Anzeige

Kommentar

Keine Farce

Kai-Werner Fajga

Große Verkehrsinfrastrukturprojekte in Deutschland zu planen und durchzuführen ist offensichtlich ein Problem. Die Beispiele Hauptstadtflughafen "BER" und "Stuttgart 21" sind sicher allen in Erinnerung. Doch während der Flughafen mit neun Jahren Verspätung im Herbst 2020 in Betrieb ging, buddelt die Deutsche Bahn in Stuttgart ihren Bahnhof weiter unter die Erde. 1995 wurde das Projekt vorgestellt, 2010 begannen die Bauarbeiten, 2019 sollten sie abgeschlossen sein. Und 2025 soll das Bauwerk in Betrieb gehen.

In letzter Zeit war es zunehmend still geworden in der Berichterstattung zu "Stuttgart 21", keine Schlagzeilen über Demos, erneute Baukostensteigerungen oder ähnliches. Das ändert sich nun, denn Landesverkehrsminister Winfried Hermann möchte, dass der neue, unterirdische Durchgangsbahnhof erweitert wird – und zwar um einen unterirdischen Kopfbahnhof.

Zum Hintergrund: Der aktuelle Bahnhof in Stuttgart ist ein Kopfbahnhof und erfordert häufige Rangiertätigkeiten. Das zu verändern war ein wesentliches Argument für die Konzeption als Durchgangsbahnhof und die Verlegung in den Untergrund. Nun soll nach dem Willen Hermanns eine zusätzliche Station unter den bisherigen Flächen gebaut werden, das sei unabhängig von "Stuttgart 21" machbar und ein "separates Nahverkehrsprojekt".

Was im ersten Moment wie eine Farce anmutet, ist aber keine. Der Verkehrsminister Baden-Württembergs hatte den Vorschlag schon vor zwei Jahren ins Gespräch gebracht, da er die Kapazität des neuen Bahnhofs angesichts steigender Fahrgastzahlen infrage stellte. Nachdem der Personenverkehr auf der Schiene mittlerweile in den Fokus der Bundespolitik gerückt ist und Fahrgastzahlen verdoppelt werden sollen, sah sich der Minister bestärkt und gab eine Machbarkeitsstudie in Auftrag.

Das Gutachten wurde jüngst vorgestellt und die Ergebnisse sorgen für neuen Sprengstoff in der Diskussion. Hermann sieht sich jetzt in seiner Argumentation bestätigt. Die zusätzliche Station sei technisch wie baulich machbar, separat von "Stuttgart 21" zu betrachten und die Baukosten in Höhe von 785 Millionen Euro seien überschaubar. Die Projektpartner von "Stuttgart 21", die Deutsche Bahn und die Stadt Stuttgart sahen das bisher anders und argumentierten, dass der neue Bahnhof auch für höhere Verkehrsströme ausreichend Kapazitäten biete.

Zum aktuellen Gutachten bemängelte die Stadt Stuttgart, dass "zentrale Aspekte, die wir in das Verfahren eingebracht haben, fehlen". Der neue Plan greife wesentlich in Stadtflächen und deren Verfügbarkeit ein, auf den Flächen solle ein neuer Stadtteil und Wohnraum entstehen.

Der Verkehrsminister hält dagegen, dass doppelt so hohe Fahrgastzahlen ohne eine zusätzliche Station nicht zu realisieren seien. "Man ist im Jahr 2030 am Anschlag", wird Hermann zitiert und dass im Jahr 2030 nicht "die Geschichte des Eisenbahnwesens und die Notwendigkeit zum Klimaschutz" enden würde. "Ich bin sehr optimistisch, dass wir das schaffen", habe der Minister gesagt. Und gleichzeitig eingeräumt, "dass es nicht so einfach ist, wie ich es mir am Anfang vorgestellt habe". Es gebe Varianten mit Vor- und Nachteilen. Man darf also sehr gespannt sein, ob "Stuttgart 21" tatsächlich 2025 eröffnet wird, oder ob erst einmal neue Etappen in diesem Projekt folgen.

Ausgewählte Unternehmen

Die Anbieterprofile sind ein Angebot von llvz.de
Anzeige

Weitere Artikel