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Für Schiene und Straße

Atlas stellt neuen Zwei-Wege-Bagger vor

Von Jennifer Schüller

Der neue Atlas 1604 ZW auf dem Werksgelände des Unternehmens in Ganderkesee.

Ganderkesee. – Bereits 1964 beschäftigte sich das Unternehmen Atlas mit der Entwicklung eines Zwei-Wege-Baggers, der ersten Maschine dieser Art überhaupt. Treibende Kraft war damals Jochen Weyhausen-Sauer, der Adoptivsohn des ältesten Sohnes des Atlas-Gründers und ein leidenschaftlicher Tüftler. Heute, knapp 50 Jahre nachdem das Patent des Atlas-Zwei-Wege-Baggers erstmals veröffentlicht wurde, stellt das Unternehmen mit Hauptsitz in Ganderkesee ein neues Modell vor, den Atlas 1604 ZW.

Bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein biegt der Atlas 1604 ZW um die Kurve – nicht auf Asphalt, sondern auf den Schienen, die entlang des Unternehmensgeländes in Ganderkesee verlaufen und aus einer Zeit stammen, als die Zulieferteile per Güterverkehr dort eintrafen. Das niedersächsische Unternehmen hätte sich keine besseren Bedingungen zur Präsentation seines neuen Zwei-Wege-Baggers wünschen können. Und so zeigt Fahrer Heinz Mehldau auch direkt "live in action", was das neue Modell zu bieten hat. Er schwenkt den Baggerarm hin und her (die Maschine verfügt je nach Ausführung über einen Schwenkradius von 1750 Millimetern beziehungsweise 1950 Millimetern), fährt die seitlichen Vierfach-Pratzenabstützungen aus und zeigt auch, wie der Bagger auf den Gleisen positioniert wird. Dabei kommt das CARSY-System (Computergestütztes Anpressdruck Regelsystem) zum Einsatz, welches Mehldau selbst vor einigen Jahren entwickelt hat. Dieses System stellt den erforderlichen Druck auf die Spurräder automatisch ein. So ist kein umständliches Einstellen des Außendrucks über eine außenliegende Stellschraube notwendig. Eine permanente Niveauregulierung des Schienenfahrwerks stellt so einen ruhigen Lauf des Baggers sicher.

Der 73-Jährige kann getrost ein "Atlas-Urgestein" genannt werden, denn der Senior arbeitet auch aktuell noch in der Entwicklungsabteilung des Unternehmens mit – Ruhestand: dass ist nichts für ihn. Auch am "Feintuning" der neuesten Maschine war Mehldau maßgeblich beteiligt. "Heinz brennt einfach für diesen Job und weiß ganz genau, worauf es ankommt", sagt Frank Lueken, zuständig für Spezialprojekte und -entwicklung bei der Atlas GmbH. Beide Männer haben gemeinsam an den Arbeiten am 1604 ZW teilgenommen. "Insgesamt sind etwa eineinhalb Jahre Entwicklungsarbeit in die Maschine eingeflossen", so Lueken. Viele Aspekte seien bereits nach wenigen Monaten fertig gewesen, die Zulassung nehme jedoch viel Zeit in Anspruch.

Sie alle waren an der Entwicklung des Zwei-Wege-Baggers damals und heute beteiligt (v. l.): Frank Lueken (zuständig für Spezialprojekte bei Atlas), Jochen Weyhausen-Sauer (Adoptivsohn des ältesten Sohnes des Atlas-Gründers) und Heinz Mehldau (Entwicklungsabteilung Atlas). Im Bagger sitzt Brahim Stitou (Geschäftsführer Atlas).

Im Zentrum der Weiterentwicklungen stand für Lueken und Mehldau der Fahrer. Ziel sei es gewesen, die zwischen 21 und 23 Tonnen schwere Maschine und die Arbeit mit ihr für den Bediener so komfortabel wie möglich zu gestalten. Dabei spiele die AWE-4-Technik eine wichtige Rolle. Sie erlaube eine feinfühlige, proportionale und lastunabhängige Ansteuerung aller Arbeitsbewegungen. So werde ein gleichzeitiges Fahren und Arbeiten ermöglicht. "Der 1604 verfügt über eine bessere Ausrichtung auf dem Gleis. Ich sage immer: er läuft wie auf einem Luftkissenboot. Die Elektronik spricht feiner an. Dadurch bewegt sich der Bagger viel 'weicher'", erklärt Lueken. Zudem können bei der Maschine die vorderen und hinteren Spurräder unabhängig voneinander geschaltet werden. Die einzige Ausnahme bildet hier die Version mit Reibrädern.

Dem Anspruch, dem Fahrer mehr Komfort zu bieten, folgt auch die geräumige Dimensionierung der Doppelkabine. Nicht nur verfügt diese über einen hochwertigen Sitz, sondern sie erlaubt auch eine gute Sicht. Zusätzlich wurde die Maschine mit einer Rückraumüberwachung samt Kamera und Display ausgestattet, die für mehr Sicherheit im Arbeitsbetrieb sorgen soll. Des weiteren wurde die Kabine noch einmal stärker gegen Vibrationen und Lärm gedämmt. "Alle Änderungen, die wir vorgenommen haben, zielen darauf ab, dem Fahrer mehr Komfort und eine bessere Arbeitsumgebung zu schaffen. Um das zu erreichen, haben wir beispielsweise die Sicht verbessert und die Kabine dahingehend optimiert, dem Fahrer mehr Beinfreiheit zur Verfügung zu stellen", sagt Lueken.

Doch nicht nur hinsichtlich des Arbeitskomforts könne sich der 1604 ZW "sehen lassen", so Atlas. Auch die Leistungsdaten sprächen für sich. So bietet die Maschine eine Leistung von 115 Kilowatt/157 und ist mit einem Deutz-TCD-4.1L4-Motor der Stufe EU V ausgestattet. Dieser ermögliche Kraftstoffeinsparungen von 5 Prozent und verursache weniger Emissionen, so der Hersteller. Zudem laufe er deutlich leiser und biete eine gute Zugänglichkeit bei der Wartung. Sein hohes Leistungsvermögen ermögliche es außerdem, den 1604 ZW als "Rangier-Lok" einzusetzen. Zugelassen ist die Maschine für 40 Tonnen ungebremste Anhängelast und 120 Tonnen gebremste Anhängelast.

Die seitlichen Vierfach-Pratzenabstützungen werden ausgefahren und bieten der Maschine auf diese Weise noch mehr Halt.

An diesem Morgen nimmt auch Jochen Weyhausen-Sauer an der Präsentation teil. Er war es, der vor fast 60 Jahren den ersten Zwei-Wege-Bagger des Unternehmens aus der Taufe gehoben hat. "Im Grunde ist in all den Jahren bei dem Bagger nur das Aussehen gleich geblieben", erklärt der 84-Jährige. "Aber in den Details ist so gut wie nichts mehr so, wie es damals zu Beginn war." Die Idee, einen Bagger zu entwickeln, der sowohl auf der Straße wie auch auf Schienen fahren kann, wurde durch einen ehemaligen Bundesbahner, der für Atlas Lobbyarbeit betrieb angestoßen. "Der erste Impuls kam im Jahr 1964", erinnert sich Weyhausen-Sauer. Er hatte sich damals gemeinsam mit Johann Böning der Aufgabe angenommen. Ein erstes Modell sei schnell gefertigt gewesen, doch es gab zahlreiche Probleme. So nutzten sich die Spurhalter etwa zu schnell ab und der Ein- und Ausbau der Spurhalter an sich dauerte zu lange. Auch die Justierung des Baggers auf der Schiene stellte sich als problematisch heraus. Außerdem ragte der Bagger zu weit ins Nachbargleis hinaus. "Es gab viele Gespräche mit der Bahn und viele Testfahrten, aber am Ende mussten wir das Projekt doch als gescheitert verbuchen", sagt Weyhausen-Sauer. Zwar habe man bereits am 20. Juli 1964 ein Patent angemeldet, zur Veröffentlichung kam es jedoch erst fünf Jahre später am 8. Mai 1969.

1967 nahm Weyhausen-Sauer die Arbeit am Zwei-Wege-Bagger erneut auf – zunächst heimlich und hinter dem Rücken seines Vaters und der Bahn. "Nachdem einige Jahre zuvor alles gescheitert war, wollte ich das Risiko einer Enttäuschung nicht noch einmal eingehen", erklärt der heute 84-Jährige. Seine Ängste blieben unbegründet, denn bei diesem zweiten Versuch und seinen neuen Ideen klappte dann alles und der erste Atlas-Zwei-Wege-Bagger ging in Produktion. Knapp 50 Jahre später macht sich nun ein entfernter Verwandter dieses Original-Zwei-Wege-Baggers daran, die Gleise zu erobern. An ausreichend Arbeit für ihn dürfte es nicht mangeln. Schließlich hat die Deutsche Bahn Anfang des Jahres Rekordinvestitionen von 12,2 Milliarden Euro beschlossen.

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