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BIM-Projekt Porsche Casino Weissach

Digitales Bauen für Automobilwirtschaft

Von Alexandra Schöller

Virtual Reality: Im IELab, der sog. "Cave", wurde das Modell virtuell begehbar.

Stuttgart (ABZ). – Mit Building Information Modeling (BIM) lassen sich effiziente Produktionsprozesse, wie sie für die Automobilindustrie typisch sind, auf die Bauwirtschaft übertragen. Beim neuen Casino für die Porsche AG kam die BIM-Methode durchgängig zum Einsatz – bis hin zur virtuellen Begehung des digitalen Gebäudemodells im Maßstab 1:1. BIM macht das Bauen besser, effizienter, termin- und kostensicherer. Bei einem jüngst abgeschlossenen Bauprojekt des Bauunternehmens Wolff & Müller für die Dr. F. Porsche AG zeigt sich das deutlich. Der Auftraggeber, das Zentrale Bau-, Umwelt- und Energiemanagement bei Porsche unter Leitung von Jürgen King, ist fortschrittlichen, digitalen Bau- und Planungsmethoden gegenüber aufgeschlossen. Für das neue Casino am Entwicklungsstandort Weissach suchte der Auftraggeber nach einem Generalübernehmer, der den Planungs- und Bauprozess schnell und sicher umsetzen kann und dabei die Digitalisierung nutzt.

Die Porsche AG beschäftigt am Entwicklungs- und Forschungsstandort Weissach mehr als 6500 Mitarbeitern, Tendenz steigend. Das vorhandene Casino ist ausgelastet, ein provisorisch errichtetes Zusatzcasino muss bis Oktober 2018 zurückgebaut werden. Um den Engpass zu beseitigen und die Versorgungsstrukturen zu modernisieren, entschloss sich Porsche zum Neubau eines zweiten Casinos, das auch als Versammlungsstätte etwa für Betriebsversammlungen genutzt werden kann. Der Neubau sollte auf drei Ebenen (Bruttogrundfläche: 8600 m²) ca. 1130 Sitzplätze für rd. 3900 Essen pro Tag bieten. Aufgrund des engen Zeitrahmens entschied sich der Bauherr für eine Funktionalausschreibung. Bei dieser Form der Ausschreibung gibt der Auftraggeber keinen detaillierten Leistungskatalog vor, sondern definiert die zu erbringende Leistung nach dem zu erreichenden Ziel. Der Auftragnehmer hat so eine größtmögliche Gestaltungsfreiheit. Als Projektziel wurde die Schaffung von Räumlichkeiten zur Kommunikation und Versorgung der Mitarbeiter am Standort Weissach in einer ansprechenden, Porsche-adäquaten Umgebung vorgegeben. Gesucht wurde ein Generalübernehmer, der auch den architektonischen und gebäudetechnischen Entwurf ab der Leistungsphase 2 einschließlich der Küche abdecken und alle Nachunternehmen steuern sollte. Das Stuttgarter Bauunternehmen Wolff & Müller legte das überzeugendste Konzept nach wirtschaftlichen, architektonischen und betrieblichen Gesichtspunkten vor und wurde als Generalübernehmer beauftragt. Zwischen der Auftragsvergabe und dem geplanten Fertigstellungstermin lagen nur 22 Monate.

Die Form der Auftragsvergabe machte das Casino zum idealen BIM-Projekt. Denn wenn das Projektteam schon in einer frühen Phase feststeht und das gesamte Projekt von der Planung bis zur schlüsselfertigen Übergabe in einer Hand liegt, lässt sich BIM durchgängig und konsequent einsetzen. Wolff & Müller, das Architekturbüro asp und die beteiligten Fachplaner sind BIM-versiert und von der Methode überzeugt. So stand von Beginn an fest, dass das Casino komplett mit BIM realisiert werden sollte. Zu Beginn regelten die Partner in einem BIM-Pflichtenheft ihre Zusammenarbeit. Wolff & Müller stellte als Generalübernehmer die Arbeitsumgebung, definierte die Prozesse und Standards, steuerte und koordinierte die Arbeit am Datenmodell. Diese Aufgaben übernahmen Experten aus der zentralen BIM-Gruppe des Bauunternehmens. Für die eigentliche Bauausführung, also die Projektleitung, die Planungskoordination, den Technischen Innendienst und die Bauleitung, war die Niederlassung Stuttgart der Wolff & Müller Hoch- und Industriebau GmbH & Co. KG zuständig. Das BIM-Gesamtmodell setzt sich aus den verschiedenen Modellen der einzelnen Planungspartner – Architekten und Fachplaner – zusammen. Die Darstellung der verknüpften Modelle kann auf Knopfdruck aktualisiert werden. So hatte jeder Beteiligte immer den aktuellen Planungsstand der anderen Gewerke im Blick.

Grundlegende Informationen wie Nutzeranforderungen, Massenermittlung und Konzeptionen wurden zentral erstellt und in allen weiteren Bearbeitungsschrit-ten genutzt. Das Team konnte alternative Ideen und deren Auswirkung virtuell durchspielen und dem späteren Betreiber präsentieren. Die Architekten und Tragwerksplaner erstellten besser strukturierte und aufwendigere Modelle als bei früheren BIM-Pionierprojekten. Ausführungsfehler wurden durch die automatisierte Kollisionsüberprüfung frühzeitig erkannt. Eine Bauablaufsimulation festigte die Entscheidungen und führte zu einer hohen Terminsicherheit in einer frühen Phase. Groß war der Vorteil bei der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA). Ohne BIM wäre das Projekt mit seiner komplexen Haustechnik und Küchenplanung in der vorgegebenen Planungszeit kaum umsetzbar gewesen. Mithilfe der automatisierten und regelbasierten Kollisionsprüfungen ließen sich die TGA-Gewerke gezielt koordinieren und steuern.

Mit Start der Bauarbeiten im Oktober 2016 wurde die virtuelle Planung Schritt für Schritt Realität. Ein großer Bildschirm im Besprechungsraum machte das BIM-Modell auf der Baustelle nutzbar. So konnten Bauherr, Planer und Bauunternehmen bei ihren gemeinsamen Terminen vor Ort die besprochenen Punkte visualisieren. Einige Methoden setzte Wolff & Müller bei diesem Bauprojekt zum ersten Mal ein. Ein Beispiel ist das Testprojekt "BIM to Field", das auf "BIM 360" der Firma Autodesk beruht: Die Bauleiter konnten das BIM-Gesamtmodell nicht nur auf dem Bildschirm im Baucontainer, sondern auch mobil auf dem Tablet aufrufen. Sie trugen den digitalen Zwilling des späteren Bauwerks also immer bei sich. So ließen sich kritische Punkte direkt vor Ort visualisieren und mit den beteiligten Nachunternehmen besprechen.

Weitere Vorteile bot die Verknüpfung von BIM mit Virtual Reality (VR): Wolff & Müller machte das Bauwerksmodell im "Immersive Engineering Lab" (IELab), einem speziellen Raum im Fraunhofer Institut in Stuttgart, auch "Cave" genannt, im Maßstab 1:1 erlebbar und virtuell begehbar. Mitarbeiter der Porsche-Bauabteilung, des Betriebsrates und der Kantinenbetreiber bekamen so eine sehr realistische Vorstellung von ihrem späteren Gebäude. Auch das Baustellenteam nutzte dieses VR-Modell intensiv, um komplizierte Montageaufgaben zu besprechen und zu klären. Für die Porsche-interne Kommunikation war das BIM-Modell ebenfalls sehr hilfreich: Der Bauherr erstellte daraus einen Animationsfilm, der bei einer Betriebsversammlung allen Mitarbeitern präsentiert wurde.

Die Autorin ist, BIM-Managerin bei Wolff & Müller.

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