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HDB-Hauptgeschäftsführer Dieter Babiel

„Gesundheit unserer Beschäftigten steht an erster Stelle“

Dieter Babiel, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie.

Täglich neue Einschnitte: Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus grenzt das gesellschaftliche wie das berufliche Leben in Deutschland zunehmend ein. Damit wachsen auch die Sorgen vor den wirtschaftlichen Folgen. Davon betroffen ist auch die Bauwirtschaft. Im ABZ-Interview äußert sich Dieter Babiel, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie (HDB), zur aktuellen Situation auf Deutschlands Baustellen, wachsenden Unsicherheiten und dringend benötigten Hilfsmaßnahmen gegen eine Corona-Rezession am Bau. Die Fragen stellte ABZ-Chefredakteur Robert Bachmann.

ABZ: Herr Babiel, spätestens seit dieser Woche schränkt die Ausbereitung des Coronavirus das gesellschaftliche Leben sowie die wirtschaftliche Entwicklung auch in Deutschland massiv ein. Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf die Betriebe der Bauindustrie aus?

Babiel: Die Auswirkungen sind momentan nur schwer vorhersehbar. Während aktuell insbesondere das Gastronomie- und Hotelgewerbe sowie Freizeiteinrichtungen und Veranstaltungsbetreiber, aber auch die exportierende Wirtschaft betroffen sind, ist die Auswirkung auf die deutsche Baukonjunktur bislang noch verhältnismäßig gering – dies kann sich aber von Tag zu Tag ändern. Die Wirtschaftsforschungsinstitute gingen Mitte März noch von einem geringen realen Wachstum der Bauinvestitionen aus, während für die anderen Wirtschaftszweige eher negative Aussichten bestanden. Ob sich dieses Bild in den kommenden Wochen auch für den Bau ändert, ist abzuwarten. Es hängt auch von den Maßnahmen ab, die getroffen werden müssen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen oder einzudämmen.

ABZ: Wie ist die Stimmung bei Ihren Mitgliedsunternehmen?

Babiel: Die Bauunternehmen gehen laut einer aktuellen DIHK-Schnellumfrage Anfang März 2020 zu über 75 Prozent davon aus, dass das Corona-Virus in den kommenden Tagen und Wochen Auswirkungen auf den Baubetrieb haben werde, sei es aufgrund krankheitsbedingter Ausfälle, fehlender Waren und Dienstleistungen oder auch aufgrund von Liquiditätsengpässen. 10 Prozent erwarten einen erheblichen Umsatzrückgang, 14 Prozent gehen von einem geringen Rückgang aus. Dass vor 14 Tagen noch 42 Prozent von keinem Umsatzrückgang ausgingen, würde heute sicherlich nicht mehr so bestätigt werden. Es zeigt aber, wie sich das Stimmungsbild täglich ändert und eher verschlechtert.

ABZ: Wie wirken sich die empfohlenen sowie die verordneten Maßnahmen zur Eingrenzung der Infektionsrate in Deutschland auf den Baustellenbetrieb aus? Werden derzeit Baustellen stillgelegt oder geht alles noch seinen gewohnten Gang?

Babiel: Es besteht das Risiko, dass die Bautätigkeit durch mögliche Probleme bei den Baustoff- und Baumaterialzulieferern, zum Beispiel durch Werksschließungen in Folge von Erkrankungen, durch Erkrankungen in den eigenen Baubelegschaften oder eventuell durch behördliche Schließungen von Baustellen gebremst oder eingestellt wird. Mit bundesweit täglich steigenden Infektionszahlen werden sich auch die Verdachtsfälle häufen, aus denen sich ebenfalls Einschränkungen ergeben werden. Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist jeweils nicht seriös zu prognostizieren, die Auswirkungen können aber immens sein.

Besonders treffen die Unternehmen die aktuellen Grenzschließungen, da Personal aus EU-Nachbarländern nicht mehr auf die Baustellen kommt und Arbeitsausfall droht. Hier hoffen wir auf einen guten Austausch mit den auftraggebenden Behörden, damit die Bauunternehmen aufgrund dieser staatlich verordneten Maßnahmen nicht in Zeitprobleme kommen beziehungsweise nicht auf den Kosten für eventuelle Leistungsausfälle sitzen bleiben und darüber hinaus möglicherweise dem Auftraggeber auch noch Schadenersatz leisten sollen. Wir brauchen dringend eine Zusage der öffentlichen Hand, Verzögerungen infolge des Corona-Virus als höhere Gewalt anzuerkennen und nicht zum Gegenstand von „Schadenersatz“ zu machen. Andere EU-Staaten wie Belgien sind hier deutlich weiter.

ABZ: Welche Auswirkungen hat die aktuelle Situation auf die ohnehin schon von Engpässen betroffene Beschäftigung in der Bauindustrie?

Babiel: Schwierig wird es immer dann, wenn das Risiko, das im Normalfall – etwa bei einer normalen Grippewelle - auf Seiten des Bauunternehmens liegt, von staatlicher Seite erheblich erhöht wird Stichwort: Grenzschließung. Oder in der derzeitigen Lage auch nicht ausgeglichen werden kann, da keine anderen arbeitsfähigen Einheiten mehr verfügbar sind. Auch hier kommt es auf einen konstruktiven Austausch mit dem Auftraggeber an, um eine für alle Seiten tragbare Lösung zu finden.

ABZ: Die Bundesregierung hat zuletzt umfassende wirtschaftliche Hilfsmaßnahmen für Betriebe zugesagt, die Wegen des Coronavirus in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Sind die angekündigten Maßnahmen aus ihrer Sicht ausreichend? Welche weiteren Maßnahmen sollten gegebenenfalls getroffen werden, um größere Schäden von der Bauwirtschaft abzuwenden?

Babiel: Für die Bauunternehmen ist es zu allererst wichtig, dass Rechnungen für bereits erbrachte Leistungen bezahlt werden und die Liquidität des Projekts nicht in Schwierigkeiten gerät. Hierfür muss die öffentliche Verwaltung weiterhin handlungsfähig sein. Bei Personalengpässen, wären zeitlich begrenzte, vereinfachte und verkürzte Zahlungsverfahren denkbar, bei denen beispielsweise ein 80-prozentiger Abschlag nach vereinfachter Rechnungsprüfung gezahlt wird. Es müssen die Unternehmen bei Bauverzögerungen in die Lage versetzt werden, ihre Vorhaltekosten für Personal und Gerät bezahlen zu können.

Zudem müssen Ausschreibungen weiterhin an den Markt kommen und der „Normalbetrieb am Bau“ so gut wie möglich aufrecht gehalten werden. Nur so können die Unternehmen diese sich abzeichnende Krise wirtschaftlich überstehen und hoffentlich in ein paar Monaten wieder von Corona ungestört unter Volllast arbeiten.

Die von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen, wie etwa das Kurzarbeitergeld, helfen, um den schlimmsten Fall, nämlich das Entlassen von dringend benötigten Fachkräften, zu vermeiden. Denn wenn wir die Auswirkungen des Corona-Virus halbwegs glimpflich überstanden haben, muss nach wie vor viel gebaut werden, wofür Deutschland eine starke Bauindustrie braucht.

Zusätzlich müssen wir die überbetrieblichen Ausbildungszentren unter den Schutzschirm nehmen: Die meisten der bundesweit circa 200 Zentren dürfen seit dieser Woche nicht mehr ausbilden, was ihre Einnahmen auf Null herunter fährt. Hier drohen Insolvenzen mit schweren Schäden für die Zeit nach der Corona-Pandemie. Zumal unsere Branche auf gut ausgebildete Fachkräfte dringend angewiesen ist. Auch rechtlich führte dies zu absurden Situationen: Aufgrund der verpflichtenden überbetrieblichen Ausbildung in der Bauwirtschaft ginge ohne die Ausbildungszentren nichts mehr.

ABZ: Wie geht ihr Verband mit der aktuellen Situation und den Sorgen der bauindustriellen Unternehmen um? Gibt es ihrerseits Unterstützungsangebote?

Babiel: Die BAUINDUSTRIE hat schnell reagiert und eine umfassende Handreichung für die Unternehmen erstellt, um sie in arbeits- und bauvertraglichen Fragestellungen zu unterstützen. Gleichzeit sind wir mit der Bundesregierung in einem intensiven Austausch, wie der bereits erwähnte „Normalbetrieb am Bau“ bestmöglich aufrechterhalten werden kann. Hier arbeiten wir eng mit den Kollegen des Baugewerbes zusammen, um gemeinsam als Baubranche auftreten zu können.

ABZ: Die kaum kalkulierbare und sich täglich ändernde Entwicklung rund um das Coronavirus führt vor allem zu einer großen Verunsicherung bei den Unternehmen und ihren Mitarbeitern. Welchen Rat geben Sie der Industrie mit auf den Weg?

Babiel: In so einer Situation helfen Ratschläge leider nur bedingt weiter. Wir müssen vielmehr versuchen, den Bauunternehmen den Umgang mit den sich täglich ändernden Gegebenheiten so gut es geht zu erleichtern. Wir alle können heute nicht vorhersagen, was die kommenden Wochen bringen werden. Fest steht aber, dass die Gesundheit unserer Beschäftigten an erster Stelle steht und wir gemeinsam mit den Mitgliedsverbänden versuchen werden, für Unternehmen und deren Belegschaften die gesundheitliche und wirtschaftliche Perspektive möglichst verträglich zu gestalten. Sowohl in arbeitsrechtlichen als auch in vertragsrechtlichen Fragen wird sich ein fairer, pragmatischer und besonnener Umgang auszahlen, davon bin ich überzeugt. Wer aus der Situation Kapital schlagen will, ist nicht unser Freund. Es gilt Lösungen zu finden, die für die Unternehmen, ihre Belegschaft und ihre Vertragspartner gleichermaßen funktionieren.

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