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# Holcim präsentiert großflächige CO₂-Abscheidungstechnologie im Zementwerk Höver
- URL: https://allgemeinebauzeitung.de/holcim-co2-abscheidung-zementwerk-hoever/
- Published: 2026-10-09T04:00:20.000Z
- Updated: 2026-10-09T04:00:20.000Z
- Description: Holcim zeigt in Höver eine neue, industriell skalierte Anlage zur CO₂-Abscheidung. Die Technologie nutzt Membranen und kann bestehende Zementwerke ohne Umbau nachgerüstet werden. Das abgeschiedene CO₂ könnte zukünftig als wertvoller Rohstoff verwendet werden.
- Author: Cornelia Rachow
- Tags: Schalung und Beton, Baustoffe und Materialien

Höver (ABZ) | »Wir müssen einen Baustoff zukunftsfähig machen, ohne den unsere Gesellschaft so gar nicht denkbar wäre.« Stephan Hinrichs, CEO von Holcim Deutschland, macht gleich zu Beginn deutlich, worum es an diesem Tag im Zementwerk Höver geht. Beton sei das Fundament der modernen Welt. »Ohne ihn gäbe es keine Straßen, keine Häuser, keine Schulen, keine Krankenhäuser oder auch keine Fabriken.«

Die Frage sei daher nicht, ob Beton auch künftig gebraucht werde, sondern wie sich der Baustoff produzieren lasse, wenn gleichzeitig die CO2-Emissionen drastisch sinken sollen. Eine mögliche Antwort darauf will Holcim in Höver präsentieren. Wer das Werksgelände betritt, trägt Schutzbrille. Zwischen Industrieanlagen, Leitungen und Produktionsgebäuden hat Holcim gemeinsam mit Cool Planet Technologies und dem Helmholtz-Zentrum Hereon eine neue Testanlage zur CO2-Abscheidung errichtet.

Neu ist die Technologie am Standort nicht. Bereits 2022 wurde in Höver in kleinerem Maßstab erprobt, ob sich CO2 mithilfe spezieller Membranen aus dem Abgasstrom abtrennen lässt. Die Membrantechnologie wurde am Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht entwickelt und von Cool Planet Technologies in die industrielle Anwendung gebracht.

Dass das Verfahren funktioniere und CO2 in hoher Reinheit abgeschieden werden könne, habe man bereits nachgewiesen, sagt Hinrichs. »Mit der Inbetriebnahme dieser neuen, deutlich größeren Anlage schlagen wir ein neues Kapitel auf und bringen die Technologie im großflächigen industriellen Einsatz einen entscheidenden Schritt näher.«

Mit der neuen Ausbaustufe wolle Holcim zeigen, dass sich die Technologie auch in größerem Maßstab einsetzen lasse. Sie solle sich als energieeffizient und skalierbar erweisen und nachträglich in bestehende Anlagen integrieren lassen. Die Abscheideanlage werde dem eigentlichen Produktionsprozess nachgeschaltet. Nach Angaben von Holcim könnten bestehende Zementwerke damit ohne grundlegende Umbauten des Produktionsprozesses nachgerüstet werden.  
Langfristig wolle das Unternehmen das abgeschiedene Kohlendioxid hochrein aufbereiten und für andere Industriezweige nutzbar machen. Das CO2 könne gespeichert oder perspektivisch als Rohstoff weiterverwendet werden. Hinrichs formuliert es so: »Aus dem Abgas Kohlendioxid kann ein wertvoller Rohstoff werden.«

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sieht in Höver ein Beispiel dafür, dass die Transformation energieintensiver Industrien unterschiedliche technologische Antworten benötige. Er zieht einen Vergleich zur Stahlindustrie: »Zukünftig werde ich immer die Salzgitter AG und Holcim in Höver als wunderbare Beispiele dafür nennen, wie unterschiedlich der Weg zur Klimaneutralität aussehen kann: Der eine kann das CO2 im Produktionsprozess vermeiden, der andere kann es nach dem Prozess abscheiden und nutzen.«

Für Lies ist die technologische Entwicklung zugleich eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend sei ein technologischer Vorsprung: »Wenn wir die Lösung eher haben, durch eine starke Wissenschaft und durch starke Forschung, dann haben wir eine Vorreiterrolle.« Dabei dürfe die Transformation nicht dazu führen, dass Klimaziele durch den Verlust industrieller Produktion erreicht würden. »Wir müssen darauf achten, dass die Prioritäten immer auch die Arbeitsplätze bleiben, weil wir am Ende sonst Klimaziele durch den Wegfall von Produktion erreichen. Das darf uns nicht passieren.«

Auch Johannes Steiniger, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, stellt bei der Inbetriebnahme die Verbindung zwischen Dekarbonisierung und Industriestandort heraus. Der Umgang mit CO2-Abscheidung und -Speicherung sei in Deutschland lange kontrovers diskutiert worden. Seine Konsequenz: »Wir müssen in Zukunft schneller werden. Wir brauchen weniger Ideologie, mehr Pragmatismus.«  
Die Bundesregierung wolle dazu beitragen, CCU/S als Klimaschutztechnologie für Sektoren mit schwer vermeidbaren Emissionen wie der Zementindustrie zu etablieren.

Das Projekt wird über das Programm »Dekarbonisierung in der Industrie« mit rund 1,6 Millionen Euro gefördert. Dabei werden auch Mittel des EU-Fonds »NextGenerationEU« ­genutzt. Betreut wird das Förderprogramm vom Kompetenzzentrum ­Klimaschutz in energieintensiven Industrien (KEI).  
Die neue Technologie trifft in Höver auf einen traditionsreichen Industriestandort. Seit mehr als 110 Jahren wird hier Kalkmergel abgebaut. Nun will Holcim dort erproben, wie sich die Zementproduktion technologisch in Richtung Nahe-Null-CO2-Emissionen weiterentwickeln lasse.

»Hier in Höver zeigen wir, dass ein traditionsreicher Industriestandort Zukunft hat, wenn wir gemeinsam bereit sind, neue Wege zu gehen«, sagt Hinrichs. Nach Angaben von Holcim solle die Produktion langfristig gesichert und industrielle Wertschöpfung vor Ort erhalten werden. Spezielle Membranen trennen das CO2 aus der Abluft. Das chemikalienfreie Verfahren benötige nach Angaben der Projektpartner deutlich weniger Energie als etablierte Technologien zur CO2-Abscheidung und könne vollständig mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden. Aufgrund seiner kompakten, modularen und skalierbaren Bauweise eigne es sich sowohl zur Nachrüstung als auch für Neubauten. Für das Helmholtz-Zentrum Hereon zeige das Projekt zugleich, wie sich Forschung in eine industrielle Anwendung übertragen lasse.

Neben der technischen Skalierung stellt sich die Frage, was mit dem abgeschiedenen Kohlendioxid geschehen soll. CCU – Carbon Capture and Utilization – zielt auf dessen Nutzung, CCS – Carbon Capture and Storage – auf die Speicherung. Holcim bereite mit Kooperationspartnern erste Projekte vor, um das CO2 künftig als Grundstoff für andere Industrien einzusetzen.  
Lies macht deutlich, dass aus seiner Sicht beide Wege benötigt werden könnten. Die Nutzung bezeichnet er als »ideal«. 

Allerdings werde sich nicht ­jedes abgeschiedene CO2 industriell verwerten lassen. »Wenn wir die gesamte Industrie, bei der wir die CO2-Emissionen nicht anders beseitigen können, klimaneutral machen wollen, wird es nicht anders gehen, als dieses CO2 auch in die Erde zu bringen. « Nach Reden und politischer Einordnung geht es hinaus zur Anlage. Dort soll sich nun zeigen, ob sich die zuvor im kleineren Maßstab erprobte Membrantechnologie auch in deutlich größerer Dimension bewährt.