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Prognose für 2019

Liebherr bleibt vorerst auf Rekordkurs

Von Robert Bachmann

Informierten über die aktuelle Geschäftsentwicklung und neue Produkte (v. l.): Werner Seifried (Geschäftsführer Technik, Liebherr-Hydraulikbagger GmbH), Rudolf Arnold (Geschäftsführer Vertrieb, Liebherr-Hydraulikbagger GmbH), Holger Streitz (Geschäftsführer Technik Baumaschinen, Liebherr-Werk Nenzing GmbH) und Andreas Böhm (Vorstandsmitglied, Liebherr-International AG).

Kirchdorf/Nenzing. – Gut gefüllte Auftragsbücher sorgen bei Liebherr weiterhin für optimistische Geschäftserwartungen. Das teilte die Firmengruppe im Rahmen ihrer diesjährigen Informationsfahrt für die internationale Baufachpresse in Kirchdorf an der Iller mit. Angesichts der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten auf dem Weltmarkt sei für 2020 jedoch mit einer Abschwächung der bisherigen Geschäftsdynamik zu rechnen. Zwei Tage lang informierte Liebherr auf seiner diesjährigen Informationsfahrt über aktuelle Entwicklungen rund um die Firmengruppe und ihre Produkte für den Baubereich. Dafür hatte das Unternehmen rund 40 Vertreter der internationalen Fachpresse zu Besuchen der Firmenstandorte Kirchdorf an der Iller und Nenzing in der Schweiz eingeladen. Dabei präsentierte Liebherr nicht nur aktuelle Zahlen zum Geschäftsverlauf, sondern ging auch auf neue Produkte ein, mit denen der Baumaschinenhersteller die "Baustelle der Zukunft" mitgestalten möchte. Im Fokus standen unter anderem das akkubetriebene Großdrehbohrgerät LB 16 unplugged sowie eine neue Serie knickgelenkter Muldenkipper.

Als diesjähriger Gastgeber informierte Andreas Böhm, Mitglied des Direktoriums der Liebherr-International AG, die Pressevertreter über den aktuellen Geschäftsverlauf. Nachdem Liebherr im vergangenen Geschäftsjahr 2018 mit 10,5 Milliarden Euro den bisher höchsten Umsatz in der Firmengeschichte verbuchen konnte, rechnet das Unternehmen für 2019 mit einer Fortsetzung des Wachstums, erklärte Böhm. So liege der Umsatz im ersten Halbjahr 2019 bei 5,7 Mil-liarden Euro, was einer Steigerung von 12,4 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2018 entspreche. Grundlage hierfür sei ein Wachstum in fast allen Regionen des Weltmarktes gewesen. Auch der Auftragseingang sei weiterhin positiv, so Böhm.

Auch VR- und AR-Anwendungen gehören mittlerweile zum Lösungsangebot von Liebherr.

Demgegenüber habe Liebherr seine Investitionen deutlich zurückgefahren, um etwa 25 Prozent auf nunmehr fünf Prozent. Hierbei sei jedoch zu beachten, dass die Investitionsrate im Branchenvergleich noch immer recht hoch ausfalle und sich der Rückgang auf eine überdurchschnittlich hohe Investitionsquote im Vorjahr beziehe. Im Fokus aktueller Investitionsprojekte stehe derzeit vor allem der chinesische Markt, der sich zunehmend von einem quantitativen hin zu einem qualitativen Wachstum verlagere und sich damit mehr und mehr im Einklang mit den auch bei Liebherr vertretenen Werten befinde. Auch in Deutschland werde weiterhin kräftig investiert. Als Beispiel nannte Böhm unter anderem die neue Niederlassung im Hamburger Hafen, in die nach Unternehmensangaben 20 Millionen Euro investiert wurden.

Auch in die Mitarbeiter der Firmengruppe soll weiterhin investiert werden, betonte Böhm. Zum Jahresende 2019 soll die Zahl der Liebherr-Mitarbeiter weltweit von mehr als 46 000 im Vorjahr auf mehr als 49 000 steigen. Angesichts der gut gefüllten Auftragsbücher ergebe sich für Liebherr damit ein positiver Ausblick für das Geschäftsjahr 2019. Darüber hinaus machen sich aber auch beim Branchenriesen erste Wolken am Horizont bemerkbar. So bleibe das globale Wachstum mit einer vorhergesagten Rate von 3,2 Prozent hinter den Erwartungen zurück, erklärte Böhm. Das bisherige BIP in diesem Jahr deute zusammen mit der allgemein abgeschwächten Inflation auf eine schwächeres globales Geschäft hin als ursprünglich erwartet.

"Verstärkte Handels- und Technologiespannungen zwischen den USA und China sowie die anhaltende Unsicherheit beim Brexit haben die Dynamik der globalen Aktivitäten in der ersten Jahreshälfte 2019 verlangsamt." Während das Wachstum in den Industrieländern für einige positive Überraschungen gesorgt habe, hätten sich die Wirtschaftsaktivitäten in den Schwellenländern abgeschwächt. Als global agierendes Unternehmen fühle sich Liebherr dem freien Handel verpflichtet, betonte Böhm. Angesichts der vielen Branchen, in denen Liebherr tätig sei, sei dieser ein wichtiger Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg. Gleichzeitig ermögliche die dezentrale Unternehmensstruktur sowie die ausgeprägte Diversifikation des Geschäfts bei Liebherr, flexibel auf die aktuellen konjunkturellen Schwankungen in einzelnen Märkten zu reagieren.

Bezogen auf die Baumaschinenbranche erwartet Liebherr eine weiterhin positive Entwicklung, sowohl im Baumaschinen als auch im Mining-Sektor sowie in anderen Produktbereichen. "Insbesondere in den Sparten Erdbewegung und Mining erwarten wir ein spürbares Wachstum", erklärte Böhm. "Insgesamt verzeichnen wir eine stabile Nachfrage, die sich in den kommenden Monaten fortsetzen wird." Für 2020 sei aufgrund der sich abzeichnenden globalen Konjunkturschwäche jedoch mit einem niedrigeren Umsatz zu rechnen.

Auf der Teststrecke des 2018 neu errichteten Entwicklungs- und Vorführzentrums in Kirchdorf werden die neuen knickgelenkten Muldenkipper von Liebherr derzeit einem anspruchsvollen Langzeittest unterzogen.

Produktseitig konzentriere sich Liebherr aktuell auf "Innovationen, die die Herausforderungen von morgen lösen werden", erklärte Böhm. "In unserer Vision der Baustelle der Zukunft bringen wir schnellere, sicherere und vor allem effizientere Prozesse durch Digitalisierung, Vernetzung und Maschinenautomation ein."

Viele solcher Ansätze fänden sich schon heute in den Maschinen von Liebherr. Etwa die Möglichkeit der Zustandsüberwachung einzelner Komponenten sowie Gesamtsysteme oder verschiedene neue Assistenzsysteme. Andere Ansätze wie das neue adaptive Bedienkonzept INTUSI befinden sich derzeit noch in der Entwicklungsphase.

Neben den eigentlichen Maschinen gewinnen für Liebherr dabei digitale Services zunehmend an Bedeutung, erklärte Böhm: "Die Digitalisierung eröffnet uns die Möglichkeit, die vor- und nachgelagerten Prozesse auf der Baustelle zu optimieren und komplexe Projekte besser zu planen." Als Beispiele für entsprechende Lösungen nannte Böhm unter anderem den Crane Planner 2.0, eine intelligente Software zur Planung und Simulation komplexer Hebeaufgaben, sowie eine neue Augmented Reality (AR)-Anwendung, mit der sich virtuelle Baustellen auf dem Ta-blett auf spielerische Art und Weise erlebbar machen lassen.

Ein wesentlicher Baustein für die Baustelle der Zukunft werden Niedrigemis-sionsprodukte sein. Mit elektrisch betriebenen Fahrmischern, einem dieselelektrischen Mining-Truck oder dem XPower-Radlader mit leistungsverzweigtem Fahrantrieb verfolgt Liebherr in diesem Bereich bereits eine Vielzahl verschiedener Ansätze. Als jüngstes Beispiel in dieser Reihe ging Liebherr im Rahmen der Informationsfahrt näher auf das neue Großdrehbohrgerät LB 16 unplugged ein, welches auf der vergangenen bauma enthüllt wurde.

Wie das "unplugged" in der Modellbezeichnung bereits andeutet, handelt es sich dabei um das erste Großdrehbohrgerät auf dem Markt, welches vollelektrisch und ohne Kabelbindung – sprich: akkubetrieben – arbeiten kann. Hierfür hat Liebherr das bestehende Großdrehbohrgerät LB 16 in Zusammenarbeit mit der Firma Suncar, einem Spin-Off der ETH Zürich, und dem Industriedesigner Dominic Schindler, mit zwei großen Batterietrögen auf dem Dach ausgestattet. Insgesamt kommt das LB 16 unplugged damit auf eine Batteriekapazität von rund sieben Tesla-S-Modellen, erklärte Holger Streitz, Geschäftsführer Technik Baumaschinen bei der Liebherr-Werk Nenzing GmbH. Dies entspräche einer Reichweite von rund 3000 Kilometern. Konzipiert sei das Batteriepaket für 1000 Betriebsstunden beziehungsweise 5000 Ladezyklen, so Streitz.

Mit dem LB 16 unplugged hat Liebherr das erste akkubetriebene Großdrehbohrgerät der Welt entwickelt.

Das Feedback auf der bauma sei fast ausschließlich positiv gewesen, sagte Streitz. Zwischenzeitlich hat Liebherr das Großdrehbohrgerät zum ersten Mal bei einem Einsatz getestet: Die Maschine arbeitete an der Anschlussstelle der A14-Autobahn Bludenz-Bürs an der Errichtung eines großen Kreisverkehrs mit. Mit positiven Ergebnissen auch abseits der CO2-Reduzierung: Zum einen hätten sich keinerlei Leistungseinschränkungen ergeben, erklärte Streitz. Zum anderen arbeite das LB 16 unplugged deutlich leiser als vergleichbare Maschinen mit Verbrennungsmotor, was die Kommunikation und damit die Sicherheit auf der Baustelle deutlich verbessere. Aktuell befinden sich laut Streitz eine zweite und dritte Maschine für weiterführende Tests in Planung. In absehbarer Zukunft sollen zwölf Maschinen für eine erste Kleinserie gebaut werden. Zudem werde derzeit geprüft, das Batteriekonzept des LB 16 unplugged auch auf andere Maschinen, zum Beispiel einen Raupenkran, zu übertragen.

Während das elektromobile Großdrehbohrgerät noch erprobt wird, macht sich die neue Serie knickgelenkter Muldenkipper im Entwicklungs- und Vorführzentrum von Liebherr bereits für den baldigen Markteintritt bereit. Drei Modelle, die eine Spanne von 30 bis 40 short tons (US-amerikanische Maßeinheit) abdecken, absolvieren aktuell ihre Runden auf der neu errichteten Teststrecke in Kirchdorf.

Die neue Generation der knickgelenkten Muldenkipper soll den Maschinenführern eine verbesserte Sicht nach vorne, zu den Seiten, nach hinten und sogar beidseitig in den Knickbereich bieten. Darüber hinaus sei das Betriebs- und Wartungskonzept komplett überarbeitet worden, um die Betriebs- und Wartungskosten so gering wie möglich zu halten, erklärte Rudolf Arnold, Geschäftsführer Vertrieb bei der Liebherr-Hydraulik-Bagger GmbH. Im Fokus der Entwicklung stand vor allem das Thema Sicherheit. Zu den umfangreichen Fahrerassistenzsystemen zählen ein Berganfahr-Assistent, ein Stabilitäts-Assistent, ein Geschwindigkeitshalteassistent sowie eine Höhenbegrenzung. Zudem wurden die neuen Muldenkipper mit einem serienmäßig integrierten Wiegesystem ausgestattet. Haupteinsatzgebiete werden laut Arnold die Gewinnungsindustrie, große Infrastrukturprojekte sowie Spezialanwendungen im Tunnelbau sein.

Bereits im kommenden Jahr sollen die neuen knickgelenkten Muldenkipper für den Mietmarkt verfügbar sein. Der reguläre Verkaufsstart ist für das Jahr 2021 geplant.

https://jobs-in-gruen-und-bau.de/index.php?id=123&tx_patzerboerse_paboeplugin[unterthemen]=323++207&no_cache=1

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 47/2019.

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