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Bauaussichten 2018

Digitalisierung? Sicher, aber bitte nicht den Menschen vergessen

Von Ralf Bürger, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Doka, Maisach

Aktuell erleben wir einen Bauboom wie zuletzt in den 1990er-Jahren nach der Wiedervereinigung. Mitte vergangenen Jahres hob der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie seine Prognose für 2017 von 5 auf 6 %. Für dieses Jahr rechnet man mit einem ähnlich guten Wachstum (5,5 %). Kurzum: Die Auftragsbücher der Bauunternehmen und ihrer Dienstleister sind voll, die Konjunktur brummt. Wie andere Industrien hat auch die Baubranche das Ziel, ihre Wirtschaftlichkeit zu erhöhen – und doch sind noch immer bis zu 30 % der Baukosten auf Ineffizienz, Fehler, Verzögerungen oder schlechte Kommunikation zurückzuführen (Quelle: The Economist). Noch interessanter wird es, wenn man sich die Produktivitätsentwicklung ansieht: 57 % der Zeit fällt auf nicht wertschöpfende Tätigkeiten. Zum Vergleich: Beim produzierenden Gewerbe sind es gerade einmal 12 % (Quelle: Construction Industry Institute).

Ein Teil dieser ungenutzten Potentiale kann sicherlich durch Technik und zunehmende Digitalisierung abgefangen werden. Entsprechend stark war 2017 meine mediale Wahrnehmung durch das Thema Digitalisierung geprägt. Bis zu einem gewissen Grad hat das wie gesagt durchaus seine Berechtigung. Doch die Art, wie Digitalisierung streckenweise zum Überlebensfaktor für die Baubranche stilisiert wird, ist meiner Ansicht nach etwas übertrieben.

Sicherlich ist es wichtig, sich als Anbieter fit zu machen, wenn die Frage nach digitalen Angeboten kommt – das haben auch wir getan, siehe Online Shop oder die Beton-Sensortechnologie Concremote. Und wenn Projekte nach BIM ausgeschrieben werden, können wir liefern, sind wir bereit. Die Wahrheit aber ist: In Deutschland gibt es aktuell fast keine richtigen BIM-Projekte, d. h. von Leistungsphase 0 bis zur Nutzung. Das wird hierzulande meiner Meinung nach auch noch etwas dauern. Das ist aber kein Grund, in Panik zu verfallen.

Digitalisierung ist wichtig, klar. Die Entwicklung hat ja auch schon ihren Lauf genommen. Aber die Baubranche ist immer noch ein "people's business": Menschen machen Geschäfte mit Menschen. Sie wollen nicht ausschließlich über Cloud-basierte Masken miteinander arbeiten und kommunizieren, sondern immer noch mit ihrem Techniker oder Berater persönlich reden, ihn auf der Baustelle treffen und sich vor Ort mit ihm beraten.

Am Ende des Tages kommt es darauf an, auch auf menschlicher Ebene gut zusammenzuarbeiten. Es geht um Vertrauen und Sicherheit, dass man sich aufeinander verlassen kann und der Dienstleister wirklich versteht, was sein Kunde im Einzelfall braucht. Gerade in der heutigen Zeit, in der immer schneller und immer kosteneffizienter gebaut werden soll, selbst bei höchst komplexen Bauvorhaben, spielen Erfahrung, Um-die-Ecke-Denken und fachliches Knowhow eine ganz entscheidende Rolle. Viele Erfahrungswerte kann man natürlich digital festhalten, so dass man bei baugleichen oder –ähnlichen Projekten auf entsprechende Daten zurückgreifen kann. Eins zu eins übertragbar ist dennoch kein Bauplan – oder wie in unserem Fall der Schalungsplan. Da braucht es nach wie vor den kompetenten Techniker, Vertriebsmitarbeiter, Entwickler etc., der fachliche Fragen beantworten und aus verschiedenen Möglichkeiten die für das Projekt sinnvollste Lösung entwickeln und umsetzen kann.

Damit komme ich wieder auf die eingangs erwähnte hohe Zahl der nicht wertschöpfenden Zeit im Baugewerbe (zur Erinnerung: 57%). Bloß mit der Digitalisierung wird man diese Quote nicht auf ein Minimum reduzieren können. Vielmehr geht es darum, die bisherige Prozess- bzw. Wertschöpfungskette zu überdenken, etwa indem man Spezialisten und Fachexperten frühzeitiger zurate zieht. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Wir haben festgestellt, je früher wir in die Prozesskette einbezogen werden, bspw. mit der Submissionsphase, desto höher die Produktivitätsquote. Deshalb ist meine Prognose auch gleichzeitig eine Empfehlung für 2018 und darüber hinaus: Wer wirklich das Potential der positiven Wachstumszahlen ausschöpfen möchte, sollte den Mut zu solchen Veränderungen haben, und sei es erst mal nur in kleinen Schritten.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 01/2018.

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