Vorzeigeprojekt

Brücken schaffen Barrierefreiheit

Alle Wohnungen sind zur Gartenseite entweder mit Balkonen oder Terrassen in Wohnungsbreite ausgestattet. Im Innenraum der Anlage wurde ein parkähnlicher Garten angelegt, der den Kindern zum Spielen und den Erwachsenen als Treffpunkt dient. Möglich machte dies der Bau einer Tiefgarage mit 25 Stellflächen.

Bayerisch Gmain (ABZ). – Akuter Wohnraummangelist kein aktuelles Problem und benötigte auch schon in der Vergangenheit praktikableKonzepte und Lösungen. So auch vor beinahe 70 Jahren als man mit der Gründung des Wohnungsunternehmens "Wohnbauwerk im Berchtesgadener Land GmbH" versuchte, der damals eklatanten Wohnungsnot gegenzusteuern. Erfolgreich, denn 1300 Wohnungen später ist die kommunale Wohnbaugesellschaft immer noch die erste Anlaufstelle für Wohnungssuchende im Großraum Berchtesgaden-Land. Eines der ersten damals gebauten Gebäude, ein Wohnhaus in Bayerisch Gmain, war jetzt aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr sanierungsfähig und wurde 2014 durch eine energieeffiziente und vollständig barrierefreie Wohnanlage mit Tiefgarage ersetzt. Beim kürzlich verliehenen Deutschen Bauherrenpreis 2016 kam das Projekt in die engere Auswahl. Bauherr und Architekt entschieden sich für die hoch wärmedämmenden und perlitgefüllten Ziegel Poroton-S10 als Außenwandkonstruktion.

Das knapp 3000 m² große Grundstück liegt in zentraler Lage in Bayerisch Gmain, einem Grenzort zu Österreich. In Fußweite befindet sich infrastrukturell alles, was nötig ist: der Bahnhof mit Anbindung in Richtung München und Salzburg sowie diverse Einkaufsmöglichkeiten, schulische und medizinische Versorgung. Einmalig ist das Bergpanorama des Lattengebirges, attraktiv die Nähe zu den Kuranlagen Bad Reichenhalls, beides macht die Gegend bei Urlaubern beliebt, treibt jedoch die Mietpreise für Einheimische nach oben. Das Wohnbauwerk, zu dessen Gesellschaftern der Landkreis Berchtesgadener Land und zehn Gemeinden gehören, fühlt sich damals wie heute den Werten der sozial orientieren Wohnungswirtschaft verpflichtet und sieht es als Aufgabe, die Region mit nachhaltig gutem und bezahlbarem Wohnraum zu versorgen.

Die Mietpreise liegen – häufig unter dem Durchschnitt – je nach Ausstattung und Lage zwischen 3 und 7 Euro. Geschäftsführer Florian Brunner freut sich, dass gerade der Anteil an Kindern und Jugendlichen in den Wohnanlagen hoch ist: "Bei uns finden auch diejenigen ein Dach über dem Kopf, für die es häufig schwer ist, eines zu bekommen. Wohnungen werden oftmals auch nach Dringlichkeit vergeben."

Mit dem Spatenstich im April 2013 begann der Neubau der Wohnanlage an der Schillerallee, die 20 barrierefreie davon vier behindertengerechte Mietwohnungen nach KfW-Effizienzhaus55-Standard umfasst. Er ersetzt ein Wohngebäude aus dem Jahr 1951, dessen zwölf Wohnungen wirtschaftlich nicht mehr zu sanieren waren. Ein zuvor durchgeführtes Wett-bewerbsverfahren bevorzugte den Entwurf von Schulze Dinter Architekten aus Berchtesgaden, der mit zwei Baukörper auf dem topografisch schwierigen Gelän-de und einem steilen Anstieg zur Straße hin umgesetzt wurde. Die Erschließung von der Straße aus und zwischen den Baukörpern erfolgt durch zwei Brücken, die fortgesetzt durch Laubengänge zusammen mit Aufzügen eine vollständige Barrierefreiheit bis in alle Wohnungen und in das Kellergeschoss sowie zu den 26 Tiefgaragenstellplätzen ermöglichen. Die z. T. mit Holzlamellen verschatteten Laubengänge ersetzen zu beheizende Treppenhäuser, die dadurch zusätzlich zu den Bau-, auch anfallende Energiekosten einsparen. Jede der hellen Ein- bis Vierzimmer-Wohnungen mit Größen zwischen 50 und 109 m² hat zur Gartenseite hin entweder einen Balkon oder eine eigene Terrasse. Sie sind optimal geschnitten und mit Laminatböden und Fliesen qualitativ hoch ausgestattet. Die Investition in eine Tiefgarage macht sich gerade für die Bewohner besonders bezahlt: Im restlichen Grundstück wurde ein parkähnlicher Garten mit Spiel- und Kommunikationsmöglichkeiten geschaffen.

Der Zugang von der Schillerallee aus erfolgt trotz der steilen Straßenböschung barrierefrei über eine Brücke.

Die Minimierung des zu beheizenden Volumens durch zwei kompakte Baukörper, eine zentrale Beheizung mit einer Holzpelletanlage und eine dezentraler Belüftung der Wohnungen sowie eine ausgefeilte Wärmebrücken-Detailplanung ermöglichen die Erreichung des geplanten KfW-Effizienzhaus55-Standards zu 100 %. Dabei war für Bauherr und Architekten von vorneherein eines klar: Die Gebäude in sollen in monolithischer und nachhaltiger Bauweise ohne Wärmedämmverbundsystem ausgeführt werden. Letzteres ist für Brunner ein wichtiges Thema, das er beim Spatenstich besonders hervorhebt: Man wolle nicht der nachfolgenden Generation die Frage der Entsorgung überlassen. Entscheidend tragen neben der Wärmedämmverglasung auch die hoch wärmedämmenden Außenwände aus Poroton-S10-Planziegeln in 36,5 cm Wanddicke dazu bei, den energieeffizienten Gebäudestandard einzuhalten. Der Planziegel mit einem U-Wert der Wand von 0,25 W/(m²K) hält mit einer innen liegenden Dämmung aus natürlichem Vulkangestein (Perlit) die Wohnräume im Winter warm und im Sommer kühl. Dafür sorgen seine klimaregulierenden Eigenschaften ebenso wie für ein gesundes, ausgeglichenes Raumklima ohne Feuchte und Schimmel.

Der Ziegel eigne sich zudem besonders für mehrgeschossige Wohnungs- und Objektbauten, denn er halte aufgrund seines massiven Ziegelgerüsts und der hohen Druckfestigkeiten höchsten Belastungen stand. Die massiven Ziegelaußenstege von 16 mm gewährleisteten bei einer gleichzeitig hohen Druckfestigkeit eine hohe statische Sicherheit.

Der charakteristische Wert der Mauerwerksdruckfestigkeit fk in der Festigkeitsklasse 10 beträgt 3,6 MN/m², das bedeutet eine mögliche Belastung von 120 t/m² Lagerfläche. Damit werden neben dem Wärmeschutz und Statik weder Schallschutz noch Brandschutz vernachlässigt. Die Verarbeitung des Ziegels garantiert außerdem ein sicheres und wirtschaftliches Mauerwerk, das über eine lange Lebensdauer mit geringem Unterhalt verfügt. Ziegel und Perlitfüllung kommen zu hundert Prozent aus der Natur. Sie sind nahezu frei von Schadstoffen und Ausgasungen sowie resistent gegen Ungezieferbefall oder Fäulnis.

Das im Frühjahr 2014 abgeschlossene 3,4-Mio.-Euro-Projekt ist wegweisend für den Landkreis Berchtesgadener Land. Es ist die erste Wohnanlage im sozial orientierten Wohnungsbau, die im Niedrigenergiehausstandard errichtet wurde. Davon zeugen auch die zahlreichen Besuche aus der Landes- bzw. Bundespolitik, die sich gerade in diesen Tagen gerne mit positiven Beispielen des bezahlbaren Wohnungsbaus beschäftigen.

In der Wohnanlage lebt ein breiter Generationen- und Gesellschaftsquerschnitt. Neben Alleinstehenden oder Familien mit Kindern sind Rollstuhlfahrer und ältere gehbehinderte Mitmenschen gut integriert. Durch die behindertengerechte Ausrichtung der Wohnanlage wird ihnen das tägliche Leben erleichtert und ein hohes Maß an Selbstständigkeit gewährt. Mit durchschnittlichen Mietpreisen von 7,75 Euro/m² liegt die Wohnanlage in einem verträglichen Rahmen für ihre Mieter.

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