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Berlins Einheitsdenkmal?

225 Jahre Brandenburger Tor

Architektur, Stadtentwicklung

Weltweit ist der klassizistische Bau zum Wahrzeichen Berlins und zum Symbol der wechselvollen deutschen Geschichte geworden.

Berlin. – Typisch Berlin. Als das Brandenburger Tor am 6. August 1791 eröffnet wurde, war das königliche Bauwerk noch gar nicht fertig – die berühmte Quadriga mit dem Vierergespann der Friedensgöttin wurde erst zwei Jahre später aufgesetzt. Zum 225. Geburtstag ist das längst vergessen. Weltweit ist der klassizistische Bau zum Wahrzeichen Berlins und zum Symbol der wechselvollen deutschen Geschichte geworden.

Kaum ein Staatsgast lässt sich den Gang durch die monumentalen Sandsteinsäulen entgehen, die Fußball-Nationalmannschaft feierte 2014 hier ihren WM-Pokal, und alljährlich kommen Hunderttausende zu Deutschlands größter Silvesterparty. Bei Ereignissen, die die Welt erschüttern, wird das Tor farbig angestrahlt – etwa beim Anschlag auf den Nachtclub in Orlando mit den Regenbogenfarben der Schwulenbewegung.

Im Alltag ist der Hauch der Geschichte zwischen Selfie-Touristen, Pferdekutschen und Bierbikes nicht immer zu spüren, doch die Ereignisse haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. Etwa der legendäre Auftritt von US-Präsident Ronald Reagan, der zur 750-Jahr-Feier der Stadt 1987 an den damaligen russischen Präsidenten Michail Gorbatschow appellierte: "Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!"

Zu diesem Zeitpunkt war die Deutsche Einheit noch eine Utopie. Seit 26 Jahren teilte die Mauer Berlin in Ost und West, das Brandenburger Tor lag – halbkreisförmig umschlossen – mitten im DDR-Sperrgebiet. Nur DDR-Grenzsoldaten und handverlesene Besucher hatten Zutritt.

Doch zwei Jahre später wird das Unglaubliche wahr – und das Brandenburger Tor wieder zum Brennpunkt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 stürmen Tausende von beiden Seiten unter unbeschreiblichem Jubel die Mauer und feiern die Wiedervereinigung. "Heute verbinden Menschen aus aller Welt das Brandenburger Tor mit Freiheit, Toleranz und Weltoffenheit", sagt ein Sprecher der verantwortlichen Senatsverwaltung für Kultur. Dabei hatte das Gebäude ursprünglich keinen politischen Zweck. Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. gab den Bau bei dem Architekten Carl Gotthard Langhans in Auftrag, weil er einen würdevollen Abschluss des Boulevards Unter den Linden wünschte. Das bisherige Stadttor von 1734 wurde dafür abgerissen. Der Neubau entstand nach dem Vorbild der Propyläen in Athen, bis zum Ende der Monarchie durften nur Mitglieder der kaiserlichen Familie das große Mitteltor nutzen.

Eine historische Zäsur gibt es 1933. Am 30. Januar feiern die Nazis ihre Machtübernahme mit einem Fackelzug der SA durch das Brandenburger Tor, fortan benutzen sie es als Parteisymbol. Vom Künstler Max Liebermann, der sein Haus in unmittelbarer Nachbarschaft hatte, ist der Satz überliefert: "Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte."

Im Krieg wurde das Tor stark in Mitleidenschaft gezogen. Doch erst 1956 entschied sich der Ost-Berliner Magistrat statt zum erwogenen Abriss zu einem Wiederaufbau. Im vereinten Deutschland folgte nach der Jahrtausendwende eine Generalsanierung für 4 Mio. Euro. Zwei Jahre war das zu DDR-Zeiten heruntergekommene Wahrzeichen dafür hinter riesigen Werbepostern verpackt. Auch der Pariser Platz, Berlins "gute Stube" vor dem Tor, ist längst wieder herausgeputzt. Das Hotel Adlon, die Berliner Akademie der Künste, ein Bankgebäude von Stararchitekt Frank Gehry, mehrere Stiftungen sowie die Botschaften der USA, Frankreichs und Großbritanniens gehören zu den Anrainern. Sie haben sich vor zwei Jahren zusammengeschlossen, um dem Ort eine neue Ausstrahlung zu geben. "Wir wollten uns nicht nur beklagen, sondern auch selbst etwas tun", sagt Rechtsanwalt Pascal Decker, Vorstand der Initiative. Denn den Bewohnern, aber auch vielen Berlinern ist der ständige Rummel vor dem Tor zunehmend ein Dorn im Auge. Bis zu 100 Tage im Jahr wird die angrenzende Straße des 17. Juni für Großevents wie Modewoche, Fan-Meile oder Christopher-Street-Day gesperrt. Auch Polit-Aktivisten, nackte Tierschützer und Straßenkünstler nutzen zahlreich die werbewirksame Kulisse. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) nennt die Vermarktung des Orts einen "rücksichtslosen Umgang mit unserer Geschichte". Das Brandenburger Tor sei das eigentliche Einheits- und Freiheitsdenkmal in Berlin, sagt sie in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. "Wären wir von Anfang an anders damit umgegangen, wäre der Wunsch nach einem weiteren Denkmal vielleicht nie aufgekommen", sagte sie mit Blick auf die vorerst gescheiterten Planungen für ein Einheitsdenkmal in Berlin und in Leipzig.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 32/2016.

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