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Bauaussichten 2021

Mit sozialem Wohnungsbau das gesellschaftliche Immunsystem stärken

Von Dr. Ronald Rast, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau, Berlin

Im Spätherbst titelte die Tagesschau "Der Bau kennt keine Corona-Krise". Die Umsätze hätten sich um 4,9 Prozent erhöht, die Zahl der Beschäftigten habe um 1,5 Prozent zugelegt, wesentliche Effekte durch die Pandemie seien nicht zu erkennen. Die Momentaufnahme suggeriert, dass die Bauwirtschaft deutlich besser durch die Krise gekommen ist als andere Branchen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn was heute gebaut wird, basiert überwiegend auf den Baugenehmigungen aus der Vor-Corona-Zeit sowie auf den Auftragsüberhängen aus den vergangenen Jahren. Mittel- und langfristig wird auch der Bau die Auswirkungen spüren. Rund die Hälfte der Unternehmen berichtet von einer abnehmenden Nachfrage, steigenden Stornierungszahlen und rückläufigen Baugenehmigungen. Welche Spätfolgen der weitere Verlauf der Pandemie auf die Bauwirtschaft haben werden, ist aus heutiger Sicht noch unklar.

Sehr klar zeichnet sich hingegen ab, dass die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum rasant steigen wird. Auch wenn die Zahl der Kurzarbeiter erfreulicherweise von 7,3 Millionen im Mai auf 3,2 Millionen im Oktober zurückgegangen ist, mussten viele Beschäftigte erhebliche Einkommenseinbußen hinnehmen. Und es könnte noch schlimmer kommen: Das Institut der Deutschen Wirtschaft schätzt, dass 2020 fast 600 000 Beschäftigte Corona-bedingt ihren Job verlieren werden. Creditreform rechnet für 2021 mit 24 000 Insolvenzen. Man muss also kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass in den kommenden Jahren viele Menschen ihre Mieten nicht mehr bezahlen beziehungsweise die Kredite für ihr Einfamilienhaus oder ihre Eigentumswohnung nicht mehr bedienen können. Schon heute sind 11,4 Millionen Deutsche finanziell überlastet, weil ihre Wohnkosten mehr als 40 Prozent ihres Einkommens ausmachen. Das liegt vor allem daran, dass Bauen immer teurer wird. Aktuelle Untersuchungen belegen, dass vor allem in den Ballungszentren unter 3800 Euro kaum noch ein Quadratmeter Wohnfläche inklusive Baulandkosten errichtet werden kann. Auf den Mietpreis umgerechnet, bedeutet dies im frei finanzierten Wohnungsbau eine Kaltmiete von 12,50 Euro pro Quadratmeter – eine Mietkostenbelastung, die Geringverdiener, Rentner und viele Beschäftigte in systemrelevanten Berufen, wie Krankenschwestern, Busfahrer oder Supermarktkassiererinnen, finanziell deutlich überlastet.

Trotz Mietpreisbremse, Milieuschutz und Mietendeckel konnte nicht verhindert werden, dass die Mieten doppelt so schnell gestiegen sind wie die Löhne und Gehälter. Auch wenn die Zahl der Zuwanderungen aufgrund der Pandemie im August auf den niedrigsten Stand seit 2010 gesunken ist, wird sie mittelfristig mit großer Wahrscheinlichkeit wieder deutlich ansteigen. Laut Prognosen der Wirtschaftsweisen wird Deutschland eines der wenigen Länder sein, das mit vergleichsweise geringen wirtschaftlichen Einbußen durch die Krise kommt. Wo also werden die jungen Menschen aus anderen europäischen Ländern eine berufliche Perspektive suchen? Wenn wir nicht wollen, dass fehlender Wohnraum zum sozialen Sprengstoff wird, muss die Förderung des sozialverträglichen und mit Blick auf den demografischen Wandel auch altersgerechten Wohnungsbaus zu einer der wichtigsten politischen Aufgaben in der Nach-Corona-Zeit werden. Was wir brauchen, ist eine neue Wohnungsbau-Offensive in der nächsten Legislaturperiode.

In seiner Rede anlässlich des Deutschen Baugewerbetages forderte ZDB-Präsident Reinhard Quast, dass sozialverträgliches, nachhaltiges und wertbeständiges Bauen zusammengebracht werden müssen. Dem kann ich nur zustimmen. "Bezahlbarkeit geht immer auf Kosten der Nachhaltigkeit" oder "Nachhaltigkeit hat ihren Preis", sind weitverbreitete Vorurteile, mit denen ich in Gesprächen immer wieder konfrontiert werde. Dabei lassen sich Bezahlbarkeit, Nachhaltigkeit und Werthaltigkeit mit der richtigen Bauweise sehr wohl unter einen Hut bringen.

Bezahlbarer Wohnraum beginnt immer mit der Wirtschaftlichkeit der Bauweise. Hier eröffnet besonders das typisierte Bauen mit Kalksandstein-, Leichtbeton-, Porenbeton- und Ziegel-Mauerwerk erhebliche Einsparpotenziale. Eine aktuelle Studie der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V. kommt zum Ergebnis, dass der typisierte Mauerwerksbau mit 1950 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche die kostengünstigste Bauweise ist. Zu noch besseren Ergebnissen kam eine Auswertung von 25 nach dem "Kieler Modell" gebauten Typenhaus-Projekten in Schleswig-Holstein. Hier lagen die Bauwerkskosten im Median bei 1800 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche – und gehören damit zu den kostengünstigsten Geschosswohnungsbauten auf dem deutschen Wohnungsmarkt.

Hartnäckig hält sich auch das Vorurteil, dass mineralische Baustoffe weniger nachhaltig sind. Was viele überraschen dürfte: Mauerwerksbauten haben über einen Lebenszyklus von 80 Jahren den kleinsten ökologischen Fußabdruck. Laut einer aktuellen Studie der LCEE verursacht ein typisches Mehrfamilienhaus aus Mauerwerk über den gesamten Lebenszyklus betrachtet 4 Prozent weniger CO2-Äquivalente als ein vergleichbares Gebäude in Holzleichtbauweise. Aber auch die aktuellen Entwicklungen und Forschungsergebnisse machen Mut. Danach wird es immer wahrscheinlicher, dass die mineralischen Baustoffhersteller die politischen Zielsetzungen zur zukünftigen Herstellung CO2-neutraler Baustoffe erreichen und mit entsprechender staatlicher Förderung auch dem Ziel einer echten Kreislaufwirtschaft gerecht werden. Die ersten Roadmaps für diesen Weg haben die Kalk-, Zement- und Betonindustrie schon vorgelegt. Die Mauersteinhersteller werden zu Jahresbeginn 2021 folgen.

Die Herausforderungen, die vor uns liegen, können nur in engem Schulterschluss zwischen Politik und Bauwirtschaft bewältigt werden. Wir als Mauerwerksindustrie wollen die Politik bei der Schaffung sozialverträglichen, nachhaltigen und wertbeständigen Wohnraums aktiv unterstützen. Wir wären sogar in der Lage, die Taktzahl beim Bauen noch zu erhöhen, wenn die Politik das Mehr an Tempo und das Weniger an Vorschriften auch nach der Pandemie beibehält. Denn das Virus hat deutlich gemacht, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Vertrauen, Verantwortung und Verständnis füreinander vieles ganz unbürokratisch auf den Weg bringen können.

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