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Kommentar

Blinker links

Kai-Werner Fajga

Beim autonomen Fahren ist Deutschland kein Vorreiter. Während in den USA diverse Hersteller robotergesteuerte Fahrzeuge im Straßenverkehr ausprobieren dürfen, war man in Deutschland etwas zurückhaltender. "Wie immer" möchte man sagen, wenn es um die Einführung oder das Ausprobieren neuer Technologien geht. Das war bisher offensichtlich richtig, denn tödliche Unfälle gab es bei den amerikanischen Feldversuchen einige. Meist wurde konstatiert, dass die menschlichen Fahrer ihrer Pflicht nicht nachgekommen seien, den Roboter ständig beim Fahren zu beaufsichtigen – und bei Fehlern der Technik einzugreifen. Der jüngste tödliche Unfall ist offiziell noch nicht aufgeklärt, aber auch hier habe sich der Fahrer mutmaßlich blind auf die Technik verlassen und eben nicht seine Hände am Lenkrad gehabt, wie es notwendig gewesen wäre.

Die Bundesregierung möchte nun offensichtlich Boden gut machen und setzt bei der Einführung dieser unausgereiften Technik sogleich von der Standspur auf die äußerst linke Überholspur auf der Autobahn an: Ab dem kommenden Jahr sollen fahrerlose Autos auf bestimmten Strecken am Straßenverkehr teilnehmen. Man wolle Vorreiter sein. Und mehr noch: der aktuell zu Verabschiedung vorgelegte Gesetzentwurf sieht vor, dass "voll autonome Kraftfahrzeuge der sogenannten Stufe vier im Regelbetrieb am öffentlichen Straßenverkehr" teilnehmen dürfen. Bei dieser Stufe ist es vorgesehen, dass der Computer die komplette Steuerung des Fahrzeugs übernimmt, ohne die Überwachung durch einen menschlichen Fahrer. Die Technologie könne laut Verkehrsministerium für Shuttle-Verkehre oder bei der Güterbeförderung zum Einsatz kommen.

So sehr ich mir wünsche, dass die nicht enden wollenden Lkw-Kolonnen auf Autobahnen automatisch gesteuert werden, damit die immer wieder durch Fahrfehler verursachten Unfälle unterbunden werden können – so sehr befremdlich finde ich den Gedanken, mich demnächst als Pkw-Fahrer unfreiwillig zwischen Roboter-Lkw zu begeben. Nun soll das zunächst auf "bestimmten Strecken" ausprobiert werden. Aber beim Stichwort Güterverkehr stellt sich da automatisch die Frage, warum solche Technologien nicht erst einmal bei der Bahn ausprobiert werden? Wo Fahrwege vorgegeben sind, vollautomatische Sicherheitssysteme funktionieren und eine komplette Fahrwegüberwachung zur täglichen Routine gehört.

Auch bei der Bahn gab es Versuche, autonome Fahrzeuge und Züge einzusetzen. Bis heute sind – wie etwa der Flughafenshuttle in Düsseldorf, der auf knapp zwei Kilometern Streckenlänge im forcierten Schrittempo verkehrt – nur eine handvoll Projekte in die Praxis umgesetzt worden. Nun gut, soll es also der Straßenverkehr und seine mächtige Lobby-Industrie richten. Was in der Praxis passiert, wenn man vom Randstreifen auf die Überholspur fährt, hören wir täglich in den Nachrichten. Drücken wir die Daumen, dass es glimpflicher beim autonomen Autofahren abläuft.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 21/2021.

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