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Kommentar

Irrweg Lkw-Oberleitung

Kai-Werner Fajga

Als vor rund vier Jahren die ersten Meldungen die Runde machten, dass auf Deutschlands Autobahnen Oberleitungen installiert werden sollen, damit dort Elektro-Lkw verkehren und so der CO2-Ausstoß verringert werden könne, hielt ich das schlichtweg für einen sehr guten Aprilscherz. Als häufiger Bahnfahrer wusste ich zudem, dass es in Deutschland ein großes Netz an Schienenwegen gibt, die bereits mit Oberleitungen ausgestattet sind.

Es wäre sicherlich sinnvoller, Lkw-Verkehre auf die Schiene zu verlagern, statt Oberleitungen an Autobahnen zu montieren – so meine laienhafte Annahme damals. Und ich grübelte: Die Bahn verkehrt auf Schienen, da gibt es keine ständigen Überholungen oder alle fünf Kilometer eine Ausfahrt. Wie soll das bei Lkw mit Stromabnehmern funktionieren?

Inzwischen sind wir schlauer, die vermeintlichen Aprilscherze entpuppten sich als groß angelegte Demonstrationsprojekte der Bundesregierung mit zwei Teststrecken in Schleswig-Holstein und Hessen. Die Erfahrungen, die in diesen Projekten gesammelt wurden, stimmen bisher nachdenklich: Lkw, die auf den Strecken verkehren, wurden als Hybridfahrzeuge ausgelegt, um Batteriegewicht zu sparen. Ohne Oberleitung kommt ein solcher Lkw maximal 10 bis 15 Kilometer weit, dann fährt er mit dem normalen Dieselaggregat weiter.

In der Praxis konnten Hybrid-Laster so nach rund 1000 Kilometern bislang rund 10 Prozent an Kraftstoff durch Oberleitungsbetrieb einsparen. Das erscheint wenig, doch für die Zukunft sehe die VW-Tochter Scania "deutlich mehr Einsparpotenzial".

Zum Thema Sicherheit: Die Strecke in Hessen ist wegen eines Unfalls im Januar teilweise außer Betrieb, corona-bedingt könne man nicht schneller Instand setzen. Auf jener in Schleswig-Holstein hatte ein unbekanntes, vermutlich zu hoch beladenes Fahrzeug im März ebenfalls die Oberleitung beschädigt, indem es einen Mast gestriffen habe. Dieser konnte aber inzwischen wieder repariert werden, nach dem Übeltäter fahnde die Polizei weiter.

Wer jetzt an mögliche Unfälle mit herabgerissenen, blitzenden Kabeln denkt, ist mit seinen Sorgen nicht allein: "Wenn ich sehe, was die uns vor die Tür gesetzt haben – das ist die reinste Katastrophe", wurde jüngst ein Feuerwehrmann in Lübecker Nachrichten Online zitiert, der in Hamburg als Dienstgruppenleiter und Einsatzführer für Sicherheit sorgt. Mit dem Aufbau der Masten schaffe man ein ungeheures Gefahrenpotenzial, die Gefahr tödlicher Unfälle steige, und Rettungshubschrauber könnten nicht landen.

Es bleibt zu hoffen, dass auch Verantwortliche im Verkehrsministerium möglichst bald erkennen, dass dieses Projekt die Gefahr im Straßenverkehr erhöht, den Schienenverkehr weiter schwächt und die gewünschten Einsparungen den Aufwand nicht rechtfertigen.

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