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Kommentar

Politik ohne Zukunft

Robert Bachmann

War bis vor Kurzem noch allemal zu befürchten, dass die Wahlen für das Europäische Parlament v. a. den zunehmenden Rechtsruck in Europa dokumentieren würden, offenbarten sie vielmehr ein ganz anderes, vielleicht aber noch viel eklatanteres Missverhältnis – das zwischen Alt und Jung. Man mag von dem Frontalangriff des Youtubers Rezo auf CDU und SPD halten, was man will. Inhaltlich als auch formal gibt es hier sicherlich hinreichend Angriffsfläche. Das eigentlich Bemerkenswerte ist doch aber, dass eine ganze Generation junger Menschen – nicht nur ein paar Popkulturschaffende auf Youtube und deren Fans – sich plötzlich politisch engagiert und die Politik darauf ihrerseits mit desaströser Ablehnung reagiert, ja sogar mit Regulierung droht – absurd. Das mag natürlich auch der Konfrontationskultur junger Menschen geschuldet sein, die das Internet in den vergangenen Jahren hat aufblühen lassen.

Zerstörungsabsichten laden nicht unbedingt zum Dialog ein. Schlimmer wiegt jedoch, dass ein Großteil der gewählten Volksvertreter schlichtweg keinen Zugang zur Welt dieser Menschen hat. Es ist im Übrigen die gleiche Welt, in der wir alle leben, und um die sich diese Menschen jetzt ernsthaft Sorgen machen. Sie fabulieren nicht etwa vom Bevölkerungsaustausch oder der Bewahrung imaginierter Landesidentitäten, sondern wollen in ihrer Lebenswirklichkeit ernst genommen werden. Allem voran bei den Themen Klima- und Netzpolitik. Schon die Reaktionen auf die "Fridays for Future"-Bewegung oder die EU-Urheberrechtsreform (Stichwort: Artikel 13) haben gezeigt, wie schwer sich das etablierte politische System damit tut. Die eindrucksvolle Selbstdemontage der CDU in den vergangenen Tagen lässt nun keinen Zweifel mehr daran, dass es einen gewaltigen Generationenkonflikt in Deutschland gibt. Das ist insofern verheerend, da die Politik in den kommenden Jahren nicht nur den Klimawandel auf der Agenda haben sollte, sondern auch Antworten auf den sich zunehmend verschärfenden Fachkräftemangel finden muss.

Unter den aktuellen Vorzeichen scheint die Industrie dabei auf sich allein gestellt. Diese hat immerhin verstanden, wo und auf welche Weise man heute mit jungen Menschen in den Dialog treten kann. Dass man diversen Youtubern heute bspw. auch auf Industriemessen wie der bauma begegnet, ist hierfür nur ein Beispiel von vielen. Nun mag der Bogen von der Politik zur werbetreibenden Bau- und Herstellerindustrie etwas weit gespannt erscheinen. Beiden ist jedoch eines gemeinsam: Wenn sie den Anschluss an die junge Generation verlieren, haben sie keine Zukunft.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 22/2019.

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