Premiere für das elektronische Zündsystem

Bonn Center mit neuer Methode erfolgreich gesprengt

Das Gebäude wurde vor der Sprengung entkernt.

Bonn (ABZ). – Der Bauherr Art-Invest beauftragte das Abbruchunternehmen AWR Abbruch GmbH mit dem Rückbau des Bonn Centers am Bundeskanzlerplatz. Die Firma Reisch Sprengtechnik GmbH erhielt hierfür den Auftrag für den Sprengabbruch. Der 1968/69 erbaute Gebäudekomplex Bonn Center war als Geschäftszentrum konzipiert und sollte durch den abendlichen Unterhaltungsbetrieb belebend auf das Viertel am Rande des Bundesviertels wirken. Das Bonn Center beherbergte zunächst ein Hotel mit über 300 Betten, Konferenzräume, ein beliebtes Restaurant und vieles mehr. Das Wahrzeichen des Bonn Centers, der weithin sichtbare Stern einer bekannten Automarke auf dem Dach des Hochhauses, drehte sich zweimal in der Minute um sich selbst.

Doch die Nutzungsstruktur des Gebäudes änderte sich im Laufe der Jahre mehrfach und Firmen zogen ein und aus. Im Oktober 2014 lag der Leerstand bei 70 %. Am Ende stand die Entscheidung des neuen Investors fest: Abbruch des Komplexes und Sprengung des Hochhauses.

Mit einer Höhe von 56,15 m (Länge: 65,66 m, Breite: 17,04 m) war das Bonn Center das fünfthöchste Gebäude Bonns. Das Hochhaus besaß 18 oberirdische Geschosse und zwei Kellergeschosse. In seiner Tragstruktur wurde der Hochhaustrakt als Ortbeton-Skelettbau errichtet. Die Aufnahme der Vertikallasten erfolgte vorrangig durch Stützen.

Von Anfang an war Dr. R. Melzer und sein Planungsbüro für Bauwerksabbruch in das Projekt eingebunden. Nach der Erstellung einer Machbarkeitsstudie erarbeitete das Planungsbüro die Durchführungsunterlagen für die Sprengung des Hochhauses. Da die Kellergeschosse mit ihren zahlreichen Wänden für eine Sprengung weniger geeignet waren, wurde entschieden, alle im Erdgeschoss und im 1. Obergeschoss vorhandenen Stützen zu sprengen und damit einen Vertikalkollaps des Skelettbaus herbeizuführen. Zeitlich verzögert sollte anschließend das Kippen der Kerne (Fahrstühle und Treppenhäuser) durch eine Fallrichtungssprengung im 4. Obergeschoss erfolgen.

Parallel zu den Entkernungsarbeiten und einer umfassenden Schadstoffsanierung durch die AWR, begannen im Januar 2017 die Bohrarbeiten im EG und 1. OG mit Commando-Bohrgeräten. Doch die anzubohrenden Stützen entpuppten sich als extrem stark bewehrt.

Die Reisch Sprengtechnik griff daraufhin auf Plan "B" zurück und setzte eine Sauerstofflanze ein, mit der die ersten beiden Reihen der 26 mm starken Bewehrungseisen sehr schnell "beseitigt" wurden. Doch wegen zu großer Bedenken des Prüfstatikers wurde der weitere Einsatz der effektiven Sauerstofflanze untersagt und Plan "C" kam zum Tragen: Mit Kernbohrgeräten wurden die ersten 25 cm der Bohrlöcher herausgebohrt und anschließend mit Bohrgeräten auf die erforderliche Länge gebohrt. Im 4. Obergeschoss gingen, ebenfalls mit Commando-Bohrgeräten, die Bohrarbeiten an den Kernen (Fahrstuhlschächte und Treppenhäuser) weiter, während gleichzeitig AWR Fallschlitze und Ausbrüche für die geplante Fallrichtungssprengung hergestellt wurden. Hierbei kamen sowohl Minibagger als auch die Diamant-Sägetechnik zum Einsatz.

Um ein Abreißen der Decken hinter dem südlichen Kern 100%-ig zu garantieren, stellte AWR in allen Geschoßen vertikale Deckensägeschnitte über die gesamte Kernlänge her. Da sich das zu sprengende Gebäude in unmittelbarer Nähe von Wohngebäuden befand (das nächste Gebäude war nur 27 m entfernt), wurde sehr viel Wert auf eine optimale Abdeckung der Sprengbereiche mit dem größten Schutzfaktor gegen Streuflug gelegt. Z. B. wurden alle Fassadenbleche und Fenstergläser entfernt, um eventuelle Schäden durch deren Streuflug zu verhindern. Im Gegensatz zu der sonst verwendeten Methode des "Einwickelns" der einzelnen Sprengobjekte wurden beim Bonn Center die beiden unteren Etagen flächendeckend mit einer Textilvlies/Maschendraht-Kombination (ein sogenannter "Sandwich") von außen abgedeckt.

Beim Verbinden der einzelnen Abdeckungen und schwierigen Arbeiten in den Fahrstuhlschächten half ein Industrie-Kletterer. Im südlichen Sprengbereich des Gebäudes, in unmittelbarer Nähe der Wohnbebauung, kamen keine Textilvlies/Maschendrahtabdeckungen zum Einsatz – hier wurden schwere Sprengschutzmatten (mit einem Gewicht von bis zu 900 kg) von außen an der Fassade befestigt. Weiterhin erfolgte die Freischachtung der Kellergeschosse bis zu einer Tiefe von ca. 6 m, die Errichtung von 4 m hohen Schutzwällen und die Aufschüttung von gerippten Fallbetten. Für die Anwohner bestand eine Evakuierungszone (100-m-Radius) und ein Sicherheitsbereich (200-m -Radius), der während der Sprengung nicht betreten werden durfte.

Nach drei Monaten Vorbereitung war es dann soweit : am 19. März 2017, Punkt 11 Uhr, erfolgte die Sprengung des Bonn Centers. 48 Jahre nach seiner Errichtung verschwand das Hochhaus unter großer Anteilnahme der Bonner Bevölkerung und der Medien aus dem Bonner Stadtbild. Die Sprengung verlief reibungslos, ohne den geringsten Schaden zu verursachen.

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 24/2017.

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