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# »Die Stimmung in der Branche bleibt letztlich positiv«
- URL: https://allgemeinebauzeitung.de/exklusiv-interview-zur-fachtagung-geruestbau-2026-die-stimmung-in-der-branche-bleibt-letztlich-positiv-65402/
- Published: 2026-04-24T04:00:00.000Z
- Updated: 2026-04-24T04:00:00.000Z
- Description: Bundesverband und Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk laden zur Bundesfachtagung 2026 nach Düsseldorf. Geschäftsführerin Sabrina Luther und Präsident Marcus Nachbauer sprachen mit ABZ-Chefredakteur Kai-Werner.
- Author: Kai-Werner Fajga
- Tags: Gerüstbau, Baupraxis

Bundesverband und Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk laden zur Bundesfachtagung 2026 nach Düsseldorf. Geschäftsführerin Sabrina Luther und Präsident Marcus Nachbauer sprachen mit ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga über die wichtigsten Themen von Verband und Innung.

**ABZ: Herr Nachbauer, Frau Luther, das Jahr 2025 wird mehrheitlich als »verlorenes Baujahr« bezeichnet, für 2026 prognostizieren Bauunternehmen und Experten, dass die Talsohle durchschritten sei. Sie äußerten zu Jahresbeginn in der ABZ, dass Sie im Gerüstbau-Handwerk »aktuell eher einen Seitwärts- als einen Aufwärtstrend« sehen. Hat sich daran etwas geändert?**

Nachbauer: Seit einiger Zeit führen wir zweimal im Jahr eine Konjunkturumfrage unter unseren Mitgliedern durch. Die jüngsten Daten zeigen einen vorsichtigen Optimismus in der Branche. Ob das wirklich für einen klaren Aufwärtstrend reicht, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einschätzen. Zudem bleibt abzuwarten, welche Fol-gen der Irankrieg und die dadurch ausgelöste Energiekrise für die deutsche Wirtschaft und die Bauwirtschaft im Speziellen haben werden.

**ABZ: Im Wohnungsbau vermelden einige Bundesländer wieder eine zunehmende Anzahl an Auftragseingängen, andere sehe noch keine Trendwende. Welche Folgen hat die anhaltende Krise für Ihre Mitgliedsunternehmen?**

Nachbauer: Glücklicherweise ist der Gerüstbau nicht nur vom Wohnungsbau abhängig, Viele unserer Mitgliedsbetriebe sind auch in anderen Bereichen tätig, etwa bei Sanierungen und Restaurierungen, im Bereich Infrastruktur oder im Industriegerüstbau. Insofern gab und gibt es Möglichkeiten des Ausgleichs. Betriebe, die überwiegend oder ausschließlich im Wohnungsbau tätig sind, hatten hingegen mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und hoffen jetzt sehr auf eine Trendwende. Und in der Tat gibt es in diesem Bereich auch starke regionale Unterschiede.

**ABZ: Welche Faktoren werden als größte Hemmnisse von Ihren Mit- gliedsunternehmen wahrgenommen?**

Luther: Da ist natürlich die bereits angesprochene unsichere Wirtschaftslage. Wird der sich andeutende Aufschwung wirklich kommen? Und wenn ja, wird er von Dauer sein? Werden die Schuldenmilliarden aus dem Sondervermögen wirklich in der Infrastruktur ankommen? Und wie sieht es mit dem Bau-Turbo aus? Wird der beschleunigten Planung tatsächlich ein schnelleres Bauen folgen?

Hinzu kommt der Dauerbrenner Bürokratie. Trotz regelmäßiger Lippenbekenntnisse unterschiedlicher Regierungen ist der Bürokratiewust in Deutschland in den vergangenen Jahren immer weiter angewachsen. Die aktuelle Regierung hatte wie zuletzt mit der Veränderung des Schwellenwerts für Sicherheitsbeauftragte Abhilfe schaffen wollen.

Doch die zunächst vorgeschlagene Lösung hätte die Kleinstbetriebe noch mehr belastetet, was wir glücklicherweise im Verbund mit anderen Verbänden abwenden konnten. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass bei dem Thema noch vieles im Argen liegt und ein generelles Umdenken dringend nötig wäre.

**ABZ: Wie gehen die Unternehmen damit um?**

Luther: Gerüstbauer sind Pragmatiker, die es gewohnt sind, kreative Lösungen zu suchen, auch wenn auf der Baustelle mal nicht alles nach Schema F abläuft. Das lässt sich auch auf die aktuelle wirtschaftliche Lage beziehen. Die Stimmung in der Branche bleibt letztlich positiv, den Kopf in den Sand zu stecken hält niemand für eine gute Lösung.

**ABZ: Wie entwickelt sich der Verband?**

Luther: Die Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk verzeichnet seit Jahren eine leicht positive Mitgliederentwicklung. Was aber noch viel wichtiger als nackte Zahlen ist: In unserer Branche herrscht ein großer Zusammenhalt. Unsere Seminare sind nicht nur Fortbildungsveranstaltungen, sondern haben auch immer etwas von einem Klassentreffen. Man kennt sich, man unterstützt sich, man lernt voneinan- der und entwickelt so die Branche weiter. Dieses Netzwerk zu pflegen und auszubauen, gehört zu den wichtigen Aufgaben von Bundesinnung und Bundesverband.

**ABZ: Welche Hilfestellung erwarten Bundesinnung und Bundesverband Gerüstbau von den politischen Ent-scheidungsträgern?**

Nachbauer: Die Regierung muss endlich ans Machen kommen. Zuletzt wurde eine ganze Menge angekündigt, aber umgesetzt wurde nur allzu wenig. Das muss sich ändern. Auch erwarten wir den Mut zu echten, durchgreifenden Reformen, um den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig zu sichern. Dabei dürfen aber nicht einseitig die Belange der Industrie berücksichtigt werden. Im Gegenteil: Der Mittelstand ist das Herzstück der deutschen Wirtschaft und muss deshalb wieder stärker in den Fokus der politischen Entscheider rücken.

**ABZ: Die Gerüstbautagung 2026 steht vor der Tür. Was werden die Hauptthemen in diesem Jahr sein?**

Nachbauer: Es geht darum, den Gerüstbau in die Zukunft zu führen und entsprechend zukunftsfest zu machen. Hier spielt auch die technische Weiterentwicklung eine Rolle inklusive der Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Um hier Denkanstöße zu geben, haben wir einen renommierten Zukunftsforscher, Lukas Pierre Bessis, eingeladen, der für uns einen Blick ins kommende Jahrzehnt werfen wird. Beim traditionellen »Talk im Gerüst« greifen wir einmal mehr das Thema Arbeitssicherheit auf.

**ABZ: Arbeitssicherheit im Gerüstbau bleibt ein Dauerthema, wie gehen Ihre Mitgliedsunternehmen da- mit um?**

Luther: Die Bedeutung von Arbeitssicherheit für unser Gewerk ist beim Gros der Mitglieder angekommen – auch wenn es bei der praktischen Umsetzung hier oder dort mal hakt. Wir haben uns deshalb bei unserem „Talk“ für einen neuen Blick auf die Thematik entschieden – weg von den Vorschriften hin zur persönlichen Einstellung. Arbeitsschutz, davon sind wir überzeugt, beginnt im Kopf, nicht auf dem Papier. Vertiefen wollen wir das Thema dann bei unserem Groß-Seminar im November in Hannover.

**ABZ: Welche Hilfestellungen bieten Bundesinnung und Bundesverband?**

Luther: Arbeitsschutz steht immer im Fokus unserer Arbeit. Schon vor Jahren haben wir ein eigenes Arbeitsschutzsiegel kreiert, dass ASSGerüstbau. Wir bieten regelmäßig Seminare und Fortbildungsveranstaltungen zu diesem Themenbereich an, darunter auch unsere Eigenüberwacherschulungen.

Ganz aktuell engagieren wir uns gemeinsam mit anderen Fachverbänden in einem Arbeits- und Gesundheitsschutzprojekt, das im Rahmen des EU-Förderprogramms „Wandel der Arbeit“ durchgeführt wird und Betrieben hilft, auch den Gesundheitsschutz für die Mitarbeiter im Blick zu halten.Ein weiteres Thema ist in diesem Zusammenhang auch außerhalb unseres Gewerkes anzugehen: Der eigenmächtige Umbau von Gerüsten durch andere Gewerke ist ein Unfallschwerpunkt, dem durch eine bessere Planung der Gerüstbaustellen begegnet werden muss.

**ABZ: Der Fachkräftemangel im Baugewerbe hat in den vergangenen Monaten und Jahren nicht abgenommen - auch wenn insgesamt in 2025 wieder mehr Ausbildungs-plätze gezählt werden konnten. Wie ist die Situation im Gerüstbau?**

Luther: Wir setzen hier vor allem auf die Ausbildung. Wer den Nachwuchs im Betrieb ausbildet, sichert auch seine Zukunft. Dazu finanzieren wir seit vielen Jahren eine Imagekampagne, die auf diversen Social-Media-Kanälen Werbung für den Gerüstbau macht. Mitgliedsunternehmen können darüber hinaus bei uns digitale und analoge Werbemittel beziehen, um ihrerseits Azubis zu gewinnen.

Außerdem haben wir Fortbildungslehrgänge entwickelt, die es Quereinsteigern ermöglichen, im Gerüstbau Fuß zu fassen und die Karriereleiter nach oben zu steigen. Der Schwarzarbeit haben wir bereits vor vielen Jahren mit dem Bündnis gegen Schwarzarbeit den Kampf angesagt. Aktuell setzen wir uns dafür ein, das Bündnis und die Arbeit des Zolls effektiver zu gestalten.

**ABZ: Digitalisierung wurde in vielen Bereichen der Bauwirtschaft bisher vernachlässigt. Mit der Ver- breitung von KI scheint auch Digitalisierung insgesamt nun Fahrt aufzunehmen. Wie gehen Ihre Mitgliedsfirmen mit dem Thema um?**

Luther: Auch dieses Thema beschäftigt uns intensiv. In der Mitgliedschaft gibt es einige Vorreiter, die tatsächlich in vielen der genannten Bereiche bereits KI einsetzen. Andere tun sich hier noch schwerer. Aber auch hier findet der bereits beschriebene Wissenstransfer innerhalb der Branche statt. Die Fortschrittlichen nehmen die anderen bei der Hand, und so entsteht aktuell eine Dynamik, die wir vom Verband selbstverständlich begleiten und fördern. Wir haben dazu eine Arbeitsgruppe Digitalisierung installiert, die das Thema für die Mitglieder zugänglich macht.