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Dynamische Form

Schornstein erhielt architektonischen Dreh

Rathscheck Schiefer, Architektur, Fassade

Spannungsvolle Geometrie eines elliptischen, in sich verdrehten Schornsteins.

ZÜRICH/SCHWEIZ (ABZ). - Schornsteinbauten sehen wir am liebsten von weitem. Niemand will einen Schornstein in der Nähe seiner Wohnung haben. Und mit Architektur haben die Schlote zu 99 % der Fälle nichts zu tun. Ganz anders der Schieferschornstein der zentralen Energieversorgung des Stadtkrankenhauses Triemli in Zürich. Mitten in der Stadt gelegen, mussten sich die Planer etwas einfallen lassen.

Das bemerkenswerte Konstrukt beschreiben die Architekten Aeschlimann Hasler Partner wie folgt: "Der klassische Kamin mit kreisrundem Grundriss wird durch eine um 270° drehende, ellipsoide Grundfläche variiert. Damit wird eine je nach Standort verschieden erscheinende Figur erzeugt, die sowohl dem klassischen Bild als auch dem vielfältigen Körper verpflichtet ist. Der Kamin wird immer noch als typische Form wahrgenommen. Er vermeidet aber durch seine wechselnde Gestalt Assoziationen, die einem Krankenhaus nicht adäquat sind, und entzieht sich einem an diesem Ort unangemessenen Funktionalismus. Die geschuppt angebrachten Schieferplatten", so die Beschreibung der Architekten weiter, "zeichnen die weichen Formverläufe in idealer Weise nach und sättigen den Baukörper durch ihre diskret zwischen Silber und Anthrazit oszillierenden Oberflächen. Der Architektur angemessen, unterstützt das natürliche Material die Integration des Baukörpers in das Krankenhausareal wie auch in das Stadtbild."

Der 46,25 m hohe Schornstein besteht aus 31 jeweils 1,49 m hohen Mantelrohr-Segmenten, auf denen ellipsenförmige Fachwerkträger der Schornsteinaußenhülle aufliegen. Diese Fachwerkträger sind zueinander um jeweils 8,7° verdreht, wodurch der Schornstein seine dynamische Form erhält. Die elliptischen Fachwerke sind alle gleich. Sie werden jedoch auf Anhieb als solche nicht erkannt, weil die Architekten das Konstrukt, statt um 360° nur um 270° drehen, wodurch es unvollendet bleibt und sich die Gestaltungsidee damit einer spontanen Entschlüsselung entzieht. Der Schornstein wird als dynamisches Gebilde wahrgenommen, das ähnlich einer Windhose, an verwirbelte aufsteigende Luft erinnert.

Die Basis für eine solche Bauwerksidee schuf Rathscheck Schiefer 2012 mit der Vorstellung einer nicht brennbaren Schieferfassade, bei der die Schiefersteine mit speziellen Schrauben auf Metall geschraubt werden. Die nicht brennbare Außenhaut des Züricher Schornsteins ist aus 3 mm dicken feuerverzinkten Blechen. Diese sind ellipsenförmig in Schornsteingeometrie vorgebogenen und mit 2 cm Abstand zueinander an den Fachwerkträgern montiert. Mit den großen Fugen zwischen den Blechtafeln werden die Temperaturausdehnungen des Schornsteins ausgeglichen. Auf den Blechen wurden Schiefersteine (Spitzwinkel 30 x 20 cm) von Rathscheck mit jeweils zwei Edelstahlschrauben (4,2 x 25 mm) fixiert. Die Konstruktion wurde von der EMPA (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt in Dübendorf/CH) geprüft. Dabei wurde festgestellt, dass die maximal zulässige Belastung weit über der tatsächlich vorhandenen Last liegt, die Konstruktion also sehr sicher ist.

Die dekorative Deckung mit Spitzwinkeln von Rathscheck wird an diesem Schornstein immer nur auf einer Blechtafel befestigt, nie über zwei Tafeln hinweg, um keine Temperaturspannungen in den Schieferstein einzuleiten. Der Umfang des Schornsteins ist an allen Punkten gleich, sodass die Aufteilung der Schieferbekleidung an allen Stellen ebenfalls gleich ist. So ist die Schieferdeckung für sich eigentlich recht einfach. Das Bauwerk ist mit 35 000 Spitzwinkelschablonen bekleidet. Dafür mussten 70 000 Bohrungen und eben so viele Verschraubungen mit 4,2 x 25-mm-V4A-Schrauben ausgeführt werden. Gut organisiert wurde der Schornstein in nur 60 Tagen mit Schiefer bekleidet.

Zur weiteren Integration des Schornsteins in das städtische Umfeld wurden etwa 1 m unter der Oberkante des Schornsteins in die Schieferdeckung sechs Einflugöffnungen für Mauer- und Alpensegler eingebaut. Dahinter haben die Planer Nisthöhlen bauen lassen. So ist sichergestellt, dass der schöne Schornstein auch liebenswerte Bewohner findet.

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