Bundesfachtagung Gerüstbau in Bremen

Bisher gut durch die Krise gekommen

Bundesinnung und Bundesverband Gerüstbau kommen demnächst zur Bundesfachtagung in Bremen zusammen.
Gerüstbau Gerüstbau
Bundesinnungsmeister und Präsident des Bundesverband Gerüstbau Marcus Nachbauer. Foto: Bundesinnung Gerüstbau

Verbandsgeschäftsführerin Sabrina Luther und Bundesinnungsmeister und Präsident Marcus Nachbauer erklärten im Interview mit ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga, welche Trends, Themen und Perspektiven die Bundesinnung und den Verband aktuell bewegen.

ABZ: Frau Luther, Herr Nachbauer, Corona-Krise und Ukraine-Krieg beschäftigen Deutschland nach wie vor. Wie hat sich das auf den Bundesverband und die Bundesinnung Gerüstbau beziehungsweise deren Mitgliedsunternehmen ausgewirkt?

Nachbauer: Im Vergleich mit anderen Branchen sind die Mitgliedsunternehmen sicherlich bisher gut durch beide Krisen gekommen. Es besteht nach wie vor eine gute Auftragslage und Auslastung, für die allerdings weiterhin die benötigten Fachkräfte fehlen. Vereinzelt wurden und werden derzeit Auftragsrückgänge und Auftragsstornierungen aufgrund der Krisen verzeichnet. Das Gerüstbauvolumen ist im Jahr 2022 leicht zurückgegangen, befindet sich aber immer noch auf einem hohen Niveau.

Luther: Bundesinnung und Bundesverband Gerüstbau waren ein wichtiger Ratgeber während der Krisen und konnten mit regelmäßigen Corona-Newslettern den Mitgliedsbetrieben bei der Umsetzung der fast täglich wechselnden Rahmenbedingungen sicherlich sehr gut Hilfe leisten. Durch den Entfall vieler Veranstaltungen während der Corona-Pandemie hat sich die Verbandsarbeit viel stärker digitalisiert. Auch jetzt werden Online-Formate weiterhin sehr gerne von den Mitgliedern angenommen und genutzt, auch wenn viele froh sind, jetzt auch wieder im direkten Austausch netzwerken zu können. Zu Beginn des Ukrainekrieges hat Herr Nachbauer einen Hilfskonvoi in die Ukraine begleitet und es gab hierfür auch viele Spenden seitens der Mitgliedsunternehmen.

ABZ: Inwieweit sind die Betriebe von Lieferkettenproblemen und Preissteigerungen betroffen?

Nachbauer: Die Unternehmen sind an einigen Stellen deutlich von den Lieferkettenproblemen und den damit verbundenen Preissteigerungen betroffen. Direkt tangiert sind Gerüstbau-Betriebe von den Lieferengpässen, wenn sie neu investieren wollen. Die Preise für Gerüstmaterial sind aufgrund der Stahlpreiserhöhungen gestiegen. Des Weiteren wirken sich die Lieferkettenprobleme indirekt durch die Planverschiebungen und Bauverzögerungen auf die Standzeiten der Gerüste aus, die sich hierdurch verlängern. Trotz des leichten Rückgangs des Gerüstbauvolumens um zirka einen Prozent gibt es ein Umsatzwachstum von 2 bis 3 Prozent. Dieses resultiert aus den weitergegebenen gestiegenen Kosten und aus den längeren Standzeiten der Gerüste.

ABZ: Bei der Neubau-Förderung gab es zu Beginn des Jahres heftige Diskussionen zu Förderbedingungen sowie zu Volumen und Laufzeit von Fördertöpfen. Auch die Bundesvereinigung Bauwirtschaft hatte im April eine höhere Förderung angemahnt. Wie beurteilen Sie aus Sicht der Bundesinnung Gerüstbau die aktuelle Situation?

Nachbauer: In dem diesjährigen Wohnungsbaugipfel hat Bauministerin Klara Geywitz das Ziel eines Neubaus von 400000 Wohnungen herausgegeben, womit nicht nur die Wohnungsnot bekämpft werden, sondern auch die Klimawende geschafft werden soll. Die unstete und nicht verlässliche Förderpolitik der aktuellen Bundesregierung zu Beginn des Jahres war allerdings mehr als kontraproduktiv. Sie bremst Investitionen in diesen Bereichen, anstatt sie anzuschieben. Der Anreiz für Unternehmen, zu investieren fehlt ganz einfach.

ABZ: Wie beurteilen Sie die aktuellen konjunkturellen Entwicklungen der Bauwirtschaft und im Gerüstbauer-Handwerk in Bezug auf die nahe Zukunft?

Nachbauer: Wenn auch der Gerüstbaumarkt im Jahr 2022 nominal stagniert, gibt es jedoch ein preisbedingtes Umsatzwachstum von 2 bis 3 Prozent. Wenn sich die Corona-Situation in Zukunft weiter normalisiert, könnte man im Hinblick auf die Wohnungsbauziele und die Klimawende davon ausgehen, dass die Konjunktur in der Bauwirtschaft und im Gerüstbauer-Handwerk wieder weiter anzieht. Unter diesen Bedingungen wäre ein Wachstum von rund 3 Prozent im nächsten Jahr möglich. Durch die zu befürchtende Gaskrise könnte es aber zu Sparmaßnahmen auf der Auftraggeberseite kommen, die diesem Wachstum entgegenwirken.

ABZ: Welche Trends und Perspektiven zeichnen sich für die Gerüstbaubranche ab?

Luther: Ein Thema für die nahe Zukunft ist sicherlich die Digitalisierung und Automatisierung der Prozesse in den Unternehmen. Die Herausforderung Fachkräfte zu finden, wird bleiben. Ein weiteres Zukunftsthema, welches wir auch als Bundesinnung und Bundesverband in unserem Leitbild verankert haben, ist das Thema Nachhaltigkeit. Hierzu haben wir beispielsweise ein Forschungsprojekt für nachhaltiges Planen im Gerüstbau angestoßen. Ein weiteres Beispiel ist die Umstellung der Fuhrparks auf Elektroantrieb.

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Geschäftsführerin des Bundesverband Gerüstbau Sabrina Luther. Foto: Bundesinnung Gerüstbau

ABZ: Was sind die wichtigsten Themen der Bundesfachtagung Gerüstbau 2022?

Luther: Das sind einerseits Fachinformationen, verbandsinterne Neuigkeiten sowie Austauschmöglichkeiten unter Kollegen. Wir verspüren bei vielen Mitgliedern den Wunsch, sich nach den vielen Zeiten der Lockdowns wieder persönlich austauschen zu wollen und haben hierfür eine besondere Location mit der "Alten Werft" in Bremen ausgewählt, die eine Atmosphäre mit Bezug zum Gerüstbau bietet. Grundsätzlich verspüren wir bei allen Mitgliedern eine große Freude darüber, dass das Netzwerken überhaupt wieder möglich ist. Im September haben wir erstmals wieder keine Begrenzung der Teilnehmerzahl und das wurde sehr positiv aufgenommen. Themen, die die Branche bewegen, bewegen uns auch bei der Tagung. Ob Energie- und Baustoffkrise, Preissteigerungen, oder Auswirkungen der Lieferkettenproblematik. In der Mitgliederversammlung berichten wir zudem über die Vorbereitungen zur Umsetzung der Handwerksnovelle, über den Überarbeitungsstand unserer Abrechnungsnorm DIN 18451 oder über das Projekt "Handwerk macht Schule". In den Fachvorträgen wird das Thema Erweiterungen im Arbeitsschutzportal ASSG behandelt und zum Thema Fachkräfte gibt es einen Vortrag über die werteorientierte Mitarbeiterführung. Bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltung "Talk im Gerüst" am letzten Veranstaltungstag steht das Thema "Interessenkonflikt Baustelle – Zusammenwirken der Beteiligten" im Mittelpunkt. Und natürlich gibt es auch ein attraktives Rahmen- und Ausflugsprogramm mit Stadionbesuch.

ABZ: Der Mangel an Auszubildenden und Fachkräften bleibt ein großes Thema. Wir stellt sich die Situation bei Ihren Mitgliedsunternehmen dar – und wie kann der Verband unterstützen?

Luther: Zum Start der Ausbildung im August und September blieben tatsächlich einige Ausbildungsstellen unbesetzt. Die Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk möchte mit ihrer bundesweiten Kampagne zur Imagestärkung des Berufsstandes den Gerüstbau auch für den potenziellen Nachwuchs attraktiver machen. Im Mittelpunkt der Kampagne stehen echte Auszubildende und junge Gerüstbauer und Gerüstbauerinnen, die authentisch und mit viel Leidenschaft ihren Beruf repräsentieren. Neben analogen Werbemitteln, wie Flyern oder Gerüstplanen, stehen den Mitgliedsbetrieben auch eine Reihe digitaler Werbemittel zur Verfügung, die im geschützten Bereich der Homepage zum Download zur Verfügung stehen.

Wie in einem virtuellen "Werkzeugkasten" kann man hier aus Bildern, Grafiken, Mustertexten und Videos auswählen und sich sein persönliches digitales Werbekonzept zusammenstellen. Ergänzt werden die Materialien durch eine Auswahl an Social-Media-Postings und -Texten sowie einem kurzen Social-Media-Guide mit den wichtigsten Tipps zum Start seines eigenen Facebook- oder Instagram-Kanals. Neue Inhalte und Materialien sind stetig in Arbeit, so dass das Portfolio fortlaufend wächst.Wir begleiten aktuell beispielsweise auch das vom Zentralverband aufgelegte Projekt "Handwerk macht Schule" in Kooperation mit einer Lernplattform. Dort werden Schulungsmaterialien über die einzelnen Gewerke für Lehrer zur Verfügung gestellt.

ABZ: Der Verband betreibt das Arbeitsschutzportal "basISS-net" zur rechtssicheren Umsetzung von Arbeitssicherheit sowie Gesundheitsschutz. Wie wird das Portal von den Mitgliedunternehmen genutzt?

Nachbauer: Das Thema Arbeitssicherheit ist sicherlich ein Dauerbrenner im Gerüstbauer-Handwerk. Die Mitgliedsbetriebe sind hier in der Regel schon recht gut aufgestellt und werden durch unsere Fachveranstaltungen und Fachregelwerke immer auf dem neuesten Stand gehalten. Auf unserer Bundesfachtagung wird beispielsweise die aktualisierte Fachregel 2 – Hängegerüste – vorgestellt und über die neuesten Entwicklungen informiert. Einige Mitgliedsbetriebe nutzen unser Arbeitsschutzmanagementprogramm Arbeitsschutzsiegel Gerüstbau – ASSG – und sind überzeugt davon. Hiermit lässt sich der Arbeitsschutz im Betrieb hervorragend organisieren und dokumentieren. Allerdings sind hier die Teilnehmerzahlen noch steigerbar. Wir hoffen für die Zukunft auf eine höhere Nutzung des Portals. Generell wird das Thema Arbeitsschutz als sehr komplex und umfangreich empfunden. Wer einmal den Nutzen und die Erleichterung durch die Nutzung des Portals erfahren hat, ist von der Sinnhaftigkeit überzeugt. Derzeit arbeiten wir zudem an einer Erweiterung des Arbeitsschutzportals, die die Beschäftigten noch stärker mit einbezieht.

ABZ: Die Auswirkungen der TRBS 2121-1 standen im vergangenen Jahr im Mittelpunkt vieler Diskussionen. Wie gehen Ihre Mitgliedsunternehmen heute mit dem Thema um?

Luther: Die Rückmeldungen der Mitglieder zum Umgang mit der TRBS und den durch sie empfundenen Belastungen fallen sehr unterschiedlich aus. Teilweise stellen die Betriebe den Absturzschutz überwiegend mittels PSAgA sicher, weil sich dies für sie über lange Zeit bewährt hat, teilweise haben sie sich auf die Verwendung technischer Schutzmaßnahmen, wie des MSG, eingestellt. Manche Betriebe berichten, durch die Auswirkungen der TRBS 2121-1 in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht zu sein, andere vermelden hingegen nur geringe Belastungen und Einbußen.

Sehr wohl möglich ist hingegen eine klare Aussage zur Art der Auswirkungen. Typische Probleme, die sich für die Mitgliedsbetriebe aus der TRBS 2121-1 ergeben haben, sind Wettbewerbsverzerrungen, die dadurch entstehen, dass einige Betriebe sich an die Vorschriften halten, andere hingegen nicht. Hierdurch entstehen Wettbewerbsnachteile, insbesondere auch durch die nicht einheitliche Anwendung der TRBS – 2121 innerhalb des Bieterkreises bei Ausschreibungen.

Nachbauer: Die Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk setzt sich stets für einen effektiven und praxisgerechten Arbeitsschutz ein – eine Erwartung, die wir auch an die Arbeitsschutzbehörden im Gerüstbau stellen. Deren Aufgabe sollte es sein, die Umsetzung der erforderlichen Schutzmaßnahmen flächendeckend zu kontrollieren, um unseriösen Unternehmen, die den Arbeitsschutz ignorieren, den Spielraum zu nehmen und somit einen Beitrag zu leisten, die bestehenden Ungleichheiten im Wettbewerb zu beseitigen. Hier würden wir uns intensivere Kontrollen wünschen. Das ist einfach zu wenig im Moment, was da von den Behörden kommt.

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