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Kann Dialog

"Der Baustoff Holz wird eine Renaissance erleben"

Von Hendrik Behnisch

"Gebäude sind riesige CO2-Schleudern", sagte der Architekt Stefan Schurig und sagte zugleich ein Revival organischer Baustoffe wie Holz und Bambus voraus.

Berlin. – Der 5. Kann Dialog, der unter dem Motto "Lieblingsplätze im Wandel" in Berlin stattfand, demonstrierte eindrücklich, wie weit die Verantwortlichen des gastgebenden Baustoffherstellers über den Tellerrand hinausblicken. Denn wer trockene Fachvorträge rund um Beton-, Mauer-, und Pflastersteine erwartet hatte, sah sich getäuscht. In den Räumlichkeiten des altehrwürdigen Café Moskau bereiteten die Kann Baustoffwerke nicht nur dem ehemalige Handball-Nationaltrainer Heiner Brand die Bühne, um ihn über Führungsstärke sprechen zu lassen. Das Unternehmen hatte mit dem Architekten Stefan Schurig auch einen Experten der nachhaltigen Stadtplanung eingeladen, der vor dem Hintergrund des Klimawandels den Status Quo der Baustoffverwendung grundlegend infrage stellte – und zwar weltweit. Alles, was Schurig vortrug, war im Kontext des Klimaschutzes zu verstehen – womit er ein Schlaglicht auf Tatsachen warf, die für die Baubranche durchaus unbequem sind. Dass deren ökologischer Fußabdruck nicht gerade als gering gelten kann, ist hinlänglich bekannt. Dass aber der Baustoff Zement 6 % der globalen Kohlendioxid-Emissionen ausmacht – und somit mehr als die weltweite Luftfahrt zusammen – sorgte doch für erstaunte Gesichter im Publikum. "Gebäude sind riesige CO2-Schleudern", verkündete Schurig und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Hochbau deutlich zur Erderwärmung beiträgt. Der Klimaschützer widerstand jedoch der Versuchung, das Baugewerbe pauschal als Sündenbock abzustempeln und sich in schrillem Alarmismus zu ergehen. Im Gegenteil: Schurig bekannte, dass er optimistisch sei, bald Zeuge einer "Bauwende" – also eines verstärkten Einsatzes organischer Baumaterialien wie Holz und Bambus – zu werden. Holz sagte er gar "eine Renaissance als Baustoff" voraus. Der Vorteil läge dabei auf der Hand: Im Gegensatz zu den massiv CO2-negativen Baumaterialien der Gegenwart, die den Treibhauseffekt in der Atmosphäre stetig verstärken, binden Holz, Bambus und andere organische Materialien das Kohlendioxid.

Damit die Weltgemeinschaft ihr Ziel, die rote Linie von 2 °C Erderwärmung bis 2050 nicht zu überschreiten, erreichen kann, bedürfe es jedoch umfassenderer Maßnahmen. Ein wichtiger Aspekt, so Schurig, sei es, nicht allzu leichtfertig Gebäude abzureißen. "Bestandsschutz ist Klimaschutz", fasste der Architekt diesen Gedanken prägnant zusammen und ergänzte ihn um das anzustrebende Leitbild des modularen Bauens: "Es gibt keine Lebenserwartung von Gebäuden, sondern nur von Gebäudeteilen. Wir müssen weg vom Prinzip der Komplettsanierung, hin zu dem des modularen Sanierens."

Die daraus resultierende Vermeidung von Bauabfall sei nicht zu unterschätzen, erklärte Schurig. Denn das weltweite Müllproblem und die damit einhergehende Entwertung der Böden setze das Kreislaufprinzip der Natur außer Kraft: Moderne Städte vollziehen einen linearen Stoffwechsel, dessen nicht-organische Abfallprodukte auf natürlichem Wege nicht mehr recycelt werden können. Diese Funktionslogik des urbanen Überflusses zu beenden, müsse das Gebot der Stunde sein, um der Erderwärmung Einhalt zu gebieten. Dabei verwies Schurig ausdrücklich darauf, dass er die letzten 300 Jahre technischen Fortschritts nicht verdammen wolle und keinesfalls für ein gleichermaßen plumpes wie unrealistisches "back to the roots" einstehe, bei dem der Mensch des 21. Jhs. erdnah und antimodern leben solle. Vielmehr ginge es darum, auf eine regenerative Stadt der Zukunft hinzuarbeiten – mit allen Mitteln und Vorzügen, die der technologische Fortschritt bereitstellt. Dafür rief der Klimaschützer das Ziel einer "Ecopolis", einer nachhaltigen Stadt der Zukunft, aus. Sie sei dadurch gekennzeichnet, dass sie den zirkulären Stoffwechsel im Naturprinzip realisiere – also die Menge der Ressourcen, die sie absorbiert, letztlich auch "regeneriert". Außerdem existiere eine solche "Ecopolis" bei ihrer Versorgung nicht entkoppelt von ihrer unmittelbaren Umgebung – anders als die gegenwärtige "Petropolis", die fossile Brennstoffe aus allen Teilen der Welt liefern lässt, von denen sie dann komplett abhängig ist. Leitbild der "Ecopolis" sei es stattdessen, verstärkt die spezifisch örtlichen Gegebenheiten zur Energiegewinnung und Stromerzeugung nutzen – wie etwa Windkraft und Solarenergie.

Um dieses Ideal regenerativer urbaner Räume zu verwirklichen, bedürfe es natürlich einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, bei der alle ihre Komfortzone verlassen müssen. Was uns zu den potenziell schmerzhaften Einschnitten für die Baubranche zurückbringt: Wer Schurigs Anregungen zu Ende denkt, muss unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass dort so manches Unternehmen seine Geschäftsgrundlage einer kritischen Prüfung unterziehen und klimafreundlichere Anpassungen vornehmen muss. Dass die Kann Baustoffwerke nicht davor zurückschrecken, sich als Betonanbieter dieser Debatte zu stellen, haben sie mit der Einladung des Holz-Advokaten Schurig eindrucksvoll bewiesen.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 21/2019.

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