Einsatz in Tschernobyl

Krefelder Blei schirmt Tschernobyl-Reaktor ab

500 t haargenau in Form gebrachtes Blei lieferte das Krefelder Unternehmen Röhr + Stolberg für die neue Ummantelung des Unglücksreaktors nach Tschernobyl. Das Blei wird Mensch und Umwelt vor der Strahlung beim Rückbau der Ruinen schützen.

Gut 30 Jahre nach der weltgrößten Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ist eine gigantische Hülle über den Unglücksort geschoben worden. Siewird die radioaktive Strahlung für die nächsten 100 Jahre in Schach halten.

Tschernobyl/Ukraine (ABZ). – Darunter wird die noch immer strahlende Ruine abgerissen und der Atommüll herausgeholt. Der Krefelder Bleiverarbeiter Röhr + Stolberg GmbH fertigte und lieferte 500 t Bleiprofile sowie Sandwichplatten für das internationale Großprojekt New Safe Confinement (NSC).

Rund 180 000 t strahlendes Material lagern noch in den Ruinen des Reaktors 4, darunter die besonders riskanten Elemente Uran und Plutonium, notdürftig eingemauert in einem rissigen Behelfssarkophag aus Stahl und Beton. Das Blei "Made in Krefeld" schirmt die unberechenbare Strahlung ab, wenn künftig der restliche Atommüll aus dem Reaktor geholt und das Kraftwerksgebäude abgerissen wird. Weil das Strahlungsniveau überall unterschiedlich ist, fußen die theoretischen Berechnungen des nötigen Strahlenschutzes auf der Strahlungsmenge, die ausgetreten ist, nachdem der alte Sarkophag geöffnet wurde.

Zur Bestimmung der erforderlichen Bleistärke wurden großzügige Sicherheiten eingerechnet, sodass alle Arbeiten am NSC zu jedem Zeitpunkt innerhalb international gültiger Grenzwerte durchgeführt werden können: Je nach berechnetem Strahlungsniveau wurden Bleistärken von 4 bis 35 mm verbaut.

Vom Design der Bleiplatten und Pro-file über die Fertigung und Lieferung bis zur Montagebegleitung leistete Deutschlands führender Bleiverarbeiter einen wesentlichen Beitrag für die Errichtung der Schutzkuppel. Konkret bestand die Aufgabe in der Abschirmung einer Wartungsgarage in der nordwestlichen Ecke des Bauwerks. Grundsätzlich sollten die Arbeiter schwindelfrei sein: Die selbst20 m hohe Krangarage befindet sich in luftiger Höhe von 60 bis 80 m. Vom Fahrstuhl in der mittleren Westwand des NSC aus laufen in 76 m Höhe teilweise abgeschirmte "Walkways" und verbinden unterschiedliche Bereiche miteinander.

Rund 80 m² Sandwichplatten wurden auf den teilweise abgeschirmten Walkways in 76 m Höhe verlegt. Sie verbinden den Fahrstuhl in der mittleren Westwand des NSC mit den unterschiedlichen Arbeitsbereichen.

Das Projekt der Superlative stellte die Fertigungsfähigkeiten und Logistik des 150-Mann-Betriebs Röhr + Stolberg auf eine harte Probe: Das NSC ist das größ-te mobile Landbauwerk der Erde. Die neue Abschirmung samt technischer Ausstattung ist 36 000 t schwer, 257 m breit, 162 m lang und 108 m hoch. Der Bau wird Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 km/h standhalten, Erdbeben der Stärke sechs trotzen und Temperaturen zwischen –30 und –50 °C vertragen.

So ambitioniert wie das Projekt gestaltete sich auch die Auftragsabwicklung für das ausschließlich in Deutschland fertigende Unternehmen Röhr + Stolberg. "Wir haben die besonderen Anforderungen an die Logistikkette bis zur Anlieferung auf der Baustelle mit Bravour gemeistert", freut sich der verantwortliche Diemo Schallehn. Rund 15 000 Bleiprofile mit einem Einzelgewicht von etwa25 kg wurden eingebaut – jedes einzeln gekennzeichnet. Zusätzlich wurden Sandwichplatten als abschirmender Bodenbelag auf einer Fläche von rund 300 m² ausgelegt, in einigen Fällen auch an den Wänden befestigt.

Jede quadratische Platte hat eine Kantenlänge von 1 m und wiegt 250 kg. Zwischen beidseits 10 mm Stahl liegt ein12 mm starker Kern aus Blei. Besonders die in der Krang verlegten Sandwichplatten mussten enorm hohe Anforderungen erfüllen. Die Strahlendichtigkeit wurde durch die labyrinthartige Verzahnung der Bauteile erreicht. Ölbeständige Dichtungen und spezielle Unterlegscheiben schieben gleichzeitig Wasser und Öl einen Riegel vor. Darüber hinaus musste die gesamte Konstruktion sehr belastbar sein: Selbst vollbeladene Gabelstapler mit einem Gewicht von 5 t müssen darüber fahren können, ohne Schaden anzurichten. Flüssigkeiten, die während der Wartungsarbeiten austreten, werden in Auffangwannen aufgenommen, die in den Boden eingelassen sind.

Die Krefelder greifen bei derart komplexen Projekten auf ein tragfähiges Netzwerk nationaler und internationaler Partnerunternehmen zurück. "Bereits in der Projektierungsphase haben wir zusammen mit unserem Kunden Novarka, dem Baukonsortium des NSC und Kollegen unserer französischen Schwesterfirma D'Huart Industries vielschichtige Lösungen für Fragen der Sicherheit, Montage- und Wartungsfreundlichkeit entwickelt", so Schallehn. "Nur um ein Beispiel zu nennen, haben wir einzelne Schlusssteine des Bodens so konstruiert, dass sie unabhängig entnommen werden können, um die darunter liegenden Stahlträger fernhantiert inspizieren zu können." Grundsätzlich musste das Unternehmen im Laufe des anderthalbjährigen Projektes höchst flexibel auf die ständig wechselnden Anforderungen an seine Abschirmungslösungen reagieren.

"Wir standen im ständigen Dialog mit dem Kunden und konnten Änderungen stets zeitnah dank unseres gut gepflegten Nachtragsmanagements umsetzen. Die Mitarbeiter von Röhr + Stolberg sind stolz, so einen kleinen Teil zum Erfolg des NSC beigetragen zu haben."

Der Großteil der Fertigung erfolgte im Werk in Krefeld-Linn. Aber bevor es zum eigentlichen Gießen, Walzen, Extrudieren und schließlich zur Vormontage der Bleielemente kommen konnte, waren viele vorbereitende Schritte notwendig: Das Unternehmen führte umfangreiche Strahlenschutzrechnungen durch, lieferte Nachweise der Baustatik, legte Fertigungs- und Prüfanweisungen fest und organisierte eine lückenlose Logistik. Damit der Bau die Strahlung auch tatsächlich einschließt, waren höchste Qualitätskontrollen einzuhalten und zu dokumentieren. Deshalb kann bei jedem verbauten Einzelteil zurückverfolgt werden, wann es bei Röhr + Stolberg oder einem seiner zertifizierten Unterlieferanten aus der Region hergestellt wurde. "Bei dem Projekt haben wir in besonderer Weise von der Vielfalt und Dichte der angesiedelten Industrie und Logistik profitiert.

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