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Industriegeschichte in Sachsen

Chemnitzer baut Brauerei-Ruine wieder auf

Stadtentwicklung, Baustoffe, Modernisierung und Sanierung

Messebauer Hartmut Schäfer war in ganz Europa unterwegs. Jetzt kümmert er sich darum, dass die alte Brauerei eine Zukunft hat.

Chemnitz. – In ganz Europa hat Hartmut Schäfer als Messebauer gearbeitet. Das Prinzip sei stets dasselbe, sagt er: Messestand für wenige Tage aufbauen, danach abreißen – und entsorgen. Müllerzeugung im großen Stil nennt das der Chemnitzer. "Also habe ich überlegt, wie man all diese Materialien sinnvoll und vor allem nachhaltig einsetzen kann." Seine Antwort: Als "Baumaterial zum Nulltarif" in einer Industrieruine am Rand von Chemnitz.

In der ehemaligen Germania-Brauerei im Stadtteil Gablenz wurde 1869 das erste Bier gebraut, 1982 im verstaatlichten VEB das vorerst letzte – bis Schäfer die alte Dame Anfang 2013 wach küsste. Nach der Entrümpelung des 7800m² großen Geländes sei alles Verwertbare umfunktioniert worden. "Hier stecken vier bis fünf Sattelzüge an Material drin, das wir entweder schon verbaut oder noch eingelagert haben", berichtet der Messebau-Unternehmer. Neben drei Altmietern habe er bislang sechs neue Partner gefunden, weitere sollen folgen. Einem Gutachten zufolge hat sich der Wert der Immobilie seither nahezu verdoppelt, schildert Schäfer. Aktuell biete das Areal 25 Menschen Arbeit, von der Tischlerei, über einen Schmied bis hin zur "Brauerei in der Brauerei".

Dank der Braumanufaktur "Stonewood" liegt wieder der Duft von Hopfen und Malz in der Luft. Bis auf neue Fliesen – erforderlich aus hygienischen Gründen – habe man den Ausbau aus wiederverwerteten Materialien realisiert, berichtet Schäfer. So stamme die Deckenverkleidung u. a. vom Mobile World Congress, Europas größter Mobilfunk-Messe in Barcelona. Vor allem die 150 Jahre alte Gebäudesubstanz sowie die gemauerten Kellergewölbe, die sich perfekt für die Lagerung eigneten, hätten ihn überzeugt, sagt Michael Friedrich. Der Diplom-Braumeister und Gastronom braut bereits seit 20 Jahren sein eigenes Bier. Mit dem Craft Beer-Trend habe das Interesse an handwerklich gebrauten Bieren jedoch deutlich zugenommen. Vom kräftigen Schwarzbier mit Schokoladenaroma bis hin zum 15 Monate auf Eichenfass gereiften Edelbier reiche die Sortenvielfalt. "Das sind Spezialitäten, an die man sich genauso erinnert wie an einen guten Wein", erzählt der 47-Jährige. Zugleich könne er so die Tradition des Bierbrauens auf dem Gelände fortsetzen.

Stadtentwicklung, Baustoffe, Modernisierung und Sanierung

Das Gebäude der ehemaligen Germania-Brauerei in Chemnitz (Sachsen). Auf dem Areal hat sich inzwischen u. a. eine Braumanufaktur angesiedelt.

"Für eine erfolgreiche Revitalisierung braucht es eine Idee, wie man die Industriebrache in die Zukunft transportieren kann", meint Wirtschaftshistoriker Dirk Schaal. Er leitet die Koordinierungsstelle Sächsische Industriekultur. Nur mit Orten der Rückschau und Erinnerung könne das reiche industriekulturelle Erbe Sachsens nicht erhalten werden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe Sachsen als Pionier der europäischen Industrialisierung gegolten. Mit der politischen Wende schien das Industriezeitalter jedoch ein jähes Ende gefunden zu haben. "Allein durch die schiere Masse an abgewickelten Betrieben wurde damals vieles zerstört, was heute nutzbar gemacht werden könnte", ist der Experte überzeugt.

Wie viele Industriebrachen es im Freistaat noch gibt, sei unklar, heißt es vom Innenministerium. Eine zentrale Datenbank zu dem Thema sei im Aufbau, biete aber derzeit noch keine belastbaren Zahlen. Beispiele für eine gelungene Revitalisierung gäbe es viele in Sachsen, sagt Schaal und nennt u. a. die Umgestaltung des alten Stadtzentrums in Flöha (Mittelsachsen).

Aus einer der ältesten sächsischen Spinnereien sei ein moderner Verwaltungssitz inklusive Stadtbibliothek und Kindergarten entstanden. Die meisten Brachen würden allerdings durch Privatleute wiederbelebt. Die öffentliche Hand allein könne dies nicht leisten.

"Ohne privates Engagement geht es gar nicht", betont Barbara Ditze. Ein Mehrwert entstehe jedoch, wenn private Eigentümer und Kommunen zusammenarbeiteten. Als Archäologin und Kunsthistorikerin betreut sie das Projekt Zukunftsraum Industriebau, das bislang an der Umnutzung fünf leerstehender Großbauten beteiligt ist und von der sächsischen Kulturstiftung gefördert wird.

Es gehe darum, kommunenübergreifend und praxisbezogen mögliche Potenziale für die Stadtentwicklung aufzudecken. "Wichtig ist bei jedem Objekt eine Art Keimzelle vor Ort, sprich engagierte Menschen, die Ideen für eine neue Nutzung haben, anstatt nur einen vermeintlichen Schandfleck abreißen zu wollen."

Man habe in vielen Teilen Deutschlands erst damit begonnen, das industriekulturelle Erbe in die Zukunft zu führen. Aufgrund seiner reichen Industriegeschichte, vieler noch vorhandener Brachen und gesammelter Erfahrungen kann sich Sachsen aus Sicht von Archäologin Dietze zum Vorreiter entwickeln. 

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