Hanf statt Mineralwolle

Wiederverwertung bei Lärmschutzwänden

Berlin (ABZ). – Öffentliche, gewerbliche und private Auftraggeber können ab sofort auf Lärmschutzwände zurückgreifen, in denen nicht mehr Mineralwolle-Platten, sondern Hanffasern als Schallabsorber dienen. Diese haben laut Hersteller Leistungsmehrwert und Einsparpotenzial, was die Lebenszykluskosten betrifft.
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Die Lärmschutzwand mit Canwool weist eine positive CO2-Bilanz auf. Foto: Geosystem GBK

Möglich machen das die neuen Canwool-Lärmschutzelemente des Systemanbieters Geosystem GBK GmbH. Mit ihnen können die Hersteller von Lärmschutzwänden künftig Steinwolle-Inlays 1:1 mit nachwachsenden und recyclebaren Hanfelementen ersetzen, die zudem eine positive CO2-Bilanz vorweisen.

Ausführlich getestet

Die Produktneuheit wurde von der Gesellschaft für Materialforschung und Prüfungsanstalt für das Bauwesen mbH Leipzig (MFPA) getestet. Sowohl der Schalldämm-, als auch der Absorptionsindex erfüllen die branchenüblichen Anforderungen der ZTV LSW 06 und der nachfolgenden ZTV LSW. Laut MPA Dresden erreicht Canwool den Feuerwiderstand nach DIN EN 1794-2:2011, Klasse 3. Dank der Recyclingfähigkeit ist die Neuheit nach Aussage von GBK ein Musterbeispiel für nachhaltige Kreislaufwirtschaft.

Der Vorteil für die Hersteller von Lärmschutzwänden: Für sie bleiben die Produktionsabläufe der Lärmschutzelemente weitestgehend gleich, denn die Canwool-Platten werden von der Geosystem GBK GmbH genauso vorkonfektioniert angeliefert wie die Mineralwolle-Elemente. Sie können also in allen gängigen Systemen verbaut werden.

Lärmschutz revolutioniert

"Unsere Canwool ist die klimafreundliche Revolution im Lärmschutz. Es gibt keinen Grund mehr, künftig noch auf Mineralwolle zu setzen, denn Hanf als Dämmmaterial bietet allen Beteiligten nur Vorteile. Die Auftraggeber profitieren von einer umweltfreundlichen Lösung, die am Ende des Lebenszyklus nicht teuer deponiert werden muss. Das spart ihnen richtig viel Geld. Die Hersteller von Lärmschutzwänden können quasi sofort ihre Produktion ohne Investitionen auf eine nachhaltige Lösung umstellen und ein System anbieten, das von den Leistungsparametern mindestens gleichwertig ist", sagt Henning Knief, Geschäftsführer der Geosystem GBK und betont: "Die Hanfplatten sind 50 und mehr Jahre dauerhaft funktionstüchtig und können am Ende ihrer Nutzungsdauer in den Produktionskreislauf zurückgeführt werden, oder auch als wertvoller Energielieferant dienen. So ist unsere Canwool quasi perfekt nutzbar."

Treibende Kraft bei der Neuentwicklung war der Lärmschutzspezialist Josef Feichter. "Seit vielen Jahren ist umweltfreundliches Bauen ein tagesaktuelles Thema und ich habe zehn Jahre lang nach einer Lösung gesucht, wie wir auch im Lärmschutz zu mehr Umweltfreundlichkeit kommen können. Mit Canwool haben wir das jetzt erreicht, denn die Hanfdämmung wird in Europa produziert und führt uns einen Schritt näher zur Kreislaufwirtschaft", sagt der Lärmschutzfachberater für die Bereiche Autobahn und Bahn. Über einen Freund, der Bekleidung aus Hanf produziert, kam Feichter auf die Idee, Lärmschutzwände mit Hanf statt Mineralwolle zu füllen: "Bislang waren Hanffasern ein einfaches Nebenprodukt der Cannabisproduktion, zum Beispiel für den medizinischen Gebrauch oder für CBD-Produkte. Aber als Lärmschutzprodukt kann auch der Rest der Pflanze sein volles Potenzial entfalten. So wird die Pflanze vollständig genutzt, ohne etwas wegzuwerfen. In Kombination mit dem einfachen Recycling ist das für mich der Inbegriff von Nachhaltigkeit", so Feichter.

Zur richtigen Zeit entwickelt

Die Neuentwicklung der ökologischen Lärmschutzwand mit Hanf statt Mineralwolle komme genau zur richtigen Zeit, findet Prof. Dr. Uwe Willberg, Geschäftsbereichsleiter Brücken- und Ingenieurbau bei der Autobahn Südbayern: "Die große Herausforderung für die Baubranche ist es ja, umweltfreundlichere Lösungen bei gleichbleibender Leistung und Langlebigkeit anzubieten. Wenn das grünere Produkt am Ende schlechtere Leistungen zeigt oder schneller ersetzt werden muss, sieht es schlecht aus. Da hat Canwool aber gute Karten", so Wilberg, der unter anderem für die Planung von Ingenieurbauwerken an der Autobahn zuständig ist, also auch für den Lärmschutz: "Gerade im Wohnbau ist Hanf als Dämmmaterial in Wärmedämmverbundsystemen ja schon lange eine feste Größe. Klar, dass ich direkt hellhörig wurde, als ich jetzt von den Einsatzmöglichkeiten im Lärmschutz erfuhr."

Der Honorarprofessor der Technischen Universität München (TUM) geht davon aus, dass bald bereits erste Autobahnprojekte mit der umweltfreundlichen Hanfwand realisiert werden: "Wenn die Canwool hält, was sie verspricht, steht uns ein Paradigmenwechsel im nachhaltigen Bauen kurz bevor. Das Pariser Klimaabkommen fordert von uns allen, dass wir unseren Carbon-Footprint reduzieren. Darum darf der schädliche Status-Quo auf keinen Fall so weitergehen, sondern muss von innovativen Lösungen wie Canwool abgelöst werden."

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In den Canwool-Lärmschutzelementen werden umweltfreundliche Hanfplatten statt Mineralwolle-Inlays verwendet. Abb.: Geosystem GBK

Vorteile sind nicht von der Hand zu weisen

Die ökologischen Vorteile von Hanf gegenüber der bisher verbauten Mineralwolle liegen laut Henning Knief auf der Hand: "Mineralwolle ist allein schon in der Herstellung extrem energieintensiv", so Knief. "Die Produktion des Fasergemenges verursacht je Kubikmeter bis zu 285 Kilogramm CO2. Diese Umweltverschmutzung lässt sich mit heutigen Standards nicht mehr rechtfertigen. Und da hört es leider nicht auf: Viele Mineralwollprodukte stehen unter Verdacht, stark krebserregende Fasern zu enthalten. Selbst in der Verarbeitung stellt dieses Material ein nicht abschätzbares Risiko für die Arbeiter dar. Nicht umsonst sind die Bauarbeiter laut den gegenwärtigen Bestimmungen dazu verpflichtet, sich von oben bis unten mit Schutzanzügen inklusive Atemmaske einzukleiden. Das gilt für den Einbau genauso wie für den Rückbau."

Die Regularien für die Inhaltsstoffe der Mineralwolle wurden zwar mittlerweile angepasst, trotzdem bleiben die Produktionsbedingungen und vor allem auch der Rückbau der Mineralwoll-Lärmschutzwände weiterhin ein Problem: "Rückgebaute Mineralwolle muss luftdicht verpackt und zum großen Teil aufwändig endgelagert werden. Ich kenne keine wirtschaftlich sinnvolle Möglichkeit, sie vollständig zu recyclen. Ich war schockiert, als ich das erste Mal die jedes Mal anfallende Vielzahl an Säcken mit der Aufschrift 'Vorsicht, Krebsgefahr' sah", sagt Josef Feichter.

Finanzielle Faktoren nicht unterschätzen

Neben dem Gesundheits- und Umweltaspekt kommt für Planer und Auftraggeber wie Prof. Dr. Uwe Willberg auch ein großer finanzieller Faktor hinzu. "Die Entsorgungs- und Deponiekosten von Lärmschutzelementen mit Mineralwolle liegen je nach Region teilweise bei weit über 500 Euro pro Tonne. Bei gut 2 Millionen Quadratmetern an jährlich verbauten Lärmschutzwänden macht sich diese Rechnung von allein: Man weiß also schon, dass man sich 1 Milliarde Euro an Entsorgungskosten spart, wenn man auf Hanf statt Mineralwolle setzt", erklärt Josef Feichter.

Josef Feichter und Henning Knief ließen Canwool vor der Markteinführung von der MFPA prüfen. Die Neuheit erfüllte nicht nur die akustischen Anforderungen der ZTV LSW 06 und der zu erwartenden Neufassung ZTV LSW, sondern auch die im MFPA vorgenommene hygrothermische Bewitterungsprüfung und die direkt anschließende Brandprüfung nach DIN EN 1794-2:2011 bei der MPA Dresden. Hier erreichte die mit Canwool bestückte Lärmschutzwand im Feuerwiderstand gegen Unterholzbrand die Klasse 3.

Gemäß DIN EN 1793-6 ermittelte das MFPA Leipzig bei einer Lärmschutzwand aus einseitig absorbierenden Aluminium-Elementen mit einer 50 mm starken Hanfdämmung als Absorptionsschicht den Schalldämmungsindex DLSI, G = 28 dB, und gemäß DIN EN 1793-5 einen Schallreflexionswert von DLRI = 7 dB. "Damit erfüllt die Lärmschutzwand mit Canwool-Hanfdämmung bei den In-Situ-Werten für die Luftschalldämmung und die Schallreflexion die relevanten Vorgaben", bestätigt Physiker Dietmar Sprinz, Sachverständiger für Bauakustik und Raumakustik am MFPA Leipizig.

Das MFPA-Team hat die Canwool-Lärmschutzwand außerdem einer hygrothermischen Prüfung unterzogen. Da es keine entsprechenden Prüfvorgaben zur Untersuchung der Dauerhaftigkeit von Lärmschutzwänden gibt, wurde die künstliche Bewitterung gemäß den Vorgaben für Wärmedämmverbundsysteme aus dem EAD 040083-00-0404, Abschnitt 2.2.6 durchgeführt und um 25 Frost-Tau-Wechsel-Zyklen ergänzt.

Die Prüfung von Lärmschutzelementen nach diesen Parametern hat sich bei den Experten der MFPA bewährt. "Ziel des Auftraggebers war es, dass die Dämmung während der kompletten Bewitterungsdauer in den dafür vorgesehenen Halterungen stehen bleibt und keine Beschädigungen an den Aluminiumelementen des Produkts entstehen. Das Lärmschutzelement hat beide Testanforderungen erfüllt", so Sprinz.

Gut abgeschnitten

Insgesamt hat die neue Lärmschutzwand mit Canwool-Inlay bei den Tests in Leipzig gut abgeschnitten: "Im Vergleich mit herkömmlichen Materialien und Normen hat das Produkt gleichwertige Ergebnisse erzielt", erklärt Dietmar Sprinz.

Über das Ergebnis freuen sich Josef Feichter und Henning Knief: "Die Ergebnisse der MFPA zeigen uns, dass wir mit unserem nachhaltigen Canwool-Ansatz die Zukunft des Lärmschutzes definitiv verändern können."

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