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Kommentar

Schuss ins eigene Bein

Robert Bachmann

Es sind bedenkliche Schlagzeilen, welche die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) dieser Tage produziert. Erst kürzlich monierte sie einen vermeintlich nachlässigen Umgang mit den derzeit geltenden Abstands- und Hygieneregeln auf deutschen Baustellen. Kaum eine Woche ist vergangen, da folgt der nächste Schlag gegen die Arbeitgeber der Branche.

Anlässlich des beginnenden Ausbildungsjahres stellt die IG Bau nun den Azubi-Mangel am Bau zur Diskussion. In bemerkenswert kleinteiliger Arbeit haben sich die Regionalvertretungen der Gewerkschaft den aktuellen Stand bei der Besetzung der Lehrstellen in ihrem jeweiligen Einzugsbereich angesehen und ihre Untersuchungsergebnisse in entsprechenden Pressemeldungen verpackt.

Das Fazit ist dabei relativ gleichlautend: Von Alarmsignalen und einem drohenden Niedergang der Branche ist da die Rede. Im Schnitt seien 50 Prozent der Lehrstellen unbesetzt, in Hamburg sogar 70 Prozent, Schuld seien schlechte Arbeitsbedingungen. Sehr praktisch: Genau dafür setzt sich die Gewerkschaft in den derzeit laufenden, wegen Uneinigkeit aber ins Schlichtungsverfahren verlegten Tarifverhandlungen ein. In erster Linie geht es um mehr Geld und Aufwandsentschädigungen für die Anfahrt zur Baustelle.

Über die Forderungen der IG Bau kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Ausgerechnet die Ausbildungsvergütung am Bau, die in den vergangenen fünf Jahren um immerhin 10 Prozent gestiegen ist und mithin den Spitzenplatz im Branchenvergleich einnimmt, als Grund für den Nachwuchsmangel anzuführen, erscheint dann aber doch etwas weit hergeholt.

Entsprechend empört zeigen sich die Verbände des Bauhauptgewerbes. Sie wissen um ihr Nachwuchsproblem und kämpfen seit Jahren dagegen an. Und das nicht ohne Erfolge: Nach aktuellem Stand liege man bei den neuen Lehrverträgen 6 Prozent über dem Vorjahreswert, erklärte der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes anlässlich der Vorwürfe der IG Bau. Erfahrungsgemäß kämen im August und September noch einmal weitere Vertragsabschlüsse hinzu.

Der Verband wirft der IG Bau eine Kampagne zur Stärkung der eigenen Position vor. Genau das erscheint jedoch fragwürdig. Dass die Branche ein Nachwuchsproblem hat, ist schließlich kein Geheimnis. Dieses dürfte sich jedoch weniger auf Geld begründen, sondern vor allem auf einem veralteten, negativen Image. Mit ihrer derzeitigen Öffentlichkeitsarbeit droht die IG Bau, dieses weiter nachhaltig zu schädigen. Am Ende dürfte sie sich damit ins eigene Bein schießen.

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