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Kommentar

Das hinkt zum Himmel

Robert Bachmann

Soso, die Bundeskanzlerin kritisiert Bauverzögerungen am Berliner Hauptstadtflughafen. So oder so ähnlich las man Mitte dieser Woche in diversen Zeitungen und Nachrichtenportalen. "Was ist denn da los in Berlin?", fragte sie (leicht aus dem Kontext gerissen, Pointe folgt) bei einem Wahlkampfauftritt für ihre Partei in Hessen. Allein die Überschrift reichte im Grunde, um dem Leser zumindest ein leichtes Schmunzeln zu entlocken. "Guten Morgen, Frau Doktor" oder "Endlich spricht das mal wer an!", hätte man darauf mit dem entsprechenden Unterton erwidern wollen. Der eigentliche "Witz" folgt aber erst mit dem Kontext, denn die Kanzlerin hat einen konkreten Anlass für ihre Kritik. Da haben die Chinesen doch jüngst eine 55 km lange Brücke fertiggestellt und damit das chinesische Festland mit der bis dato relativ unabhängigen Sonderverwaltungszone Hongkong verbunden. Einfach so, für die fleißigen Chinesen ein Klacks. Die Frage, was denn da los sei bei der sonst doch so disziplinierten Ingenieursnation Deutschland, kommt also nicht von Merkel direkt, sondern wird von ihr den Hochgeschwindigkeitsbrückenbauern aus dem Land des Lächelns in den Mund gelegt. Selbstverständlich also, dass die peinlich berührte Kanzlerin hierzu klare Worte finden muss. Ironie beiseite: Dieser Vergleich hinkt gewaltig. Allein die gesellschaftspolitischen Implikationen des chinesischen Mammutprojekts sind mehr als gruselig. Davon einmal ab, kann sich das Land auch mit dem Bauprojekt als solchem nicht rühmen – auch, wenn es das dennoch tut. Zehn Jahre Bauzeit mögen für ein derartig ambitioniertes Werk noch respektabel erscheinen. Bei den Kosten wird es jedoch schon schwammig. Je nach Bericht schwanken die Zahlen zwischen 15 und 18 Mrd. Euro. Die Wahrheit kennt wohl nur die Parteiführung in Peking. Wesentlich schlimmer sind jedoch die zahlreichen Skandale, die dank der in Hongkong herrschenden Pressefreiheit über das Projekt bekannt wurden. Diese reichen von den üblichen Verzögerungen, massiven Kostensteigerungen über die obligatorischen Korruptionsfälle bis hin zu Baumängeln und letztlich mindestens 19 Todesfällen im Zusammenhang mit dem Bau der Brücke. So sehr man sich über das Großprojekt-Desaster BER also auch ärgern mag: schlimmer geht immer.

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