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Dachsanierung bei neobarocker Villa

Fledermausgauben in Blei gehüllt

Modernisierung und Sanierung, Dachbaustoffe

Die vier Fledermausgauben wurden komplett mit Walzblei in der Falztechnik eingedeckt.

SAARBRÜCKEN (ABZ). - Die Villa Europa ist ein imposanter Gebäudekomplex, nicht zuletzt aufgrund einer zeitlos schönen Dachlandschaft. Das herrschaftliche Gebäudeensemble auf dem parkähnlichen Grundstück wird vorrangig durch die Verwaltung der Deutsch-Französischen Hochschule genutzt.

Das zweigeschossige Hauptgebäude schmückt ein abgewalmtes Mansardendach mit Schieferdeckung. Die Fronseite prägt ein Mittelrisalit, die Rückseite eine runde Auslucht mit Turmdach. Rund zwei Dutzend Dachgauben zieren das Mansardendach und verleihen der Villa Europa einen stilvollen Charakter.

Die facettenreiche Dachlandschaft bietet Wind und Wetter viele Angriffspunkte. Der Zahn der Zeit nagt immer stärker an der Dacheindeckung. Die Folge: Durch undichte Stellen dringt teilweise bereits Feuchtigkeit in das Gebäude ein. Eine grundlegende Sanierung der bestehenden Schiefer- und Metalleindeckung ist unausweichlich. Mit der Dachsanierung der Villa Europa wird der Saarbrücker Dachdeckerbetrieb Güth beauftragt. Das Familienunternehmen verfügt über langjährige Erfahrungen in der Denkmalpflege und hat schon viele Baudenkmäler fachgerecht saniert.

Drei Tonnen Walz verlegt

Die zentrale Herausforderung beim Bauvorhaben Villa Europa: Die Dachsanierung soll nach anerkannten Regeln der modernen Technik erfolgen und gleichzeitig alle Aspekte des Denkmalschutzes berücksichtigen. Daher wird die Schiefereindeckung in altdeutscher Deckart ausgeführt. Die Metallanschlüsse werden hauptsächlich aus Walzblei mit einer Materialstärke von 2,5 mm angefertigt. Gerade die An- und Abschlüsse der einzelnen Teildachflächen erfordern eine besonders hohe handwerkliche Ausführungsqualität. Deshalb erneuern die Handwerker des Unternehmen Güth zum einen vorhandene Walzblei- Eindeckungen und decken darüber hinaus weitere sensible Dach- und Kehlbereiche mit dem Traditionswerkstoff ein. Die Bleiarbeiten werden über einen Zeitraum von fünf Monaten ausgeführt. Insgesamt werden rund 3 t Walzblei verlegt.

Besonders anspruchsvoll ist die Neueindeckung des helmartig geformten Turms auf der Rückseite des Hauptgebäudes, heißt es vonseiten der Gütegemeinschaft Saturnblei. Ursprünglich war der rund 20 m² große Traufbereich mit Schiefer eingedeckt. Aufgrund der geringen Dachneigung von unter 15 Grad schlägt der Dachdeckerbetrieb Güth vor, den Traufbereich mit Walzblei in 2,5 mm Dicke einzudecken. "Bei flachen Dachpartien hat sich die Bleiholzwulstdeckung als langlebige Verwahrung bewährt", betont Dachdeckermeister Peter Letzel als verantwortlicher Bauleiter. Handwerklich herausfordernd ist die runde und konkave Wölbung des Turmdaches. Konsequenz: Jede Walzbleischare muss in der Länge und Breite individuell angefertigt werden.

Zunächst wird die alte Schieferdeckung sowie die bestehende Trennlage und Holzschalung abgetragen. Die Dachschalung wird komplett mit Nadelholz in einer Dicke von 30 mm erneuert. Dann wird als Vordeckung eine 4 mm starke Bitumenbahn mit Glasgewebeeinlage aufgetragen. Für die Holzwulstdeckung verwenden die Handwerker etwa 30 gerundete Hartholzleisten mit eine äußeren Abmessung von 40 x 40 mm. Der Holzwulst ist in der oberen Hälfte halbrund geformt und verjüngt sich in der unteren Hälfte, um thermische Längenänderungen der Bleibleche aufzunehmen. Die Leisten werden jeweils alle 30 mm eingeschnitten und vorgebohrt. Dann werden sie radial im Abstand von rund 75 cm angeordnet und mit Edelstahlschrauben auf der Unterkonstruktion befestigt. Als Traufabschluss werden segmentweise Vorstoßbleche aus Edelstahl montiert, um die Bleibleche darin einzuhängen.

Die Bleischaren werden in der Werkstatt vorgefertigt und in den meisten Fällen auf der Baustelle final angepasst. So lassen sich die Scharen exakt auf die konische Einbausituation hin zuschneiden und kanten. Danach werden die einzelnen Bleischaren auf dem konkaven Untergrund angeformt. Anschließend erfolgt die eigentliche Stoßausbildung.

Patinieröl schützt vor Bleiweiß

Die seitlichen Aufkantungen der Bleischaren werden, unter Einarbeitung von Haften über die Holzleisten getrieben. Setz- und Klopfhölzer erlauben präzise Treibarbeiten und reduzieren die Gefahr von Materialbeschädigungen. Unmittelbar nach der Verlegung wird die komplette Bleieindeckung mit Patinieröl behandelt. Kommt die metallisch blanke Oberfläche mit Wasser in Kontakt, kann sich Bleiweiß bilden, was in Form von unschönen Schlieren auf unterliegenden Deckmaterialien sichtbar wird. "Der einmalige Einsatz von Patinieröl wirkt diesem Effekt entgegen und schützt das Material bis zur Bildung der natürlichen Patina", erläutert Letzel.

Ebenso wie das Hauptdach wird auch das Turmdach mit Schiefer in altdeutscher Deckung eingedeckt. Zum Einsatz kommen insgesamt rund 24 000 kg Decksteine von normalem Hieb. Aufgrund der Sonerform des Turmdaches wählen die Handwerker eine höhere Überdeckung. Die Höhen- und vor allem Seitenüberdeckung beträgt rund 40 % der Steinhöhe. Den Abschluss zur Turmspitze aus Kupfer hin bildet wiederum Walzblei. Die Bleibleche werden sorgfältig an jeden einzelnen Deckstein angepasst.

Die Holzverschalung des Hauptdaches ist weitgehend intakt und wird punktuell ausgebessert. Als Unterdeckung wird eine diffusionsoffene Schalungsbahn gewählt. Bevor die Schiefereindeckung der rund 430 m² großen Hauptdachfläche von statten geht, werden die Kehlen der aufstehenden Fledermausgauben hergestellt. Wie der Traufbereich des Turmdaches verfügen sie nur über eine sehr geringe Neigung. Eine Schiefereindeckung bietet bei einer Unterschreitung der Regeldachneigung, keinen verlässlichen Witterungs- und Feuchtigkeitsschutz. Folgerichtig werden die vier Fledermausgauben komplett mit Walzblei in der Falztechnik eingedeckt. Die Kehlsegmente werden mit Überdeckung von 200 mm und Vorstoßblechen hergestellt.

Im nahezu ebenen Firstbereich werden die Nähte der Segmente vor Ort geschweißt. Hierbei werden die Verbindungen mit Bleistreifen als Lot ausgeführt. Die geschweißte Bleinaht erhält die gleiche Patina wie das Blech, wodurch eine optisch homogene Lösung erzielt wird. Zudem hat die geschweißte Verbindung dieselbe Längendehnung und Festigkeit wie das Bleiblech. Ein Flussmittel ist nicht erforderlich. Beim Bleischweißen ist keine Überlappung der einzelnen Verbindungsteile erforderlich. Die Bleibleche werden durch eine gestoßene Naht sicher miteinander verbunden. Zur Vorbereitung werden die Bleibleche und der Schweißdraht durch Schaben von allen Schmutz-, Fett- und Oxidschichten befreit. Danach werden die zu verbindenden Bleche ähnlich dem Löten punktgeheftet. Anschließend erfolgt das Durchschweißen der Naht.

Im nächsten Arbeitsgang wird das gesamte Hauptdach mit Schiefer in altdeutscher Deckung eingedeckt. Dann werden die Brustbleche der ca. 2 m breiten Fledermausgaube montiert. Die Handwerker wählen eine zweiteilige Ausführung mit einer Querverbindung als seitliche Überlappung. So wird das maximal zulässige Maß der Bleischare eingehalten.

Die Wangen und Dächer der Gaube werden in einer dreiteiligen Konstruktion eingedeckt. Dadurch sind Kanthölzer am Firstpunkt der Fledermausgaube entbehrlich. Die Bleibleche werden im vorderen Bereich in eine Wulst eingefalzt. Die seitlichen Schare befestigen die Dachdecker an der jeweils oberen Blechkante, und zwar durch Hafte, die direkt auf der Deckunterlage fixiert werden. Die obere Schare wird durch ca. 50 mm breite Hafte in den Längsverbindungen befestigt.

Neben der Fachkunde und Erfahrung des ausführenden Betriebs diente das Handbuch für die Verarbeitung von Saturnblei als zusätzliche Orientierungshilfe. Der Leitfaden erläutert anschaulich die Grundlagen und Ausführungstechniken beim Einsatz von Walzblei. "Das Handbuch ergänzt die Fachregeln des Deutschen Dachdeckerhandwerks und gibt detaillierte Verarbeitungstipps, die ein sicheren Materialeinsatz gewährleisten", bestätigt Dachdeckermeister Letzel.

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