Holzfertigbau in Bestform

Kritik am gegenwärtigen veralteten deutschen Bauordnungsrecht geübt

Bei der Umstellung von nationalen auf europäische Brandschutznormen und -regeln kommen neue Parameter auf die Bauwirtschaft zu: "Sowohl die Rauchentwicklung als auch die Neigung des Materials zum Abtropfen im Brandfall werden künftig miterfasst. Erst planen, dann bauen", empfahl daher Stefan Winter von der TU München.

Binswangen (ABZ). – Ein holzbaubegeisterter Bürgermeister, drei inspirierende Professoren und mehr als 120 beeindruckte Teilnehmer waren kürzlich beim 4. Regionalen Holzbautag des DHV in Binswangen zu Gast. Was ihnen dort im neuen Erweiterungsanbau des historischen Schillinghauses sowie in den Werkshallen des DHV-Mitgliedsunternehmens Gumpp & Maier geboten wurde, darf mit Fug und Recht als Einblick in die Holzbau-Zukunft gelten. 

DHV-Präsident Erwin Taglieber stellte gleich zu Anfang klar, worum es im Bausektor in der neuen Legislaturperiode gehen muss: "Wir fordern zuallererst die Änderung der Energie-Einsparverordnung in eine CO2-Einspar-Verordnung. Nur, wenn wir uns den Herausforderungen des Klimawandels mit offenem Visier stellen, können wir auch Erfolge verbuchen. Leider ist es im Deutschen Bundestag bisher so, dass sich scheinbar niemand so recht traut, die Potenziale des Holzbaus und unseren Beitrag zum Klimaschutz angemessen zu würdigen. Wer immer nur auf Steinzeit-Lobbyisten hört, kann keine gute Politik für die Zukunft machen. Höchste Zeit, dass sowohl der nachhaltige Neubau als auch die energetische Bestandssanierung mit Sachverstand und Nachdruck vorangetrieben werden", so DHV-Präsident Erwin Taglieber.

Der DHV fordert ein eigenständiges – handlungsfähiges – Bundesbauministerium, das nicht erneut als Anhängsel eines anderen Ressorts ein Schattendasein fristet. Zu dessen Aufgaben muss nach Ansicht des DHV zuvorderst die Vereinheitlichung aller 16 Landesbauordnungen gehören. Der DHV macht sich dafür stark, dass die neue Musterbauordnung in weiten Teilen nach dem Vorbild der äußerst fortschrittlichen – betont holzbaufreundlichen – LBO von Baden-Württemberg gestaltet wird. Holzbaufeindliche Bremsklötze wie die LBO von Nordrhein-Westfalen kann sich der Bund nicht länger leisten, wenn aus der Energiewende noch etwas werden soll. "Es gilt, das deutsche Bauordnungsrecht gründlich zu entrümpeln und auf einen zukunftsfähigen Kurs zu bringen. Wenn in Wien ein 84 m hohes Haus aus Holz gebaut werden kann, dann geht das selbstverständlich auch bei uns – wenn man nur will", unterstrich der DHV-Präsident unter langanhaltendem Beifall der Tagungsteilnehmer.

Ganz in diesem Sinne betonte Ludger Dederich, Inhaber des Lehrstuhls für Holzbau an der Hochschule Rottenburg/Neckar: "Ein in seiner Zielsetzung unreflektiertes Bauordnungsrecht verhindert, dass der Holzbau sein eigentliches Potenzial auch in Deutschland voll entfalten kann." Was im Anschluss über das in so gut wie allen Sparten des Holzbaus aktive DHV-Mitgliedsunternehmen Gumpp & Maier zu erfahren war, könnte aus einem Lehrbuch für erfolgreiche Unternehmensführung stammen:

"Wir haben zurzeit 87 hochmotivierte, hervorragend qualifizierte Mitarbeiter und prall gefüllte Auftragsbücher. Von der Auftragslage her könnten wir viel mehr Personal beschäftigen, doch der Fachkräftemangel schlägt hier auf dem Land voll durch. In unserem Landkreis Dillingen an der Donau herrscht mit einer Arbeitslosenquote von unter 2 % faktisch Vollbeschäftigung. Die anhaltend sehr gute Holzbau-Konjunktur beflügelt natürlich, aber man muss schauen, dass man auch in Boomzeiten mit der verfügbaren Manpower das Qualitätsniveau hält. Da gibt es bei uns keine Kompromisse", erklärte Gastgeber Alexander Gumpp, der das leistungsstarke Holzbauunternehmen Gumpp & Maier gemeinsam mit Josef Maier als Geschäftsführer leitet.

In Fragen der energetischen Sanierung spricht sich Alexander Gumpp klar für Bestandsmodernisierungen auf Neubaustandard anstelle von Abriss und Ersatzneubau aus. "Mehr Primärenergie und CO2 kann man gar nicht sparen, als wenn man schon Vorhandenes vernünftig instandsetzt und weiter nutzt.", so Geschäftsführer Alexander Gumpp.

Gleich drei hochkarätige Professoren hatte der DHV für die Fachveranstaltung gewinnen können. Den Auftakt machte Ludger Dederich von der Hochschule Rottenburg/Neckar, der einen weiten Bogen von der Bronzezeit bis in die Gegenwart spannte, um neues Bauen auf historische Wurzeln zurückzuführen und dabei Unterschiede ebenso wie Gemeinsamkeiten herauszustellen.

"Holzbau, wie er heute ist, ist das Ergebnis handwerklichen Schaffens und nicht das Resultat von Industrieprozessen. Holzbau-Architektur bedeutet, dass die Materialität die Gestaltung definiert. Klar gegliederte, auf das Wesentliche konzentrierte Konstruktionen sind daher wesentliche Merkmale des Holzbaus", führte Dederich aus und belegte seine Erkenntnisse mit zahlreichen Beispielen aus allen Epochen der Zeitgeschichte.

Der 4. Regionale Holzbautag wurde von DHV-Pressesprecher Peter Mackowiack (rechts) schwungvoll moderiert. Die Fachtagung fand im neuen Erweiterungsanbau des historischen Schillinghauses in Binswangen statt. Der neue Raum – ein anschaulicher Holzbau aus den nahen Werkshallen von Gumpp & Maier – entspricht energetisch dem Passivhausstandard und bietet bis zu 150 Personen Platz.

Völlig frei hielt Stefan Winter von der TU München einen ebenso kurzweiligen wie inhaltsreichen Vortrag über den Brandschutz und konkrete Anforderungen, die sich nach europäischer Norm für den Holzbau insbesondere in den Gebäudeklassen III, IV und V ergeben. Dabei befasste er sich auch mit den Ursachen von Bränden und ihren zeitlichen Verläufen.

"Die Wahrscheinlichkeit eines Brandes hat weniger mit dem Baumaterial als vielmehr mit der Verteilung der Bevölkerung zu tun", stellte Stefan Winter/TU München klar. Wo mehr Menschen dicht beieinander wohnen, ist die Brandwahrscheinlichkeit höher, weil jeder Brandfall immer eine konkrete Brandursache hat: häufig menschliche Unachtsamkeit. Der Brandschutz sollte daher objekt- und nutzungsspezifisch geplant werden, bevor man mit dem Bauen beginnt, riet Winter und mahnte exemplarisch: "Ein Schott in einer Brandwand, durch das Stromkabel geführt werden, muss am Ende auch dicht sein – sonst ist es kein Brandschott, sondern ein gefährlicher Baumangel aufgrund handwerklicher Fahrlässigkeit."

Gelungene Beispiele für vorbildliche Holzbau-Architektur zeigte zu guter Letzt Florian Nagler, der als freier Architekt tätig ist und ebenso wie Winter an der TU München lehrt. Nagler sprach sich in Binswangen für einen abgesteckten Rahmen des Erwünschten aus, damit nicht jedermann einfach nach Lust und Laune drauflos baut: "Es ist niemandem damit gedient, wenn man zuhause das nachbaut, was man im Urlaub gesehen und vielleicht ganz hübsch gefunden hat. Denn: Städtebau ist eine Frage der Kultur, und Kultur bedarf der bewussten Ordnung, um als solche erkennbar zu sein", unterstrich Florian Nagler/TU München.

Er plädierte daher für klare Rahmenbedingungen, wie ein Gebäude an einem bestimmten Standort in seiner baulichen Umgebung aussehen darf. Diese Vorschriften zu berücksichtigen, sei für gute Architekten weniger eine Einschränkung ihrer künstlerischen Freiheit als vielmehr eine Herausforderung, die es bei jedem Projekt erneut zu meistern gilt.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 48/2017.

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