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Mädchen-Zukunftstag 2021

Digitalisierung ebnet Frauen den Weg in der Bau- und Bauingenieurbranche

Von Julia Gräßler

Es gibt noch viel zu tun, um mehr qualifizierte Nachwuchskräfte – und vor allem Frauen – für die Arbeit im Bauingenieurwesen zu gewinnen, doch die zunehmend positive Entwicklung des Frauenanteils innerhalb der Branche stimmt (v. l.) Dr. Heinrich Bökamp (Präsident der IK-Bau NRW), Dr. Heike Rieger und Annette Zülch (beide Vorstandsmitglieder der IK-Bau NRW) zuversichtlich.

Düsseldorf/Ottendorf-Okrilla. – Der Girls'Day, oder Mädchen-Zukunftstag, der in diesem Jahr am 22. April stattgefunden hat, ist ein jährlicher Aktionstag, der speziell Mädchen und Frauen motivieren soll, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen, in denen der Frauenanteil bei weniger als 40 Prozent liegt. Das Thema gerät besonders im Bauwesen zunehmend in den Fokus, da viele Unternehmen zum einen dem Fachkräftemangel und zum anderen dem Stigma der "Männerdomäne" entgegenwirken wollen.

Verschiedene Firmen setzen sich deshalb vermehrt dafür ein, Mädchen und jungen Frauen am Girls'Day die verschiedenen Arbeits- und Berufszweige innerhalb der Branche näherzubringen – darunter auch die Heinz Lange Bauunternehmen GmbH aus Ottendorf-Okrilla. Die Geschäftsführerin Janet Lange hat den Girls'Day 2021 genutzt um, – unter Einhaltung Corona-konformer Schutzmaßnahmen – mit jungen Interessentinnen zu aktuellen Baustellen ihrer Firma zu fahren.

"Besonders spannend finde ich am Girls'Day, dass junge Mädchen ganz ungezwungen Einblicke in Berufe aus den Bereichen IT, Handwerk, Naturwissenschaften und Technik erlangen können", erklärt die Geschäftsführerin. "Auch heute noch sind junge Frauen in diesen Ausbildungsberufen und in Studiengängen, wie beispielsweise Ingenieurswissenschaften, deutlich unterrepräsentiert, obwohl sie bei entsprechendem Interesse hervorragend dafür geeignet wären. Durch die geringen Kontaktpunkte von Mädchen und jungen Frauen während der Berufsfindungsphase mit diesen Berufszweigen schöpfen sie nicht alle Möglichkeiten aus, die ihnen zur Verfügung stehen würden", ist die Expertin überzeugt. "Gut finde ich auch, dass der Girls'Day die Option bietet, Rollenklischees zu hinterfragen und sich mit den individuellen Lebensträumen vielleicht auch kritisch auseinanderzusetzen." Auch unabhängig vom Mädchen-Zukunftstag nutze Lange ganzjährig verschiedene Angebote, um potentiellen Nachwuchs für das Unternehmen zu finden, das thematisch breit aufgestellt ist. Die Medinger Firma bietet Ausbildungsplätze in den Bereichen Baugeräteführung, Bau- und Landmaschinenmechatronik, Straßenbau sowie Tiefbaufacharbeit und Beton- und Stahlbetonbau an.

Nicht nur in Ottendorf-Okrilla spielt das Thema "Frauen in der Baubranche" und Nachwuchsgewinnung im Allgemeinen eine wichtige Rolle. Die zunehmend positive Entwicklung im Hinblick auf den Frauenanteil spiegelt sich auch in aktuellen Daten der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen (IK-Bau NRW) wider. "Die Ingenieurkammer-Bau NRW will weiterhin aktiv dazu beitragen, den Anteil der weiblichen Beschäftigten in vermeintlichen 'Männerberufen' zu erhöhen und damit den sich abzeichnenden Fachkräftemangel zu verringern", betont Dr. Heinrich Bökamp, Präsident der IK-Bau NRW. "Auch wenn wir noch einen weiten Weg vor uns haben, deuten sich erste Erfolge bereits an."

Frauenanteil gestiegen

Tatsächlich studieren mehr junge Frauen Bauingenieurwesen als etwa Maschinenbau. Der Frauenanteil stieg im Fachbereich Bauingenieurwesen zwischen 2007 und 2018 laut Hauptverband der Deutschen Bauindustrie von 19 auf 29 Prozent, während der Anteil der Studentinnen im Maschinenbau 2018 nur bei 12 Prozent lag. Auch die Mitgliederzahlen der IK-Bau NRW bestätigen diese Entwicklung: Während der Frauenanteil bei den Mitgliedern im Alter von 55 bis 67 Jahren nur bei knapp 7 Prozent liegt, sind von den 25 bis 34-jährigen Kammermitgliedern rund ein Viertel Frauen.

Janet Lange, die Geschäftsführerin der Heinz Lange Bauunternehmen GmbH, hat den Girls'Day 2021 genutzt um mit jungen Interessentinnen zu aktuellen Baustellen ihrer Firma zu fahren.

Auch das Berufsleben spiegelt diesen Trend: Von den sozialversicherungspflichtig angestellten Bauingenieuren waren im Jahr 2018 knapp 30 Prozent Frauen, in der öffentlichen Verwaltung lag der Frauenanteil bei 44 Prozent. "Auch wenn sich die Rolle der Frauen im Bauingenieurwesen verbessert hat, bleibt noch viel zu tun", betont Dr. Heike Rieger, Vorstandsmitglied der IK-Bau NRW. "Ziel der IK-Bau NRW ist es, noch mehr junge Frauen für ein Studium des Bauingenieurwesens zu begeistern. Mit unserer großen Nachwuchs- und Imagekampagne 'Bling.Bling', die im Mai 2021 startet, wollen wir zeigen, dass die Berufswirklichkeit inzwischen viel moderner ist als ihr Ruf."

Es sei schön, wenn in absehbarer Zeit die Hälfte der Personen, die die Universität in diesem Bereich absolvieren, Frauen seien, so Dr. Rieger. In der Arbeitswelt wirkt die Digitalisierung auch im Baugewerbe als Movens einer allgemeinen Modernisierung. Wo Frauen früher an geschlossenen Männernetzwerken scheiterten, eröffnet das Internet heute ganz neue Möglichkeiten. "Viele Frauen meiden gemischte Netzwerke, weil sie dort nicht richtig wahrgenommen und gehört werden. Sie vernetzen sich deshalb gerne mit anderen Frauen", erläutert Evelyn Brock, Gründungsberaterin aus Köln.

"Diese Netzwerke sind sinnvoll und haben ihre Berechtigung, aber manchmal sind sie eben auch die 'Kuschelecke des Netzwerkens' und die Geschäfte werden eher in den gemischten Netzwerken gemacht", so die Einschätzung der Spezialistin.

"Frau liebt Bau"

Von einer "Kuschelecke" kann beim Netzwerk selbstständiger Frauen in der Bauwirtschaft "Frau liebt Bau" keine Rede sein – hier geht es um Aufträge und Umsätze. "Unser Netzwerk führt zu vielen Kooperationen und bringt immer wieder neue Aufträge", erklärt Bauingenieurin Sarah Kosmann. "Die Digitalisierung ermöglicht es mir, nicht nur für Auftraggeber vor Ort zu arbeiten, sondern meine Planungsleistungen bundesweit anzubieten. Auch deshalb bin ich weniger auf regionale, klassische Netzwerke angewiesen."

"Trotz dieser Erfolge wünscht sich die IK-Bau NRW mehr selbständige Bauingenieurinnen. Denn noch immer machen sich deutlich weniger Frauen als Männer selbstständig. Hat man im Hinterkopf, wie viele selbstständige Bauingenieurinnen und -ingenieure in den nächsten Jahren das Rentenalter erreichen, wird klar, dass wir auch als Gesellschaft dringend Gründerinnen ermutigen müssen.", betont Annette Zülch, Vorstandsmitglied der IK-Bau NRW.

Work-Life-Balance ist wichtig

Tatsächlich gründen Frauen nur 30 Prozent der Unternehmen. Während nach Zahlen der bundesweiten gründerinnenagentur bga die Zahl der weiblichen Solo-Selbständigen von 2003 bis 2013 um fast 38 Prozent wuchs, stieg die Zahl der Unternehmerinnen mit Beschäftigten im gleichen Zeitraum um lediglich 1 Prozent. Dazu passt, dass 66 Prozent der Frauen im Nebenerwerb gründen. Nach Erfahrung von Rita Keuneke, einst selbst Gründerin, heute angestellte Geschäftsführerin eines großen Ingenieurbüros und im Ingenieurinnenbund engagiert, schreckt nicht allein die Furcht vor mangelnder Flexibilität in der Kindererziehung ab: "Der Grund, warum Ingenieurinnen eher keine größeren Unternehmen gründen oder übernehmen, liegt nicht allein in der Kinderbetreuung. Die Work-Life-Balance spielt eine Rolle, das Bild des Unternehmers, der mindestens 60 Stunden in der Woche arbeiten muss, schreckt ab." Dabei lassen sich auch Kinder und Karriere als Unternehmerin mit Verantwortung für Mitarbeiter vereinbaren. Ein Beispiel dafür ist die selbständige Bauingenieurin Sarah Kosmann. "Nach der Gründung dauerte es etwa ein Jahr, bis es wirklich lief. Jetzt habe ich den ersten Mitarbeiter eingestellt. Ein Mitarbeiter macht es anspruchsvoller, Familie und Arbeit zu verbinden. Doch auch hier hilft die Digitalisierung, einen neuen Führungsstil und neue Konzepte zu etablieren. Der Mitarbeiter arbeitet vor allem im Homeoffice, da er selbst auch noch seine Kinder betreut, und man sieht sich vor allem vor Ort bei Terminen." Es bleibt zu hoffen, dass sich auch in Zukunft immer mehr Bauunternehmen aktiv am Mädchen-Zukunftstag beteiligen. So kann die Branche immer deutlicher zeigen, dass sie auch für junge Frauen vielfältige und flexible Karrieremöglichkeiten in petto hat. Dann kann auch das Vorurteil der "männerdominierten Branche" hoffentlich irgendwann ad acta gelegt werden.

ABZ-Stellenmarkt

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 17/2021.

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