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Projekt "Tetra"

Case lotet Potenzial Biogas-betriebener Maschinen aus

Unter dem Projektnamen "Tetra" hat Case einen Radlader entwickelt, der mit Biogas angetrieben wird. Enthüllt wurde er auf der diesjährigen bauma.

Turin/Italien. – Auf der diesjährigen bauma überraschte Case mit dem Konzept für einen Biogas-betriebenen Radlader. Vor Kurzem hatte das Unternehmen eine ausgewählte Gruppe internationaler Fachpressevertreter ins CNH Industrial Village nach Turin geladen, um sich ein genaueres Bild von der Konzeptmaschine sowie der dahinter stehenden Strategie des Baumaschinenherstellers zu machen. Alternative Antriebstechnologien waren eines der ganz großen Themen auf der diesjährigen bauma in München.

Angesichts der zunehmenden Zahl innerstädtischer Einsätze, den immer höher steigenden Auflagen an Emissionsgrenzwerte sowie der allgemeinen ökologischen Verantwortung der Bau- und Baumaschinenindustrie gibt es derzeit wohl kaum einen Hersteller, der nicht wenigstens einen Prototypen für eine dieselfreie Maschine vorzuweisen hat. Den überwiegenden Teil machen dabei elektrisch betriebene Akku-Maschinen aus. Diese Technologie lässt sich derzeit jedoch lediglich im Kompaktmaschinenbereich wirklich praktikabel umsetzen. Neben der Umstellung auf Dieselmotoren der EU Stufe 6 setzen die meisten Hersteller deshalb auf einen breiten Antriebsmix zwischen elektrisch, dieselelektrisch und Hybrid. Andere Technologien wie die Brennstoffzelle werden nach Aussage diverser Hersteller zwar verfolgt, gelten den meisten jedoch noch als unausgereift, unsicher bzw. schlicht nicht serientauglich.

Auch bei Case Construction Equipment (Case), Teil des CNH Industrial-Konzerns, glaubt man an den Multi-Power-Ansatz. Hier wird der potenzielle Antriebsmix für die CO2-freie Zukunft jedoch um eine weitere, bisher noch selten zu sehende Alternative ergänzt: Biogas. Entsprechend groß war die Aufmerksamkeit, als das Unternehmen auf der diesjährigen bauma das sog. Projekt "Tetra" enthüllte. Im Rahmen eines neuen Antriebskonzepts wurde dabei erstmals ein Case-Radlader mit einem Erdgasmotor ausgestattet. Zugleich nutzte der Hersteller die Gelegenheit, um ein völlig neues Maschinendesign zu kreieren sowie das Konzeptmodell mit verschiedenen innovativen Details wie neuartigen Airless-Reifen von Michelin, Gesichtserkennung u. v. m. zu versehen. Doch wie genau soll es nun weitergehen mit Projekt "Tetra" und welche Strategie steckt dahinter? Um genauer auf diese Punkte einzugehen, hatte Case im Nachgang der bauma zu einer weiteren Presseveranstaltung ins CNH Industrial Village nach Turin eingeladen. Im Rahmen einer Pressekonferenz standen Carl Gustav Göransson, President Construction bei CNH, Nicola Darpino, Head of Sales and Marketing bei CNH in Europa, Sandro Vitale, Product Director General Construction bei Case Construction Equipment Europe, sowie CNH-Chefdesigner David Wilkie und Riccardo Viaggi vom europäischen Herstellerverband CECE den anwesenden Journalisten Rede und Antwort.

Stellten sich den Fragen zum Projekt "Tetra" (v. l.): Riccardo Viaggi (CECE), Nicola Darpino (Head of Sales and Marketing bei CNH in Europa), Carl Gustav Göransson (Präsident Construction bei CNH), Sandro Vitale (Product Director General Construction bei Case Construction Equipment Europe) sowie CNH-Chefdesigner David Wilkie.

Alternative Antriebe gehörten zu den aktuellen Megatrends der Industrie, betonte Carl Gustav Göranson in seinen einleitenden Worten an die Fachpresse. Wer diese verschlafe, werde langfristig nicht bestehen können im internationalen Wettbewerb. CNH sei fest entschlossen, massiv in diese Entwicklungen zu investieren. Von den 29,7 Mrd. US-Dollar, die der Konzern an Umsatz im Jahr 2018 gemacht habe, sollen allein 2019 etwa 1,1 Mrd. wieder in Forschung und Entwicklung zurückfließen – ein Rekordwert, wie Göransson erklärte.

In puncto alternative Antriebe setze CNH wie andere Hersteller auch auf einen Multi-Power-Ansatz, bei dem je nach Anwendung und Maschinentyp unterschiedliche Technologien zum Einsatz kämen. Das Thema Gas spiele dabei eine zentrale Rolle. Nicht zuletzt, weil der ebenfalls zu CNH gehörende Motorenhersteller Fiat Powertrain Technologies (FPT) bereits über eine weitreichende Erfahrung mit dieser Antriebsform verfügt. Insbesondere in den Nutzfahrzeugen von Iveco – ebenfalls Teil der Gruppe – werden seit Jahren Gas-Motoren eingesetzt. Mehr als 40 000 Stück habe das Unternehmen bereits produziert, wie Göransson erklärte.

Mit Projekt "Tetra" lotet CNH nun das Potenzial der Gas-Motoren im Baumaschinenbereich aus. Dass es sich bei dem vorgestellten Konzeptmodell um einen Radlader handelt, ist der großen Bedeutung dieses Maschinentyps für Case geschuldet, erklärte Nicola Darpino. Case baue Radlader seit nunmehr 60 Jahren. Unlängst sei dieses Produktsegment für das Baumaschinengeschäft von CNH von zentraler Bedeutung. Nicht zuletzt habe man mit Einführung der G-Serie im vergangenen Jahr die Verkaufszahlen noch einmal deutlich steigern können. Auch Darpino sieht für die Zukunft der Baumaschinen einen Mix unterschiedlicher Antriebslösungen. Biogas steche dabei besonders positiv hervor, dass sich hierbei nicht nur große Mengen CO2 einsparen, sondern auch Bio-Abfälle einer Zweitverwertung zuführen ließen.

Mit Projekt "Tetra" sollen abseits der reinen Elektromobilität neue Wege hin zur Baumaschine der Zukunft eröffnet werden, erklärte Carl Gustav Göransson.

Sandro Vitale ging schließlich näher auf die technischen Daten des Konzeptradladers ein: Das Konzept umfasst einen Methan-Motor, der speziell von der Schwestermarke FPT Industrial für den Einsatz bei Baumaschinen entwickelt wurde. Mit max. 230 PS liefert er dem Hersteller zufolge die gleiche Leistung und das gleiche Drehmoment wie der entsprechende Dieselmotor des Radladers Case 821G. Angetrieben wird der Motor mit Biomethan, das in Biokompostieranlagen aus Abfallprodukten wie Lebensmittelresten, Holzhackschnitzeln und tierischen Abfällen erzeugt wird. Bei CO2-neutraler Produktion biete Biomethan einen geschlossenen Energiezyklus, der Abfall in nützliche Energie umwandelt. Tetra erzeuge im Einsatz mit Biomethan 95 % weniger CO2, 90 % weniger Stickstoffdioxide und 99 % weniger Feinstaub als sein Diesel-Äquivalent. Ins-gesamt reduziere er die Emissionen um 80 % und dämpfe zusätzlich die Fahrgeräusche um 50 %.

Bei Projekt "Tetra" gehe es jedoch nicht allein um Emissionseinsparungen, erklärte Vitale. So habe man in die Konzeptstudie zahlreiche weitere Innovationen einfließen lassen, wobei der Fokus v. a. auf dem Fahrerkomfort, der Sicherheit und der Produktivität der Maschine gelegen habe. "Automatisierung und Digitalisierung waren die wichtigsten Faktoren in unserem Designprozess", verriet David Wilkie, Direktor des CNH Industrial Design Center. "Wir sind ein zukunftsorientiertes Unternehmen, und dies sind zwei unserer wichtigsten strategischen Säulen. Diese Elemente sind Vorgaben für sicherere und produktivere Maschinen. Projekt "Tetra" war als leeres Blatt konzipiert, damit wir so kreativ wie möglich sein konnten, die neuesten Technologien einzubeziehen."

Der von FPT für Projekt "Tetra" konstruierte Motor verfügt über max. 230 PS und soll dabei die gleiche Leistung und das gleiche Drehmoment liefern wie der entsprechende Dieselmotor des Radladers Case 821G.

Besonders ins Auge fällt die neu gestaltete Kabine des Radladers, für deren Design das Wappentier von Case, der Adler, Pate stand, wie Wilkie erklärte. Das Tier stehe damit nicht nur symbolisch für die besonders guten Sichtverhältnisse, die der Radlader biete. In seinem Äußeren ist das Design des Radladers zudem der tetraedischen Struktur des Methanmoleküls nachempfunden, womit wiederum der Bezug zum Kraftstoff hergestellt wurde. Neben der reinen Funktionalität sei schließlich auch die Ästhetik der Maschine ein wichtiger Punkt im Designprozess gewesen. Denn, so Wilkie: "Warum sollte ein Radlader keinen Style besitzen?"

Die Kabine verfügt über eine Rundumverglasung und eine gut sichtbare Dachverkleidung, wodurch die Gesamtverglasungsfläche im Vergleich zu einem Standard-Radlader um 16 % erhöht wurde. Die Rundumsicht wird durch den Einsatz von Überwachungskameras anstelle von Außenspiegeln unterstützt. Diese werden automatisch mit der Richtung der Maschine verknüpft und auf den an der A-Säule angebrachten Displays angezeigt. Sämtliche Bedienelemente sind über ergonomische Joysticks und einen integrierten, an der Armlehne montierten Farb-Touchscreen-Monitor zugänglich, der das Raumgefühl und den Panoramablick erhöht. Der neue Komfortsitz wird automatisch ausgefahren und schwenkt, um den Einstieg beim Öffnen der Tür zu erleichtern, und kehrt unmittelbar nachdem der Fahrer Platz genommen hat, in die Betriebsposition zurück.

Besonders freute sich Wilkie über die enge Zusammenarbeit mit dem Reifenhersteller Michelin, die schließlich zur Entwicklung innovativer Airless-Reifen für Projekt "Tetra" führte. Diese Reifen verfügen über eine neuartige Reifen-Rad-Fusion aus reinem Kautschuk und einem patentierten Composite-Material in Wabenspeichen-Design und eingebauter Federung. Die leichte und robuste Struktur sei entwickelt worden, um den extremen Bedingungen auf Baustellen standzuhalten. Darüber hinaus sollen die Airless-Reifen das Gesamtgewicht reduzieren, während die große Aufstandsfläche des Reifens für einen geringen Anpressdruck sorge. Über integrierte Sensoren werden dem Fahrer sowie dem Kontrollraum Echtzeitdaten zur Verfügung gestellt.

Auch in puncto Sicherheit wurden einige neue Lösungen ergänzt. Wird der Radlader gestartet, werden bspw. integrierte Seitenwandleuchten eingeschaltet. Zudem verfügt die Maschine über in der Fahrertür angebrachte Kameras mit biometrischer Gesichtserkennung, die gewährleisten sollen, dass nur qualifizierte Fahrer Zugriff auf die Maschine haben. In der Kabine kann sich der Fahrer verschiedenste Informationen digital anzeigen lassen. Neben einem Lageplan, Informationen zur Baustellenlogistik, Wetterinformationen und allen wichtigen Maschinenparametern gehört dazu u. a. eine Schaufellastanzeige. Zur Demonstration des Entwicklungsstands der Technologie für autonomes Fahren bei Case enthält Projekt "Tetra" zudem eine fortschrittliche Technologie zur Erkennung von Hindernissen, die den Fahrer auf mögliche Gefahren vor Ort aufmerksam macht.

Für Riccardo Viaggi vom europäischen Herstellerverband CECE gebührt der Entwicklungsarbeit, die Case mit Projekt "Tetra" geleistet hat, besonderes Lob. Zum einen, da es die Themen Ökologie und Produktivität zusammenbringe und damit auf besondere Weise den aktuellen Bedürfnissen des Marktes entspreche. Zum anderen, da es den Technologiemix im Bereich alternative Baumaschinenantriebe um eine weitere Facette ergänze und damit für einen technologieoffenen Wettbewerb stehe, wie ihn der CECE auch von der Politik fordere. Für Case sei klar, dass Projekt "Tetra" einen teils völlig neuen Markt mit vielen Unbekannten eröffne, erklärte Göransson abschließend. Es sei dabei weniger darum gegangen, ein Konzeptmodell vorzustellen, dass zeitnah in die Serienproduktion gehen soll. Aktuell werde der Radlader in verschiedenen Einsätzen auf seine Markttauglichkeit getestet. In dieser Form werde die Maschine nicht eins zu eins auf den Markt kommen. Vielmehr gehe es darum, Perspektiven auszuloten und den Markt sowie den Wettbewerb für das Thema Biogas-Antriebe zu sensibilisieren.

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