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Realistische Prozessoptimierung

BIM am Bau - Hype oder Heilsbringer?

Von Frank Kocher

IT im Bauwesen, Building Information Modeling

Frank Kocher: "Die Versprechungen des ,big BIM', auf der Basis nur eines 3D-Modells alle Prozesse rund um ein Bauwerk von der Planung bis zum Abriss zu managen, sind unrealistisch."

SINGEN (ABZ). - Alle Welt redet über BIM und den damit verbundenen Nutzen. Doch Bauunternehmer fragen sich: Was bringt das für mich? Ist es nur Mehraufwand oder ein tatsächlich messbarer Vorteil? Ich bin der Meinung, dass die allgegenwärtige Werbung der Software-Industrie für BIM in manchen Punkten überzogen ist. Insbesondere die Versprechungen des "big BIM", auf der Basis nur eines 3D-Modells alle Prozesse rund um ein Bauwerk von der Planung bis zum Abriss zu managen, sind unrealistisch.

Zu unterschiedlich sind die Anforderungen in den Projektphasen. Während Planer, und hier insbesondere Architekten, aus Gründen der Verkaufsförderung großen Wert auf die Visualisierung legen, müssen Bauunternehmer ihr Augenmerk auf eine korrekte Mengenermittlung richten. Nutzer der zukünftigen Gebäude haben wiederum ganz andere Anforderungen an ihre Daten. Für die Bewirtschaftung, wie bspw. Miet- und Reinigungsmanagement, genügen ihnen in aller Regel 2D-Übersichten. Erst bei Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen oder dem Abriss sind 3D-Modelle wieder interessant. Ein anderes Beispielist der Kanalbau. Ingenieure planen ausschließlich Netze mit Schächten und Haltungen, insbesondere unter dem Aspekt der hydraulischen Dimensionierung. Bauunternehmer interessieren Schächte und Haltungen natürlich auch, aber für ihre Kalkulation, Arbeitsvorbereitung und Abrechnung sind vor allem die Bodenmassen und Verbauflächen wichtig. Planer müssen diese Mengen für die Ausschreibung – bislang eher überschlägig – ermitteln. Das Modellieren der Bodenmassen in 3D gehört jedoch nicht zu ihren Aufgaben.

Die Betreiber der Netze wiederum interessieren die Bodenmassen nach Zahlung der Schlussrechnung nicht mehr. Sie benötigen ein Geoinformationssystem mit dem Netz aus Schächten und Haltungen. Entscheidend für sie sind weitere Informationen wie Schäden an Bauteilen. Die aufgezeigten Beispiele zeigen mir, dass nur ein 3D-Modell für eine Baumaßnahme nicht ausreichend ist, um die Bedürfnisse aller Prozessbeteiligten zufrieden zu stellen. Zudem halte ich es für wichtig, die Idee BIM richtig einzuordnen. Bereits seit 1996 lassen sich im Format Isybau wesentliche Eck-daten eines Kanal-Modells übergeben. Und mit der Prismenabrechnung nach REBVB 22.013 rechnen Erdbauer bereits seit den 1960er Jahren modellbasiert ab. In Vergangenheit konnte man Modelle allerdings noch nicht so attraktiv visualisieren, wie es heute möglich ist. So neu, wie es zuweilen in den Medien dargestellt wird, ist BIM also gar nicht.

Zusätzlich muss ich darauf hinweisen, dass es zumeist unvermeidlich ist, dass Bauunternehmer Planungsdaten verändern und fortschreiben, um sie an ihre Anforderungen anzupassen. Daher ist meiner Meinung nach die Vorstellung, mit einem einzigen Modell von der Planung bis zum Abriss zu arbeiten, nicht zu halten. Vielmehr benötigen Baufirmen Softwareprodukte, die aus 2D-Daten sehr schnell Modelle erzeugen können. Gut geeignet sind zudem Programme, mit denen sie die über vorhandene 3D-Formate, wie Isybau, importierten Modelle für ihre Zwecke verändern können. Das Potential zur Optimierung der internen Prozesse einer Baufirma mit Hilfe von parallelen 3D-Modellen – auch "little BIM" genannt – ist groß. Für wichtig halte ich dabei die Verzahnung der Modelle mit der Prozesskette Kalkulation-Arbeitsvorbereitung-Bauausführung-Abrechnung und Dokumentation.

Richtig angewendet verschafft diese Arbeitsweise Bauunternehmen Wettbewerbsvorteile durch genauere Kalkulation, gezielte Bestellung und schnelle sowie korrekte Abrechnung inklusive der notwendigen Dokumentation. Die dabei eingesetzten Methoden und Schnittstellen existieren oft schon seit Jahren und sind sehr bewährt. Durch moderne 3D-Softwareprodukte lassen sie sich heute jedoch viel einfacher nutzen. Dem Treiben der big-BIM-Propheten sollte man deshalb aus meiner Sicht gelassen zuschauen.

Der Autor ist der kreative Kopf der 2005 gegründeten Firma isl-kocher. Das Unternehmen aus Siegen entwickelt und vertreibt Software für das Baustellenmanagement. Frank Kocher hat über 27 Jahre Erfahrung im Bauwesen und beschäftigt sich seit 19 Jahren mit Bausoftware.

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