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"Das ist Sabotage"

Krise verzögert russische Infrastrukturprojekte

Von Wolfgang Jung

Baupolitik

Der Publizist Wladimir Nowikow erinnert an weitere russische Großprojekte mit extremer Verzögerung, wie den Weltraumbahnhof Wostotschny. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten Vladimir Putin (2. v. l.) zusammen mit dem General-Direktor der staatlichen Raumfahrt-Behörde, Igor Komarov (l.), bei einem Besuch des Weltraumbahnhofs im Oktober 2014.

Moskau/Russland. – Kreml-Verwaltungschef Sergej Iwanow ist entsetzt. "Das ist totale Schlamperei", zürnt der Vertraute von Präsident Wladimir Putin bei einer Kontrolle eines Flughafens auf der russischen Pazifikhalbinsel Kamtschatka. Der massive Verzug bei der Renovierung grenze an Sabotage. "Ich schicke Ihnen die Justiz ins Haus!", droht Iwanow der Bauleitung. Die Erweiterung des strategisch wichtigen Airports, auf dem auch immer mehr deutsche Abenteuerurlauber landen, sollte bereits 2014 abgeschlossen sein. Nun rechnet der Kreml mit einem Termin im Sommer 2016. Längst sind solche Verzögerungen bei wichtigen Infrastrukturprojekten zum landesweiten Problem geworden. Die örtlichen Projektchefs beteuern ihre Unschuld. "Das Militär will den Flughafen ebenfalls nutzen und hat uns immer noch nicht alle Details übermittelt", sagt ein Sprecher der Firma Spezstroj.

Der staatliche Zuschuss von 12 Mrd. Rubel (etwa 150 Mio. Euro) ist mittlerweile aufgebraucht. Dabei gilt es nur, sieben Gebäude zu errichten und die Start- und Landebahn zu modernisieren. Die Verzögerung sei ein "Albtraum", meint auch Wladimir Iljuchin. Der Gouverneur von Kamtschatka setzt sich seit langem dafür ein, dass der Kreml den Flughafen offiziell zu einem Regionsdrehkreuz befördert. "Dann gibt es Zuschüsse, die wir auch zur Preissenkung nutzen wollen.

Viele Menschen von hier müssen beruflich oft nach Chabarowsk, aber ein Flug in die 2000 km entfernte Stadt kostet mehr als eine Reise ins 10 000 km entfernte Moskau", schimpft Iljuchin. Die Probleme in der Regionshauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski sind kein Einzelfall. "Wirtschaftlich rückständig und korrupt" – so hat selbst der damalige Kremlchef Dmitri Medwedew einst Russlands größte Sorgen benannt. Obgleich eine reiche Rohstoffmacht, leidet das Land an einer maroden Infrastruktur: Es fehlt an Straßen und Flughäfen. Für die immer wieder beschworene Modernisierung hat Medwedew einst auch Deutschland als Premiumpartner eingeladen. Doch deutsche Unternehmen in Russland stöhnen über Extrem-Bürokratie, Schmiergeldkultur, Zollprobleme und technische Arbeitshindernisse. Weiteres Beispiel: Magadan. In der Pazifik-Hafenstadt begann 2002 die erste Modernisierung des Flughafens seit 30 Jahren – abgeschlossen ist sie immer noch nicht. Seit 3,5 Mrd. Rubel Staatszuschüsse wohl unterschlagen wurden, ist die Renovierung fast zum Erliegen gekommen. "Seit acht Jahren läuft der Flughafen quasi im Notmodus", sagt Direktor Sergej Samarajew. Er gibt Baufirmen "von außerhalb" die Schuld haben sollen. "Wer hier herkommt, in den Fernen Osten, ist unzuverlässig", sagt er dem TV-Sender Rossija-24. Bisher ist vorgesehen, dass Magadan ab 2017 wieder voll funktionieren soll. Sicher scheint das nicht.

Der Publizist Wladimir Nowikow erinnert an weitere russische Großprojekte mit extremer Verzögerung wie den Weltraumbahnhof Wostotschny oder die Stromverbindung auf die annektierte Halbinsel Krim. Zwar gebe es auch in anderen Ländern Terminverschiebungen bei Milliardeninvestitionen, etwa beim neuen Berliner Flughafen. Dort sei dies aber die Ausnahme und nicht – wie oft in Russland – die Regel. Nicht nur im Fernen Osten – auch im äußersten Westen des Riesenreichs ist die Lage prekär. Ein Drehkreuz in die EU soll der Flughafen von Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, werden. Doch die Bauarbeiten sind acht Monate im Verzug. Dies gilt als besonders heikel, weil die Ostsee-Exklave ein Spielort der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ist.

Auch Putin ist beunruhigt. Er wisse, dass es nicht leicht sei, gleichzeitig ein Stadion und einen Flughafen zu bauen, sagt der Präsident bei einer Ortsbesichtigung. "Aber mit dem Flughafen beschäftigt sich scheinbar niemand. Das muss aufhören", kritisiert er. Nikolai Zukanow von der Gebietsverwaltung schiebt die Verzögerung auf die allgemeine Krise im Land. Baumaterial wie etwa Kies müsse im Ausland gekauft werden und sei durch den Rubelverfall verteuert. Der Putin-Vertraute Iwanow fährt indes härtere Geschütze auf.

Der Kreml werde den Fortschritt bei Großprojekten etwa für die Fußball-WM künftig noch schärfer überwachen, kündigt er an. Und gegen Korruption werde der Staat "weiter mit aller Härte vorgehen". So ermittele die Justiz gegen etwa 700 Beamte wegen des Verdachts auf Bestechung bei offentlichen Aufträgen.

Sportminister Witali Mutko drängt ebenfalls zur Eile. "Aber machen Sie es sorgfältig und nicht wie in Sotschi, wo es am Tag nach den Olympischen Winterspielen 2014 zum Chaos am Flughafen kam", mahnt er. Dass es anders geht, zeigt der Moskauer Airport Scheremetjewo. Er präsentiert sich nach einer Renovierung in neuem Glanz. Doch dass der Kreml wichtigen Projekten in der Hauptstadt den Vorzug gebe gegenüber der Provinz, das sei schon immer so gewesen, ätzen Kritiker.

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