Materialmangel am Bau

Experten sind moderat zuversichtlich

München/Frankfurt am Main (dpa). – Der Materialmangel am Bau ist so schlimm wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr. Im Hochbau nahm der Anteil der Unternehmen, die bei einer Umfrage des Ifo-Instituts Engpässe meldeten, um 2,4 Punkte auf 56,6 Prozent zu, wie das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut am Freitag mitteilte. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung 1991. Im Tiefbau sank der Anteil minimal auf 44,8 Prozent – der zweithöchste hier je ermittelte Wert.

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben sich die Lieferprobleme bei Baustoffen drastisch verschärft", sagte Ifo-Forscher Felix Leiss. "Besonders knapp ist derzeit Baustahl, der oft aus Russland oder der Ukraine importiert wurde." Auch beim Bitumen komme es zu Problemen, Ziegelsteine und Dämmstoffe seien rar. Der Mangel macht Bauen teurer: "Die Materialpreise legen infolge der Knappheit und höheren Energiekosten weiter zu", sagte der Experte. Dem Ifo zufolge berichtete ein Großteil der Firmen im Hochbau, die Preise kürzlich angehoben zu haben. Weitere Schritte seien in den kommenden Monaten geplant. Auch im Tiefbau kam es vielerorts zu Erhöhungen. Steigende Baukosten und höhere Zinsen führten besonders im Wohnungsbau vermehrt zu Auftragsstornierungen, sagte Leiss. Im Mai berichteten 13,4 Prozent der Hochbauer davon, im April waren es noch 7,5 Prozent und im März 4,6 Prozent. Im Tiefbau waren es laut Ifo 8,8 Prozent, nach 9,3 Prozent im April. Insgesamt sind die Auftragsbücher dem Ifo zufolge aber immer noch prall gefüllt.

Nach einer Prognose der Strategieberatung EY-Parthenon wird es in den kommenden Jahren ein moderates Wachstum im Hochbau geben – trotz knapper und teurer Baumaterialien, Fachkräftemangel und Konjunkturrisiken. Maßgeblicher Treiber seien neben dem Wohnraummangel vor allem energetische Sanierungen für den Klimaschutz, so die Berater. Der enorme Bedarf nach Sanierungen mit Dämmungen, Solardächern und Wärmepumpen treibe die Branche langfristig an, sagte Björn Reineke, Partner bei EY-Parthenon. "Das Handwerk ist damit auf Jahre ausgelastet."

Laut Prognose dürfte das Volumen der erbrachten Bauleistungen bis 2024 preisbereinigt im Schnitt um rund 1,8 Prozent pro Jahr wachsen. Voraussetzung sei, dass der Ukraine-Krieg nicht unerwartet drastisch durchschlage. Eine Rezession in Deutschland könne das Bild ändern. Aktuell stießen Baufirmen an ihre Grenzen, berichtete Reinke. Die Reichweite abzuarbeitender Aufträge liege bei bis zu fünf Monaten. 2021 wuchs der Hochbau in Deutschland EY zufolge preisbereinigt um 1,1 Prozent gemessen am Vorjahr. Eine Stütze blieb demnach der private Wohnungsbau, der stärker als der Wirtschaftsbau und der öffentliche Bau zulegte. Auch Nachholeffekte wegen der Corona-Pandemie halfen maßgeblich.

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