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In Aufruhr

Das Baujahr 2020 im Zeichen von Corona

Die Nachfrage ging im März zurück.

Berlin (ABZ). – Ende vergangener Woche bezog der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie in einer Pressekonferenz Stellung zur aktuellen Situation der Baubranche in der Corona-Krise. HDB-Präsident Peter Hübner und HDB-Hauptgeschäftsführer Dieter Babiel legten dabei Zahlen vor, wie sich die Pandemie bislang auf die Bauwirtschaft ausgewirkt hat und welche Maßnahmen nun ergriffen werden müssen, um die Schäden abzufedern.

Ab Mitte März 2020 haben sich die Auswirkungen der Corona-Epidemie mit voller Wucht in der deutschen Wirtschaft bemerkbar gemacht. Auch die Bauwirtschaft werde teilweise betroffen sein, so die Einschätzungen des HDB in der Pressekonferenz. Ausbleibende Materiallieferungen, Verdachtsfälle oder Erkrankungen in den Belegschaften, Stornierungen von Aufträgen und Hygienevorschriften bremsten die Produktion. Eine Prognose für das Bauhauptgewerbe im laufenden Jahr sei daher zum jetzigen Zeitpunkt problematisch, sagte Peter Hübner.

Zu Beginn des Jahres 2020 standen für das deutsche Bauhauptgewerbe noch alle Ampeln auf grün. Im Vorjahr legte der Auftragseingang in der Branche um 8,2 Prozent zu, obwohl bereits 2018 ein zweistelliges Wachstum verzeichnet wurde. Auch der Auftragsbestand erreichte Ende 2019 einen neuen Rekordwert von 52 Milliarden Euro.

Doch die Corona-Krise wird auch bei der Bauwirtschaft ihre Spuren hinterlassen, ist sich der HDB sicher. Selbst wenn die derzeitigen Lockerungen im Alltag und im Wirtschaftsleben beibehalten würden und es nicht zu einem erneuten partiellen Lockdown in der Wirtschaft komme, werde das reale Bruttoinlandsprodukt stark zurückgehen, sagte Hübner. Die Größenordnung dürfte in etwa auf dem Niveau der Finanz- und Wirtschaftskrise des Jahres 2009 liegen, als die Wirtschaftsleistung in Deutschland real um 5,6 Prozent schrumpfte.

Seiner Ansicht nach werde es entscheidend darauf ankommen, ob es gelingt – auch mit Hilfe der derzeit geplanten Konjunkturprogramme – die deutsche Wirtschaft wieder "ans Laufen zu bringen".

Die Bauwirtschaft erweise sich derzeit noch als relativ stabil. Nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes ging die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe im 1. Quartal preisbereinigt um 6,4 Prozent zurück, während sie im Baugewerbe noch um 4 Prozent zulegte. Seit April zeigen sich nach Auskunft des HDB aber auch im Baugewerbe Produktionsbehinderungen.

Mehr Stornierungen gemeldet

Der baugewerbliche Umsatz im Bauhauptgewerbe stieg von Januar bis März nominal um 12,4 Prozent real um 8,8 Prozent. Allerdings mache das erste Quartal nur 17 Prozent des Jahresumsatzes aus, so der HDB. Der Auftragseingang legte im gleichen Zeitraum nominal um 1 Prozent zu, real war es ein Rückgang um 2,2 Prozent. Das Volumen in Euro war der höchste Wert seit Beginn der gesamtdeutschen Erhebungen im Jahr 1991. Bei der Bewertung müsse aber in Betracht gezogen werden, dass ein Teil dieser Aufträge storniert werden kann. Der Anteil der Firmen des Bauhauptgewerbes, der in der ifo-Konjunkturumfrage eine Behinderung der Bautätigkeit durch Stornierungen meldet, habe sich von Januar bis Mai 2020 von 3,4 auf 10,9 Prozent verdreifacht.

Die Corona-Krise hat HDB-Informationen zufolge auch die Stimmung in der Baubranche eingetrübt. Laut der ifo-Konjunkturumfrage im Mai wurde die aktuelle Geschäftslage im Bauhauptgewerbe per Saldo noch positiv eingeschätzt. Bei den Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate gab es allerdings gegenüber dem Vorjahr einen drastischen Rückgang: 39 Prozent der antwortenden Firmen erwarteten eine ungünstigere Entwicklung (April: 44 Prozent).

Gleichzeitig führte die Bauindustrie eigene Umfragen durch. Die vierte fand vom 13. bis 20. Mai statt. Daran haben 370 Personen teilgenommen. Dabei haben 59 Prozent (220 Unternehmen) geantwortet, dass sie durch die Auswirkungen des CoronaVirus in ihrer Leistungserbringung behindert sind. Dabei sagen weiterhin drei Viertel, dass die Auswirkungen geringfügig seien. Gut die Hälfte der (220) betroffenen Bauunternehmen klagt über geringere Nachfrage beziehungsweise fehlende Ausschreibungen. Der Anteil derer, die über Stornierungen klagen, ist auf ein Drittel gestiegen. Von Baustellenschließungen waren allerdings nur 15 Prozent betroffen.

So sehen die Unternehmen die aktuelle Situation.

27 Prozent der befragten Unternehmen meldeten Einschränkungen durch fehlende Materiallieferungen, 19 Prozent einen hohen Krankenstand im eigenen Unternehmen beziehungsweise bei Subunternehmen (12 Prozent). Über Leistungseinschränkungen durch Gesundheitsschutz- beziehungsweise Hygienemaßnahmen sowie einen deutlich höheren Organisationsaufwand (70 Prozent) durch Homeoffice, Abstand halten etc. beklagten 47 Prozent der Unternehmen. 61 Prozent meldeten, dass Kommunen Entscheidungen zu Bauvorhaben, Bebauungsplänen und Schaffung von Planungsrecht derzeit Corona-bedingt aussetzen. 65 Prozent können jetzt schon absehen, dass sich Bauvorhaben Corona-bedingt verzögern werden.

Insgesamt gehen rund 37 Prozent aller Umfrageteilnehmer davon aus, dass ihr Umsatz 2020 in Vergleich zum Vorjahr um mehr als 5 Prozent zurückgehen wird. 21 Prozent erwarten einen Rückgang von bis zu 5 Prozent, 28 Prozent keine Veränderung und 14 Prozent einen Umsatzanstieg. Der Großteil der Befragten (74 Prozent) plant, ihren Personalbestand 2020 unverändert zu lassen, 13 Prozent eine Reduzierung. 14 Prozent wollen allerdings die Zahl der Beschäftigten ausweiten.

".Wir gehen mit Stand Ende Mai davon aus, dass es im Bauhauptgewerbe gelingt, das nominale Umsatzniveau des Vorjahres von 135 Millionen Euro zu halten", so Hübner. Bei rückläufigen Preissteigerungsraten würde dies einen realen Produktions- und Umsatzrückgang von 3 Prozent bedeuten. Dennoch würde sich die Bauwirtschaft damit als konjunkturelle Stütze erweisen. Die Bauindustrie erwartet im Jahresdurchschnitt 870 000 Beschäftigte und damit ebenfalls eine Stagnation auf dem Vorjahresniveau.

Nach Einschätzung des HDB dürfte der Wohnungsbau noch am besten durch die Krise kommen. Zwar legte die Zahl der genehmigten Wohnungen im Vorjahr mit 4 Prozent nur verhalten zu, allerdings hat sich in den vergangenen Jahren ein Überhang von mehr als einer halben Million genehmigter, aber noch nicht fertiggestellter Wohnungen aufgestaut. Der Druck auf die Wohnungsmärkte, gerade in den Ballungsgebieten und ihrem jeweiligen Umland, wird sich laut Einschätzung der Bauindustrie zudem trotz der Corona-Krise nicht abschwächen.

Zuwanderung erwartet

Im Bereich des Wohneigentums, also der Ein- und Zweifamilienhäuser beziehungsweise selbstgenutzter Eigentumswohnungen, kann es aufgrund von Arbeitsplatzunsicherheiten zu einer schwächeren Nachfrage kommen, die sich produktionsseitig vermutlich aber erst 2021 niederschlagen wird. Im Mietwohnungsbau hingegen dürfte die Nachfrage stabiler bleiben, so der HDB. Zudem könnte es aufgrund der weltweiten Konjunkturkrise durch Corona wieder zu einer verstärkten Zuwanderung von Arbeitskräften aus Südeuropa nach Deutschland kommen, wodurch die Nachfrage nach Wohnraum weiterhin hoch bleiben wird. Im 1. Quartal legte die Zahl der genehmigten Wohnungen im Neubau noch um 4 Prozent zu. Der Auftragseingang im Bauhauptgewerbe in dieser Sparte stieg um 11 Prozent, der nominale Umsatz um 15,4 Prozent.

"Produktionsseitig erwarten wir – vor allem im Ausbaugewerbe – für 2020 eine Unterbrechung des steilen Aufwärtspfades im Wohnungsbau. Wir gehen für das Bauhauptgewerbe noch von einem nominalen Umsatzwachstum von 2,5 Prozent in dieser Bausparte aus, real wäre dies ein leichter Rückgang", so Dieter Babiel. Nachdem im vergangenen Jahr etwa 300 000 Wohnungen fertiggestellt wurden, lägen die Erwartungen für 2020 in einer Bandbreite von 280 000 bis 300 000 Wohnungen.

Weniger Steuereinnahmen

Der Öffentliche Bau kam im bis 2019 anhaltenden Bauaufschwung nur spät in Gang. Dies sei vor allem auf die Zurückhaltung der Kommunen zurückzuführen, auf die mehr als die Hälfte der öffentlichen Bauausgaben entfallen, so Babiel weiter. Eigentlich hätten die Städte und Gemeinden für das laufende Jahr geplant, ihre Ausgaben für Baumaßnahmen zweistellig auszuweiten. Die Ergebnisse der aktuellen Steuerschätzungen machten dies unmöglich. Danach sollen die kommunalen Steuereinnahmen im laufenden Jahr - vor allem durch wegbrechende Gewerbesteuern – um 12,7 Milliarden Euro beziehungsweise 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgehen.

Zwar würden auch Bund und Länder mit erheblich geringeren Steuereinnahmen auskommen müssen. Allerdings sei die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse für 2020 aufgehoben worden, um die fehlenden Einnahmen durch eine Neuverschuldung ausgleichen zu können. Deshalb erwartet man, dass bei Bund und Ländern die Ausgaben für Baumaßnahmen gegenüber dem Vorjahr wie geplant leicht zulegen werden, so der HDB.

Eine besondere Problemlage werde im Straßenbau verzeichnet, so die Experten. Hier seien bereits im Vorjahr die Auftragseingänge nur noch um nominal 3,9 Prozent gestiegen, waren somit preisbereinigt sogar rückläufig. Diese Lage hat sich im 1. Quartal 2020 mit einem nominalen Auftragsrückgang von 13,1 Prozent noch verschärft. "Wir führen dies darauf zurück, dass beim Bau von Bundesfernstraßen der Übergang von der Auftragsverwaltung der Länder auf die Autobahn GmbH des Bundes nicht reibungslos verläuft. Zudem mehren sich Meldungen unserer Mitgliedsfirmen, wonach auf Landes-, vor allem aber auf kommunaler Ebene, Ausschreibungen in der Erwartung sinkender Preise aufgehoben werden beziehungsweise erst gar nicht an den Markt kommen", sagte Babiel.

Der HDB habe gegenüber der Politik deutlich gemacht, dass die Corona-bedingten Mehrausgaben nicht zu einer Kürzung der Investitionen führen dürfen. Erhalt und Ausbau der staatlichen Infrastruktur seien Voraussetzungen dafür, dass Deutschland die Konjunkturkrise relativ zügig und nachhaltig überwinden kann. Dazu benötige man allerdings kurzfristig einen positiven Entscheid über die Einrichtung eines "kommunalen Rettungsschirms", mit dem die Investitionstätigkeit gerade in den hoch verschuldeten Kommunen zumindest annähernd stabilisiert werden kann, so Babiel weiter. Es seien kurzfristige Maßnahmen nötig. "Der Vorschlag des Bundesfinanzministers, den Kommunen die Ausfälle bei der Gewerbesteuer zu erstatten, führt in die richtige Richtung."

Im 1. Quartal legte das Volumen der Genehmigungen im Nichtwohnungshochbau (veranschlagte Baukosten) für öffentliche Auftraggeber noch um 32,5 Prozent zu. Der gesamte Auftragseingang (inklusive des öffentlichen Tiefbaus) im Bauhauptgewerbe ging um nominal 7,5 Prozent zurück, der Umsatz stieg hingegen noch um 14,6 Prozent.

"Wir sind zuversichtlich, dass man auf Bundes- und Länderebene die Nöte der Kommunen erkennt, ernst nimmt und zielgerecht handelt. Unter dieser Voraussetzung erscheint eine nominale Stagnation des Umsatzes im öffentlichen Bau des Bauhauptgewerbes gegenüber dem Vorjahr möglich. Real würde dies einen Rückgang in der Größenordnung von 3 Prozent bedeuten", fasste es Babiel zusammen.

Am deutlichsten betroffen wird laut HDB von der Corona-Krise im laufenden Jahr der Wirtschaftsbau. In der letzten großen Wirtschaftskrise 2009 hätten die Bauinvestitionen der Dienstleistungsbereiche noch stabilisierend gewirkt. Dies werde so im laufenden Jahr nicht eintreten. Schließlich seien viele Dienstleister, die auf direkten Kundenkontakt angewiesen sind, von der wochenlagen Schließung und anschließend zaghaften Wiedereröffnung besonders hart getroffen worden. Ihre Investitionsfähigkeit und -bereitschaft habe dadurch einen starken Dämpfer erhalten, der sich vermutlich noch in das Jahr 2021 erstrecken wird.

"Sorgenkind" Industrie

Noch stärker betroffen werde im laufenden Jahr die Industrie sein, die schon seit Jahren "Sorgenkind" ist. Trotz des langanhaltenden Wirtschaftsaufschwungs lagen im Verarbeitenden Gewerbe die Investition in Neubauten 2018 preisbereinigt um 8 Prozent niedriger als 2015, während in der Gesamtwirtschaft im gleichen Zeitraum ein Wachstum von 8 Prozent zu verzeichnen war.

Angesichts der Konjunkturschwäche in der Industrie dürfte sich nach Einschätzung des HDB an dieser Tendenz 2019 nichts geändert haben.

Für das laufende Jahr erwarten die Branchenvertreter der Industriebereiche einen preisbereinigten Produktionsrückgang im zweistelligen Bereich. Wie stark dies auf die inländische Investitionstätigkeit durchschlagen wird, hänge entscheidend davon ab, ob es gelingt, durch Maßnahmen wie Sonderabschreibungen oder Investitionszulagen die Investitionen zumindest einigermaßen zu stabilisieren.

Ein Lichtblick könnten Bauinvestitionen der Ver- und Entsorgungsunternehmen sein. Es spreche viel dafür, dass sich deren nahezu ausschließlich über Gebühren finanzierte Investitionen 2020 dem allgemeinen Abwärtstrend entziehen könnten. Auch einzelne Dienstleistungsbereiche wie Verkehr und Lagerei oder Kommunikationsdienstleister könnten ihre Bautätigkeit im laufenden Jahr stabil halten.

Im Wirtschaftstiefbau dürfte die Deutsche Bahn AG 2020 ihre Investitionen relativ stabil halten. Diese werden zu einem großen Teil aus Zuschüssen aus dem Bundeshaushalt finanziert. Im laufenden Jahr stellt der Bund mit 6,6 Milliarden Euro gut 5 Prozent mehr als im Vorjahr zur Verfügung. Ob die eigenfinanzierten Investitionen der DB AG wegen wegbrechender Fahrgastzahlen und damit einhergehenden Verlusten in voller Höhe aufrecht erhalten werden kann, bleibt dagegen abzuwarten.

Im 1. Quartal legte das Volumen der Genehmigungen im Nichtwohnungshochbau (veranschlagte Baukosten) für private Auftraggeber noch um 15,4 Prozent zu. Der gesamte Auftragseingang (inklusive des Wirtschaftstiefbaus) im Bauhauptgewerbe stieg noch um nominal 3,1 Prozent, der Umsatz um 9,3 Prozent.

Alles im allem ist laut HDB davon auszugehen, dass der baugewerbliche Umsatz im Bauhauptgewerbe im Wirtschaftsbau 2020 um nominal 3 Prozent zurückgehen dürfte. Dies sei der erste Rückgang seit den konjunkturellen Krisenjahren 2009 und 2010. Real entspreche dies einem Produktionsminus von rund 6 Prozent, so der HDB.

Mehr Entsendungen

Seit dem Tiefpunkt der Beschäftigung im Jahr 2009 mit jahresdurchschnittlich 705 000 Erwerbstätigen haben die Firmen des deutschen Bauhauptgewerbes deren Zahl bis 2019 auf 870 000 erhöht. Dies ist ein Zuwachs um gut 23 Prozent.

Der Beschäftigungsaufbau im Bauhauptgewerbe (sozialversicherungspflichtige Beschäftigte) seit 2009 ist zu drei Vierteln auf Erwerbstätige aus anderen Europäischen Ländern zurückzuführen. Deren Anteil an den Belegschaften stieg von 2009 bis 2019 von 8 Prozent auf 20 Prozent. Zusätzlich wird auch wieder verstärkt auf ausländische Subunternehmer zurückgegriffen.

Die Zahl der nach Deutschland entsandten Bauarbeiter im Geltungsbereich des Bauhauptgewerbes ist zwischen 2009 und 2019 um 125 Prozent gestiegen.

Das Baugewerbe hat seine Investitionen in neue Ausrüstungen und Maschinen zwischen 2009 und 2018 preisbereinigt verdoppelt. Die Aufwärtstendenz hat 2019 angehalten. Die Investitionen dürften 2020 aber bestenfalls stagnieren.

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