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Kommentar

Streitpunkt Wegezeit

Robert Bachmann

Die Fahrzeit zur Baustelle ist seit langem einer der größten Streitpunkte zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern am Bau. Jüngsten Erhebungen zufolge fordert die überwältigende Mehrheit von 95 Prozent der Baubeschäftigten, dass hinsichtlich der Vergütung von Wegezeiten endlich eine klare Regelung gefunden werden muss. Auch in den laufenden Tarifverhandlungen bildet die Wegezeitenfrage einen der größten Streitpunkte. Unter anderem wegen der in diesem Punkt arg verhärteten Fronten wurden die aktuellen Verhandlungen jüngst ergebnislos vertagt.

Auch wenn viele Pendler sich dies sicher wünschen würden, sind Fahrzeiten zur Arbeitsstelle und von dort wieder zurück zum Wohnort arbeitsrechtlich betrachtet keineswegs Arbeitszeit. Schließlich obliegt es dem Arbeitnehmer, so die juristische Argumentation, wie er diese Zeit nutzt. Dennoch gibt es gerade in der Baubranche gute Gründe, diese Zeiten dennoch in irgendeiner Form zu honorieren.

Ein gewichtiges Argument hat die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt kürzlich selbst noch einmal untermauert, indem sie die Fahrzeiten am Bau in einer Studie durch das Pestel Institut untersuchen ließ. Demnach werden die Fahrzeiten zur Baustelle immer länger. Im Durchschnitt liegen sie laut Studie bei 54 Minuten. Mehr als ein Viertel der Baubeschäftigten braucht sogar länger als eine Stunde zum Einsatzort. Dem Pestel-Institut zufolge ist das etwa fünfmal so viel wie in allen anderen Branchen.

Ein wichtiger Unterschied zu diesen anderen Branchen ist zudem, dass Bauarbeiter keinen Einfluss auf ihre jeweiligen Einsatzorte haben. Während Pendler in anderen Berufen mit fester Arbeitsstelle, zumindest theoretisch, ihren Wohnort günstiger wählen könnten, muss sich der Bauarbeitnehmer mit ständig wechselnden Einsatzorten auseinandersetzen. Dabei geht ihm wichtige Lebenszeit verloren.

Andere Branchen sind zunehmend bemüht, den immer wichtigeren Ausgleich zwischen Arbeit und Leben über Homeoffice-Lösungen oder Ähnlichem herzustellen. Für Bauarbeiter ist das schlichtweg nicht möglich. Eine Vergütung der Wegezeit am Bau ist juristisch nur schwer zu rechtfertigen. Dennoch wäre es nur fair, wenn sich die Tarifparteien bei ihrem nächsten Treffen am 25. Juni in dieser Sache annähern. Auch, weil genau solche Themen des Arbeitskomforts entscheidend dazu beitragen könnten, die Branche jetzt und in Zukunft attraktiv für Fachkräfte und den beruflichen Nachwuchs aufzustellen.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 24/2020.

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