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Kommentar

Von China lernen?

"Während der Deutsche noch baut, fliegt ihm der Chinese davon. Hier können wir noch was lernen, da sollten wir uns mal eine Scheibe von abschneiden . . ." – In diesen und ähnlich kreativen Formen konnten sich sowohl die chinesische Landesregierung als auch die deutsche Presse in der vergangenen Woche den einen oder anderen Seitenhieb auf den Pannenflughafen BER nicht verkneifen. Der Hintergrund: Nach nur vier Jahren Bauzeit hat Peking den nach Geländefläche größten Flughafen der Welt in Betrieb genommen. Der durch seine Gebäudestruktur an einen Seestern erinnernde Mega-Airport soll bis zum Jahr 2021 rund 45 Millionen Passagiere im Jahr transportieren und später auf 100 Millionen Fluggäste erweitert werden. Das verdient natürlich Respekt, denn das etwa 15 Milliarden Euro teure Bauwerk, einschließlich der Bahn- und Straßenzubringer, ist nicht einfach nur riesig, sondern auch architektonisch enorm anspruchsvoll und strotz zudem vor moderner Technik.

Dass die Gedanken angesichts dieser Mammut-Leistung automatisch in Richtung Berlin wandern, ist nur verständlich. Schließlich wird dort seit nunmehr 13 Jahren und aktuell 7 Milliarden Euro relativ ergebnislos daran gearbeitet, einen zumindest teilweise funktionsfähigen Flughafen zu errichten. Das ist peinlich und eine herbe Schlappe für das Image Deutschlands und die viel beschworene Ingenieurskunst, der wir uns so gerne rühmen.

Der hämische Vergleich mit Peking hinkt dennoch ein wenig. Nicht, weil die Projekte nicht vergleichbar wären. Vielmehr, weil bekannt ist, zu welchen "Kosten" das Land des Lächelns derartige Prestigeprojekte bereit ist, umzusetzen. Dass der Mega-Flughafen nach derart kurzer Bauzeit nun pünktlich zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik fertiggestellt wurde, ist sicherlich nicht allein einer sehr guten Baustellen-Koordination zu verdanken, sondern auch den Arbeitsbedingungen, denen sich chinesische Arbeiterinnen und Arbeiter bereit sind auszusetzen.

Vor allem aber ist die Landesführung bei derartigen Bauprojekten bereit, bürokratische Hürden rigoros aus dem Weg zu räumen. Beim Bau des neuen Pekinger Flughafens rückten die Planierraupen bereits an, als die breite Öffentlichkeit noch gar nicht darüber informiert war. Für das Mega-Projektwurden Dutzende Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Die Anwohner wurden zwar entschädigt, eine Wahl hatten sie aber nicht. Sicherlich können wir von China lernen. Dieser Prozess sollte jedoch auf Gegenseitigkeit beruhen.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 40/2019.

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