstandards von Mein Ziegelhaus her. Das Ziegelwerk Erbersdobler in Fürstenzell bei Passau, das Ziegelwerk Lücking in Paderborn und das Ziegelwerk Stengel in Donauwörth traten 2011 und 2017 bei.

Blick auf Werk und Lager des Ziegelwerks Lücking in Bonenburg.

ABZ: Der Ausbau der Marktposition gehörte zu den Zielen, die man damals formuliert hatte. Was hat man in der Hinsicht erreicht?

Jungk: Es ist natürlich schwierig, die heutige Situation mit der Anfangszeit zu vergleichen, da sich die Gesellschafterzusammensetzung geändert hat. Außerdem sind heute wie damals die regionalen Unterschiede groß. Für das Werk JUWÖ Poroton lässt sich auf jeden Fall sagen, dass der Marktanteil im Absatzgebiet Rheinland-Pfalz und Hessen gestiegen ist.

ABZ: Können Sie ein paar konkrete Zahlen nennen – zum Umsatz und den Mitarbeitern in der Gruppe?

Jungk: Über alle Ziegelwerke und Lizenznehmer hinweg erwirtschaftete Mein Ziegelhaus 2019 einen Umsatz von 122 Millionen Euro. Mitarbeiter beschäftigen wir zusammen etwa 500. Das jährliche Produktionsvolumen liegt bei 635 Millionen Stück Ziegel.

ABZ: Und der Marktanteil?

Jungk: Die einzige Zahl, die mich wirklich interessiert, ist der Marktanteil des Baustoffs Ziegel in Deutschland insgesamt. Mit mehr als 30 Prozent ist der Ziegel weiterhin mit Abstand Marktführer im Mauerwerksbau. Der Marktanteil von Mein Ziegelhaus trägt dazu positiv, aber regional unterschiedlich bei.

ABZ: Als Ziel wurde auch formuliert, dass man die Innovationsführerschaft übernehmen will. Hat man das erreicht?

Jungk: Es gibt auf jeden Fall eine herausragende Innovation – den mit Mineralwolle gefüllten Ziegel MZ-8, der heute noch in verschiedenen Varianten produziert wird. Man kann sagen: Mein Ziegelhaus hat den mineralwollegefüllten Ziegel erfunden – es gibt inzwischen einige Hersteller, die ein ähnliches Produkt vertreiben.

ABZ: Welche Produkte wurden noch entwickelt?

Jungk: Der MZ-G ist ein Ziegel, der speziell für den Geschosswohnungsbau entwickelt wurde. Ein Doppelsteg im Ziegel sorgt für eine verbesserte Statik im Wandaufbau. Dann haben wir noch einen hochwärmedämmenden Vollkeramikziegel entwickelt. Wir bezeichnen ihn als unsere "S-Klasse"; sie kommt komplett ohne zusätzliche Dämmstoffe im oder am Ziegel aus. Er verfügt über eine besondere Lochgeometrie. Die Stege sind filigraner und er hat daher kleinere und homogen verteilte Hohlräume. Der Wärmestrom braucht von innen nach außen länger. Dadurch, dass viel Luft im Ziegel ist, die in der Wand nicht zirkulieren kann, bietet er einen sehr guten Wärmeschutz. Und auch die Rohstoffzusammensetzung ist ausgeklügelt. Dieser Ziegel eignet sich besonders für Einfamilienhäuser oder Reihenhäuser.

ABZ: Sind die Möglichkeiten der Optimierung inzwischen ausgereizt?

Jungk: Wir haben – was die Innovationszyklen angeht – eine technologische Hochebene erreicht. Wir können heute mit Ziegel Passivhäuser und ein Plus-Energiehaus bauen. Was den Wärmeschutz angeht, kann man nicht mehr viel verbessern. Man kann noch den einen oder anderen Wert optimieren, um die Druckfestigkeit zu erhöhen. Im Grunde machen wir heute bauphysikalisches Finetuning.

ABZ: Wo wird der Fokus bei zukünftigen Entwicklungen liegen?

Jungk: Die Marschrichtung lautet: Wir werden Nachhaltigkeitskonzepte entwickeln, um die Recyclingfähigkeit des Ziegels weiter zu verbessern. Ein weiterer Fokus liegt auf der Optimierung der Produktionstechnologie, wobei im Hinblick auf Nachhaltigkeit in den letzten Jahren schon viel erreicht wurde. Im Bereich der Anwendungstechnik werden immer neue Aufgaben an uns herangetragen. Nachhaltigkeit ist schon immer eine der Kernkompetenzen des Ziegels. Bei JUWÖ sage ich dazu gerne salopp unter Bezugnahme auf unser Gründungsjahr "Green Deal seit 1862". Heute müssen wir bereits in Richtung Quartiersentwicklung denken, und dass zum Beispiel Schallschutz und sommerlicher Wärmeschutz beim Hausbau wieder an Bedeutung gewinnen werden.

ABZ: Hans R. Peters, der den Verband seit seiner Gründung geleitet hatte, ging 2019 in den Ruhestand. Steht die Berufung von Tristan Klein als neuem Geschäftsführer auch für einen Richtungswechsel im Verband?

Jungk: Nein. Mit ihm wird die Kontinuität gewahrt. Wir werden weiterhin den Schwerpunkt auf die gemeinsame Weiterentwicklung unserer Produkte legen. Mit seinem fachlichen Hintergrund im Bereich Keramik wird er da sehr wichtige Impulse geben können. Frischen Wind und gute Ideen zur Umsetzung von BIM und digitalisiertem Office bringt er ebenso mit.

ABZ: Seit 2017 sind Sie Präsident des Bundesverbands der Deutschen Ziegelindustrie. Wo sehen Sie dort ganz aktuell Ihre Aufgaben?

Jungk: Generell vertrete ich den Verband nach außen. Jetzt in der Krise ist es natürlich etwas schwieriger, das persönliche Netzwerk zu pflegen. Zu meinen Aufgaben gehört auch, die Strategie gemeinsam mit Dr. Frederichs, dem Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands, und dem Team in Berlin festzulegen. Unser Ziel ist es, die Ziegler bundesweit noch stärker in den Bundesverband zu integrieren. Wir streben eine starke Solidarität unter allen Zieglern an, um für die Herausforderungen aus Brüssel besser gewappnet zu sein. Mit einer stärkeren Bündelung unserer Mitglieder haben wir dann einfach mehr Gewicht, wenn es darum geht, organisatorisch unsere Interessen zu vertreten. Und heute in Zeiten von Corona gehört es natürlich auch dazu, Mut zu machen.

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