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Unterwegs in Mecklenburg-Vorpommern

Zeitreise durch die Baukultur

Von Jan Westphal

Am Stadtmodell aus Bronze verdeutlicht Axel Zimmermann (r.) das städtebauliche Konzept der Residenzstadt Neustrelitz.

Neustrelitz/Neubrandenburg (ABZ). – Warum nicht einmal den Urlaub als Baukultur-orientierte Exkursion planen? Die Mecklenburgische Seenplatte lockt mit Vorschlägen, die Architektur, Bauen, Beton und Natur widerspruchslos verknüpfen. Ideal für einen Kurzurlaub, gern per Rad oder mit dem Auto. Die 21 000 Einwohner zählende Residenzstadt Neustrelitz könnte der Ausgangspunkt einer solchen Reise sein. "Mit ihrem Marktplatz-Quadrat und der sternförmigen Stadtanlage ist sie einmalig in Europa", erklärt Axel Zimmermann, Leiter des Amtes für Stadtplanung. Ihr Grundriss ist der einer italienischen Idealstadt nachempfunden und 1733 im Auftrag von Großherzog Adolf Friedrich III von Mecklenburg-Strelitz realisiert worden. Am westlichen Stadtrand liegt der Zierker See, ein 2,6 km langer und 1,8 km breites Gewässer mit Zugang zu Woblitzsee und Havel. Baulich wurde die Silhouette von Neustrelitz durch Friedrich Wilhelm Buttel geprägt. Er war ein Schüler des berühmten preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel. Nach Plänen Buttels entstand 1840–42 auch der Kammerkanal, die schiffbare Verbindung bis nach Berlin und Hamburg.

Vom Zierker See ist es nicht weit zum Kulturdenkmal Kachelofenfabrik. In dem in mehreren Bauabschnitten zwischen 1852 und 1912 errichteten Backsteingebäude wurden zunächst Formen für Milchprodukte produziert, später kam eine Töpferei hinzu, anschließend die Kachelofenproduktion. 1992 wurde sie den ehemaligen Eigentümern rückübereignet und dient heute als Kulturzentrum mit Kneipe, Kino und Ökohotel.

Der "Kulturfinger" von Neubrandenburg.

Inmitten des wohl schönsten Landschaftsgarten Europas liegt das Sommerschloss Hohenzieritz, Sterbeort der berühmten Königin Luise von Preußen. Christine Henning führt die Besucher, vorbei an den "Ahas", den nicht sofort erkennbaren, niedrigen Mauern, sowie den offenen Rasenflächen mit den Solitärbäumen: Rotbuchen, Stieleichen und Winterlinden. Von der 56 m hohen Aussichtsplattform des Hauses der Kultur und Bildung (HKB) in Neubrandenburg hat man Bebauung und die ringförmige Stadtmauer im Blick. In den letzten Kriegstagen wurden 80 % der Stadt zerstört. Auffallend: Die gut erhaltene Stadtmauer mit den markanten Wiekhäusern in Fachwerkbauweise. Das 16-stöckige HKB-Turmhochhaus, eine mit einer Vorhandfassade verkleidete Stahlkonstruktion, wird im Volksmund "Kulturfinger" genannt, erzählt Architekt Lutz Braun vom Büro architekturfabrik-nb. Das 1965 errichtete Paradebeispiel modernistischer DDR-Architektur mit vergleichsweise geringer Grundfläche war die 56 m hohe Antwort zur mächtigen Backsteinarchitektur der alten St.-Marienkirche.

Die guten und die schlechten Zeiten der Stadt sind durch Exponate und Bilder visualisiert, die im Regionalmuseum von Neubrandenburg zu sehen sind und von Museumschef Dr. Rolf Voß lustig erläutert werden. Es liegt nur wenige Schritte vom Kulturfinger entfernt. Das im 13. Jahrhundert errichtete Franziskanerkloster beherbergt das Museum. Man betritt es durch einen modernen Stahl-Glas-Anbau. Zum eindeutigen Highlight Neubrandenburgs wurde vor 20 Jahren die Konzertkirche. Eine Symphonie aus rotem Backstein, Beton, Holz, Stahl und Glas. Vor mehr als 700 Jahren in gotischem Stil errichtet, wurde auch St. Marien in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs im Inneren schwer zerstört. Das Architekturbüro Pekka Salminen Architects Helsinki gewann 1996 die internationale Ausschreibung für den Wiederaufbau

Auch visuell gut verzahnt: Sichtbeton und Backsteingotik.

Nach dessen Plänen entstand eine "Haus im Haus"-Lösung, die die historische Substanz sichtbar lässt, aber die neue Tragstruktur dezent verdeckt. Die Dachlasten werden durch mächtige, äußere Stahlkonstruktionen abgeleitet. Von jedem Sitzplatz aus haben Besucher einen freien Blick zu den Akteuren auf der Bühne. Keine störenden Säulen im Innenraum, die den Kunstgenuss der Musikfreunde trüben würden. Glasreflektoren verstärken die hervorragende Akustik.

Aus Brandschutzgründen teilt eine Stahl-Glaskonstruktion das Kirchenschiff im vorderen Bereich. Bei den Treppenhauskernen setzt Sichtbeton starke Akzente. Im Zusammenspiel mit den filigranen Stahlgeländern unterstreicht er die offene und zukunftsbetonte Charakteristik des Gesamtensembles. Das Bauprojekt gewann den deutschen Architekturpreis, sowie den Architekturpreis Beton 2003.

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Der Autor ist freier Journalist.

ABZ-Stellenmarkt

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Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Allgemeine Bauzeitung 23/2019.

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