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BIM-Nutzung im Ländervergleich

Wer führt bei der Implementierung in Europa?

Von Rudi Pistora

Für die Untersuchung des BIM-Ländervergleichs wurde Veröffentlichungen aus mehreren Ländern Europas herangezogen.

Garching. – In der Bau- und Immobilienwirtschaft setzen sich digitale Lösungen in den verschiedenen Phasen der Projektplanung immer stärker durch. BIM ist in aller Munde, allerdings setzen längst nicht alle Unternehmen das Verfahren ein. Ein aktueller Überblick zur Situation in Deutschland und Europa.

Building Information Modeling (BIM) ist eine dieser Technologien, die eine weitreichende Prozess-optimierung am Bau verfolgt und deren Anwendung in Europa stark im Kommen ist. Aber wer nutzt BIM – und in welchem Umfang? Das Unternehmen PlanRadar wollte mehr zum Einsatz von BIM in den verschiedenen europäischen Märkten erfahren und einen Blick auf den aktuellen Stand erhalten. Dazu wurden zwölf Erhebungen und Studien aus mehreren Ländern Europas analysiert und Interviews mit Bauexperten geführt, um den Status Quo in der Entwicklung und Implementierung von BIM in der DACH-Region, Großbritannien, Frankreich, Kroatien, Polen und Russland darzustellen. Im Fokus der Umfrage standen dabei Unternehmen aus dem Bausektor, die neben Architekten und Planern auch Bauunternehmen, Bauträger und Projektentwickler umfassen. Ebenso wurde untersucht, inwieweit Regierungen der einzelnen Länder die BIM-Technologie und digitale Arbeitspraktiken regeln und unterstützen.

Wie bei vielen anderen Technologien hat sich das Verständnis von BIM über die Zeit weiterentwickelt und dadurch auch Funktionen und Möglichkeiten verändert. Da jedoch viele Märkte gerade erst mit der Einführung von BIM starten, ist eine Betrachtung des BIM-Reifegrads von Unternehmen und der allgemeinen Adaption durch vier verschiedene Stufen, BIM Level 0 bis Level 3, zu analysieren: angefangen bei Level 0, welcher für eine geringfügige digitale Zusammenarbeit von Projektteams im Planungs- und Bauprozess steht, bis hin zum höchsten Level 3. Jenes beschreibt eine vollständige Digitalisierung des Datenaustausches und der Kooperation einzelner Projektmitarbeiter.

Großbritannien ist BIM-Meister

Laut Ländervergleich ist Großbritannien in Europa insgesamt führend bei der Implementierung von BIM-Technologien. Rund 80 Prozent der Unternehmen im britischen Bausektor setzen diese Technologie aktiv ein. Großbritannien hat bereits seit 2007 BIM-Standards entwickelt und eingesetzt, die auf nationaler Ebene verabschiedet wurden. Seit 2016 müssen alle staatlich geförderten Projekte mindestens BIM Level 2 verwenden. Dies hat zu einem enormen Anstieg des Bewusstseins und der Nutzung von BIM geführt.

In Deutschland nutzen rund 70 Prozent der Bauunternehmen BIM auf verschiedenen Ebenen. Mehr als zwei Drittel der Nutzer sind Architekten und Planungsbüros. Unter den Anwendern ist BIM Level 2 bereits weit verbreitet, wobei es jedoch auch noch viele Nutzer auf BIM Level 1 gibt. Seit 2017 ist BIM für Projekte im Wert von über 100 Millionen Euro verpflichtend. Ebenso ist seit 2020 die Nutzung von BIM für alle öffentlichen Aufträge, die den Bau von Bundesinfrastruktur oder infrastrukturrelevanten Gebäuden betreffen, verpflichtend.

Der direkte BIM-Ländervergleich macht deutlich, welche Plätze von digitalen Vorreitern besetzt sind und an welchen Stellen es noch Ausbaumöglichkeiten gibt.

Bei der Einführung von BIM in der Bauwirtschaft hat Deutschland viel von den Erfahrungen Großbritanniens gelernt. Während die ersten deutschen BIM-Projekte zwischen 2006 und 2009 durchgeführt wurden, wird BIM seit 2015 konsequent bei Großprojekten mit einem Budget von 25 Millionen Euro oder mehr eingesetzt. Das bringt mit sich, dass die Technologie vorwiegend von großen Anwendern genutzt wird. So nutzen etwa kleine Planungsbüros BIM kaum.

Großflächige Nutzung

Derzeit gibt es in Deutschland keine spezifischen BIM-Standardklauseln für Planungs- und Bauverträge, die über die ISO-Normen hinausgehen. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) hat angekündigt, kleine und mittlere Unternehmen bei der Umstellung auf BIM finanziell zu unterstützen. Außerdem sollen verstärkt Pilotprojekte gefördert werden, um Unternehmen dabei zu helfen, die besten Ansätze für die Einführung von BIM zu finden.

Zahlreiche Verbände und Unternehmen haben in Deutschland die Gruppe Planen Bauen 4.0 gegründet, die die Umsetzung von BIM im Land aktiv unterstützt. Darüber hinaus gibt es zwei Ebenen offizieller Standardisierungsaktivitäten, wobei die erste Ebene durch den VDI (Verein Deutscher Ingenieure) vertreten wird. Die Organisation ist für die Entwicklung von Rechtssicherheitsstandards wie VDI2552 verantwortlich und wird den deutschen nationalen BIM-Standard entwickeln, der vom Deutschen Institut für Normung – DIN – genehmigt werden soll.

Frankreich auf dem dritten Platz

Obwohl die Verwendung von BIM für Investitionsbauprojekte, ob öffentlich oder privat, nicht verpflichtend ist, verwenden rund 60 Prozent aller Bauunternehmen in Frankreich Informationsmodellierung. Einen großen Teil davon machen Architekten und Planer aus. Von den französischen Bauträgern setzen rund ein Drittel auf die Technologie. Die Arbeit mit BIM ist in Frankreich generell weit fortgeschritten. Am häufigsten wird auf dem BIM Level 2 gearbeitet.

BIM wurde in Frankreich ab 2006 populär, allerdings nur innerhalb einer begrenzten Anzahl von Berufsgruppen – hauptsächlich Architekten und Designer. Die Umsetzung erster Projekte begann in den 2010er Jahren. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. So kam die Technologie seit Einführung beim Bau von rund 500 000 Wohnhäusern zum Einsatz.

Je nach Land wird ein anderer Schwerpunkt beim Einsatz vom BIM gesetzt.

In Frankreich gibt es noch keinen einzigen BIM-Standard, der in Gesetzen oder Vorschriften verankert ist. Aber der Staat fördert die Technologie, insbesondere in Bezug auf große öffentliche Projekte. Im Jahr 2017 wurde eine Roadmap für die BIM-Standardisierung veröffentlicht. Ende 2018 wurde der BIM-Plan 2022 ins Leben gerufen, um die Baubeteiligten zu ermutigen, BIM in ihre Arbeitsabläufe zu integrieren. Die Branche hofft, dass dies bis 2022 landesweit umgesetzt werden kann. Doch bisher gibt es Schwierigkeiten durch uneinheitliche Formate und unterschiedliche Programme. Das erschwert die Adoption.

Polen und Russland holen auf

Neuesten Daten aus dem März 2021 zufolge verwenden in Russland etwa 10 Prozent der Bauunternehmen BIM bereits in der Planungsphase. Derzeit dominiert in Russland der BIM-Reifegrad 1, aber die Anzahl der Level-2-Projekte nimmt zu. Für große Sportanlagen und vereinzelte kommerzielle Gebäudekomplexe wurde der Einsatz von Level 3 dokumentiert.

Offiziell begann die BIM-Einführung im Jahr 2019 in Russland. Damals wurde eine Reihe von Standards verabschiedet, die 2020 in Kraft traten. Genauer wurden die Regeln für die Einbindung und Pflege von BIM-Modellen, einschließlich der Art der einzubeziehenden Informationen, und die Regeln für die Pflege des GISOGD (Informationsmanagementsystem für Stadtplanung) der Russischen Föderation verabschiedet. Stand heute gibt es 15 nationale Standards und acht Regelwerke für die Informationsmodellierung in Russland. Ab März 2022 sind alle staatlichen Projekte verpflichtet, die BIM-Technologie zu nutzen.

Polen besitzt noch keine Gesetze für eine obligatorische Nutzung, dennoch verwenden hier rund 50 Prozent der Unternehmer BIM-Technologien, jedoch nach unterschiedlichen Standards. Drei Viertel aller Unternehmen gaben an, in ihrer Arbeit bereits Kontakt mit der Technologie gehabt zu haben. Gearbeitet wird meistens noch auf BIM Level 1.

In kleineren Ländern wie Österreich, der Schweiz und Kroatien ist die Implementierung von BIM noch weniger weit fortgeschritten. So nutzen rund 20 Prozent der Unternehmen im Bausektor in der Schweiz und Österreich BIM. Das Schlusslicht bildet in diesem Hinblick Kroatien, wo BIM nur in vereinzelten Sonderfällen eingesetzt und die digitale Zusammenarbeit mit dem BIM Level 0 noch sehr eingeschränkt ist.

Nicht zuletzt durch die Covid-19-Pandemie sind Bauunternehmen gefordert, Digitalisierungsprozesse zu beschleunigen. Die Effektivität der Technologien selbst und die Fähigkeit, sie im Rahmen der Fernsteuerung und Projektkoordination anzuwenden, ist in den letzten Jahren noch offensichtlicher geworden. Das führte auch dazu, dass in vielen Ländern das Thema BIM-Implementierung auf staatlicher Ebene das lang ersehnte grüne Licht erhielt, nachdem es jahrelang aufgeschoben oder ständigen Revisionen unterworfen war. Auffallend ist, dass die Digitalisierung von Bauvorhaben aber trotz der gesteigerten Bemühungen der letzten Jahre noch Lücken aufweist. Selbst in hoch entwickelten europäischen Ländern geht die Anwendung in der Regel nicht über den BIM Level 2 hinaus.

Dies ist auf die überall gleichen Hindernisse zurückzuführen: So fehlen einheitliche Standards und Normen sowie staatliche Regelwerke für BIM. Ebenso mangelt es auch vielerorts an staatlicher Unterstützung für die Implementation der Technologien und die dafür notwendigen Fachkräfte sind nicht vorhanden. Es gilt, in der europäischen, oft traditionell verhafteten Bauindustrie, weiterhin das Bewusstsein dafür zu schaffen, Innovationen schneller und flächendeckender umzusetzen. Aber auch Anwender müssen mehr Mut und Interesse zeigen, neue Technologien und deren Vorteil zu nutzen. Nur dann kann BIM in Europa zu einer der führenden digitalen Bautechnologie aufsteigen.

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Der Autor ist Head of Sales bei PlanRadar.

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