Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT

Baustoff wird zum Sinnbild für Innovationskraft

Stahlbau
Die Gestaltung und Materialität des Ethylen-Tetrafluorethylen (ETFE)-Screens soll die Fassade zum Sprechen bringen – die "Zellmembran" als Baustoff versinnbildlicht auf symbolischer Ebene die Arbeit des Instituts. Foto: Wolf-Dieter Gericke

Sulzbach (ABZ). – Das Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik IBMT unterhält seit 1994 diverse Räumlichkeiten im Gebäude der ehemaligen Hemdenfabrik Becker am Standort Sulzbach/Neuweiler. Zu Beginn des Jahres 2002 kaufte und sanierte das IBMT das bestehende Verwaltungsgebäude und die ersten fünf Gebäudeachsen der Halle. Im April 2008 folgte der restliche Gebäudeteil. Aufgabe war die Sanierung dieses Gebäudeteils, in dem insbesondere labor- und institutsspezifische Kryohallenflächen geschaffen wurden, in denen mit –196 °C kaltem flüssigem Stickstoff gefüllte Kryotanks stehen, aber auch Flächen für Büro- und Labornutzungen sowie Besprechungs- und Seminarräume. Die Prägung des aus dem Baujahr 1969 stammenden zweigeschossigen Hallenbaukörpers war im Wesentlichen funktional und baukonstruktiv.

Der Um- und Erweiterungsbau sollte die technischen und funktionalen Aufgabenstellungen erfüllen, aber auch dem Bestand zu einer tragfähigen Perspektive verhelfen und zum Markenzeichen für die Biotechnologie, das Biomaterialbanking und die Kryotechnologie des Fraunhofer-Instituts werden. Das städtebaulich heterogene Industriegebiet lässt kaum Anhaltspunkte für Gestaltungsabsichten erkennen, eine eigenständige Lösung lag daher nahe. Auch die inhaltliche Sonderstellung der herausragenden Forschung lässt eine autarke Aufwertung des Industriekomplexes angemessen erscheinen. Heute ergänzt die städtebaulich selbstbewusste Erweiterungslösung das baulich inhomogene Industriegebiet und macht die Nutzung der Spitzenforschung bereits von außen ablesbar. Der über die spezifischen einzelnen Forschungstätigkeiten hinausgehende Gedanke an diesem Standort, ist die Kryobank, als Lebendsammlung über das Wissen der Natur. Hier handelt es sich um einen Rückgriff auf die historische Traditionsfolge der sogenannten "Wunderkammern" der Renaissance, den Naturkundemuseen und den zoologischen Gärten. Die Kryosammlung wiederum bezieht sich dabei auf einzelne Zellen und ihre Archivierung. Das Stimulieren von Assoziation, die Anregung der Fantasie durch das Gebäude war den Planern wichtig. Die Gestaltung und Materialität des Ethylen-Tetrafluorethylen (ETFE)-Screens soll die Fassade zum Sprechen bringen – die "Zellmembran" als Baustoff versinnbildlicht auf symbolischer Ebene die Arbeit des Instituts. Mit dem Entwurfskonzept werden sowohl die organisatorisch-funktional-konstruktiven Bedingungen als auch die sinnbildlichen-symbolischen-atmosphärischen Ansprüche für eine angemessene und komplexe Lösung konzeptuell miteinander verbunden. Architektonische Form, Material und eingesetzte Technologie werden zum Sinnbild für die Innovationskraft der Biomedizinischen Forschung und der einzigartigen Lebendsammlung von Zellen an diesem Standort. Ein Ort, der Identität schafft und in Erinnerung bleibt. An der Schnittstelle zwischen Bestand und Erweiterung entsteht auf selbstverständliche Art ein großzügiger Haupteingang. Über das Foyer ist eine getrennte Erschließung der unterschiedlichen Bereiche des gesamten Instituts gegeben. In diesem Bereich bietet sich die Möglichkeit für Präsentationen und Ausstellungen, Gäste können empfangen werden, Kommunikation wird gefördert.

Den vorhandenen Hallenbaukörper zoniert ein klares Erschließungskonzept und gliedert diesen in flexible modulare Strukturen. Der dem Hallenkomplex im Süden vorgelagerte Erschließungsweg liegt hinter einer Membran, einem Screen aus ETFE-Folie und verbindet den Verwaltungsbau mit den bereits genutzten Hallen und dem neuen Hallenbereich. Der dreilagige Screen liegt auf einer Stahlunterkonstruktion und ist formal dem Duktus der Stickstofftanks, der Kryobehälter entlehnt. Er soll zwischen diesen runden Geometrien und der kubischen Industriearchitektur vermitteln.

Der Bestand wurde auf diese Weise würdig aufgewertet und gleichzeitig funktional ergänzt. In der Gebäudetiefe wurden drei überdachte Lichthöfe eingefügt, um die angrenzenden Flächen auch für Büro- und Labornutzungen nutzbar zu machen und flexibler zu gestalten. Die Büros und Labore werden über zwei Geschosse organisiert, so dass das Hanguntergeschoss nicht als "toter" Raum von zukünftigen Entwicklungen abgehängt ist oder überdimensionierte Lagerfläche bleibt. In den Lichthöfen werden die Labore und Büros über eingestellte Stahlwendeltreppen auf kurzem Weg vertikal miteinander verknüpft.

Die konstruktiven Gegebenheiten des vorhandenen Hallenkomplexes wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Tragwerksplaner detailliert, alternativ betrachtet und eine sinnvolle Weiternutzung unter konstruktiver wie gestalterischer Hinsicht erarbeitet. Sie bleiben in ihren Primärkonstruktionen unverändert.

Der Screen besteht aus einer Stahlunterkonstruktion mit seriell hergestellten Profilen und dreilagigen, luftgestützten ETFE-Kissen. Durch das geringere Gewicht der ETFE-Folie im Verhältnis zu Glas konnte das Tragwerk deutlich filigraner ausgebildet werden. Die Hauptträger des Stahltragwerks bestehen aus zwei-dimensional gebogenen Rechteckhohlprofilen. Der untere Anschluss ist gelenkig auf einer Stahlbetonbrüstung aufgela-gert, oben wird das Tragwerk an die bestehende Stahlhallenkonstruktion kraftschlüssig angebunden. Die Aussteifung des Systems erfolgt über diagonal verlaufende Rohrhohlprofile, die auf den Hauptträgern befestigt sind. Dadurch entsteht eine statisch günstig wirkende Rautenstruktur. Die ETFE-Kissen ermöglichen durch ihre geringe Verformungsempfindlichkeit eine schlanke Konstruktion, besonders auch im Bereich der auskragenden Endzonen der Fassade.

Der regenerative Baustoff Stahl und die zu 100 % recycelbare ETFE-Folie entsprechen als technische Werkstoffe der Cradle-to-Cradle-Strategie für Nachhaltigkeit und entlasten die Ökobilanz. Auf diese Weise werden architektonische Form, Material und eingesetzte Technologie zum Sinnbild für die Innovationskraft der Biomedizinischen Forschung und der einzigartigen Lebendsammlung von Zellen an diesem Standort.

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