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# Klimaschutz und eine starke Industrie gehören zusammen
- URL: https://allgemeinebauzeitung.de/klimaschutz-starke-industrie-gehoeren-zusammen/
- Published: 2026-10-09T04:00:10.000Z
- Updated: 2026-10-09T04:00:10.000Z
- Description: Stephan Hinrichs, neuer CEO von Holcim Deutschland, betont: Klimaschutz und industrielle Stärke sind nicht Gegensätze. An seinem früheren Standort Höver wird erstmals CO₂ im großen Maßstab abgeschieden – ein Meilenstein für nachhaltige Industrie.
- Author: Cornelia Rachow
- Tags: Kreislaufwirtschaft, Unternehmen und Wirtschaft

Vom Werkstudenten im Jahr 2004 zum CEO: Stephan Hinrichs kennt Holcim Deutschland aus den unterschiedlichsten Funktionen. Dass nun ausgerechnet an seiner früheren Wirkungsstätte als Werksleiter in Höver einer der ersten Industriestandorte Deutschlands entsteht, an dem CO2 im großen Maßstab abgeschieden wird, hat für den neuen CEO auch eine persönliche Bedeutung. 

Das ambitionierte Ziel: Langfristig rund 90 Prozent der dortigen Emissionen vollständig abzutrennen. Hinrichs definiert im Interview mit ABZ-Redakteurin Cornelia Rachow die klaren Nachhaltigkeits- und Kreislaufwirtschaftsziele.

**Herr Hinrichs, Sie sind seit dem 1\. Juli CEO von Holcim Deutschland und waren zuvor unter anderem selbst Werksleiter in Höver. Nun wird an Ihrem früheren Standort eine neue CO2-Abscheideanlage in Betrieb genommen. Welche Bedeutung hat dieses Projekt für Sie persönlich – und für Holcim?**  
Für Holcim ist Carbon2Business Höver ein wichtiger Baustein, um unsere ambitionierten Dekarbonisierungsziele konkret in die Praxis umzusetzen und unsere Vorreiterrolle beim nachhaltigen Bauen unter Beweis zu stellen. Wir zeigen hier ganz klar: Klimaschutz und eine starke Industrie gehören zusammen. Höver wird einer der ersten Industriestandorte in Deutschland, an dem CO2 im großen Maßstab abgeschieden wird. Persönlich bedeutet es mir sehr viel, dass wir die Zukunft der Zementproduktion am Standort Höver sichern, Arbeitsplätze erhalten und langfristig neue attraktive Perspektiven schaffen.

**Sie haben 2004 als Werkstudent bei Holcim angefangen und kennen das Unternehmen inzwischen aus sehr unterschiedlichen Funktionen. Was wollen Sie als CEO von Holcim Deutschland anders machen – und wo wollen Sie den eingeschlagenen Kurs bewusst fortsetzen?**  
Wir werden den eingeschlagenen Kurs der nachhaltigen Baustoffwende entschlossen fortsetzen. Diese Transformation ist eine strategische Notwendigkeit, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens, des EU-Green Deal sowie nationaler Klimaschutzgesetze zu erreichen.

Im Mittelpunkt steht mit unserer globalen Konzernstrategie NextGen-Growth 2030 weiterhin das klare Ziel, angetrieben von Nachhaltigkeit und Innovation, Fortschritt und Wachstum zu ermöglichen. Gleichzeitig schaue ich mir in meiner neuen Rolle natürlich an, wie wir noch besser und effizienter arbeiten können.

**Die neue Anlage in Höver kann zunächst bis zu 10.000 Tonnen CO2 pro Jahr abscheiden. Was genau muss diese Testphase beweisen, damit Holcim den nächsten Schritt hin zum industriellen Maßstab geht?**  
Mit der industriellen Testanlage wollen wir zunächst den Abscheidegrad und die erreichbare CO2-Reinheit in der betrieblichen Praxis sowie die Langlebigkeit der Membran umfassend testen.

Zudem untersuchen wir unter anderem den Energiebedarf und das Prozesskondensat, damit die spätere Installation des Verflüssigers optimal verlaufen und dieser korrekt eingestellt werden kann. Wenn diese Parameter stabil sind, ist der Grundstein für die weitere Skalierung gelegt.

**10.000 Tonnen sind angesichts der Gesamtemissionen des Standorts zunächst ein sehr kleiner Anteil. Wann wird daraus eine Größenordnung, die für die CO2-Bilanz des Werks tatsächlich relevant ist?**  
Unser langfristiges Ziel für Höver ist klar gesteckt: Wir wollen rund 90 Prozent der jährlich etwa 550.000 Tonnen CO2-Emissionen unseres Werkes vollständig abtrennen.

Nach der finalen Ausbaustufe wird die Anlage hochreines CO2 für die zwischenzeitliche Speicherung und später die weitere Nutzung in nachgelagerten Wertschöpfungsstufen liefern, wenn sich ein Markt für CO2 etabliert hat. Dann kann die Testanlage eine relevante Lösung werden, um nahezu das gesamte Zementwerk zu dekarbonisieren.

Voraussetzung dafür ist jedoch der Aufbau der entsprechenden Infrastruktur. Denn ein solches Vorhaben funktioniert nur, wenn die gesamte CO2-Wertschöpfungskette – vom Werkstor über den Transport bis zur Speicherung – verlässlich steht. Das wird sicherlich noch ein paar Jahre in Anspruch nehmen.

**Die Membrantechnologie gilt als vergleichsweise energieeffizient und lässt sich auch in bestehenden Werken nachrüsten. Wo liegen derzeit noch die größten technischen Herausforderungen – bei Abscheiderate und Reinheit, beim Energiebedarf, bei der Standzeit der Membranen oder an anderer Stelle?**  
Die von unseren Partnern Helmholtz Zentrum hereon und Cool Planet Technologies entwickelte Membrantechnologie ist bereits erprobt, technologisch führend und gilt als eine der schonendsten Möglichkeiten, CO2 abzuscheiden. Das chemikalienfreie ­Verfahren verbraucht deutlich weniger Energie als etablierte Technologien zur CO2-Abscheidung.

Die Herausforderungen liegen nun weniger in grundlegenden technischen Hürden, sondern vielmehr in der Skalierung, im täglichen Dauerbetrieb eines Zementwerks sowie in der Integration in die noch aufzubauenden Transport- und Speicherinfrastrukturen.

**Holcim spricht bei Höver von einer »skalierbaren und wirtschaftlich tragfähigen« Blaupause. Was muss eine Tonne abgeschiedenes CO2 am Ende kosten, damit diese Aussage auch ohne Förderkulisse Bestand hat?**  
Ein exakter Euro-Wert pro Tonne kann nicht seriös genannt werden, da die Wirtschaftlichkeit von einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren abhängt. Generell fußt unsere Dekarbonisierungsstrategie auf mehreren Säulen: Einen großen Teil der Emissionen senken wir bereits heute konsequent durch kontinuierliche Rezepturverbesserungen bei unseren Zementen und einen optimierten Energieeinsatz. 

Für die dann noch verbleibenden, prozessbedingt unvermeidbaren Restemissionen benötigen wir innovative CCUS-Technologien wie bei Carbon2Business. Für diese Pionierprojekte ist klar, dass sie in der Anfangsphase Förderung und vor allem verlässliche politische Rahmenbedingungen sowie den klaren politischen Willen zur Umsetzung benötigen. Wir arbeiten eng und vertrauensvoll mit den politischen Stakeholdern zusammen und sind zuversichtlich, dass wir gemeinsam die notwendigen Voraussetzungen schaffen.

**Angenommen, die Abscheidung funktioniert technisch und wirtschaftlich: Was geschieht anschließend mit dem CO2? Welche konkreten Abnehmer und Nutzungsmöglichkeiten gibt es – und über welche Mengen sprechen wir ­dabei?**  
Unser langfristiges Ziel ist es, das CO2 als wertvollen Grundstoff für andere Industriezweige nutzbar zu machen (Carbon Capture and Utilization / CCU). Parallel zur Erprobung der CO2-Abscheidung läuft am Standort bereits ein vielversprechendes Testprojekt im Rahmen des ICO2NIC-Konsortiums mit Partnern wie Procter & Gamble. 

Dabei bereiten wir das abgeschiedene CO2 so auf, dass es in ganz unterschiedlichen Bereichen als Grundstoff genutzt werden kann - etwa im Kosmetik-, Pharma- und Lebensmittelsektor. Auch wenn wir diese Anwendungsszenarien schon bald in einem kleineren Maßstab testen, werden wir aber in absehbarer Zeit nicht ohne unterirdische Speicherung des CO2 als Übergangslösung auskommen, bis sich ein vollständiger Markt für Kohlenstoff etabliert hat.

**Wenn die Abscheidung in Höver auf den industriellen Maßstab hochgefahren wird, müssen erhebliche Mengen CO2 den Standort verlassen. Wie soll der Transport konkret erfolgen – und welche Infrastruktur fehlt dafür heute noch?**  
Hier stoßen wir auf die zentrale Herausforderung: Die notwendige Infrastruktur entlang der gesamten Wertschöpfungskette befindet sich derzeit noch in der Entwicklungsphase. Wir benötigen verlässliche Partnerschaften und die Unterstützung der Politik, um die Transportwege und Speichermöglichkeiten rechtlich und logistisch abzusichern. Für Testzwecke ist ab dem kommenden Jahr zunächst der Transport des dann abgeschiedenen CO2 per Lkw geplant. Für die spätere Skalierung arbeiten wir intensiv an effizienten Lösungen. Diese müssen dann aber sowohl wirtschaftlich tragfähig als auch logistisch sinnvoll umsetzbar sein.

**Holcim verfolgt in seinen deutschen Zementwerken bewusst unterschiedliche Wege: Membrantechnologie in Höver, Oxyfuel in Lägerdorf und Aminwäsche in Beckum. Ist das eine Übergangsphase, in der sich die beste Technologie erst noch herauskristallisieren muss – oder wird es auch langfristig keine Standardlösung für die Zementindustrie geben?**

Wir verfolgen an unseren deutschen Standorten bewusst unterschiedliche technologische Ansätze, weil jeder Standort eigene Rahmenbedingungen mitbringt.

Unser Werk in Lägerdorf, Schleswig-Holstein, bietet beispielsweise durch die Nähe zum Hafen Brunsbüttel und ein hohes Aufkommen von Windenergie einzigartige Voraussetzungen für die Oxyfuel-Technologie. In Höver wiederum eignet sich die Membrantechnologie durch ihre hohe Kompaktheit und Modularität ideal für Nachrüstungen in bestehenden Werken. Es wird daher auch langfristig keine »One-Size-Fits-All«-Lösung geben. Insgesamt verfolgen wir mit der Membrantechnologie aber einen wirklich vielversprechenden Ansatz, der für viele Industrien, insbesondere mit unvermeidbaren CO2-Emissionen, interessant ist.

**Die Transformation der Zementindustrie verlangt enorme Investitionen, gleichzeitig steckt die deutsche Bauwirtschaft seit Jahren in einer schwierigen Phase. Wie viel Mehrpreis für CO2-reduzierten beziehungsweise perspektivisch ­klimaneutralen Zement kann der Markt überhaupt tragen?**  
Eins ist doch klar: Ein »Weiter so« kann es nicht geben. Der Bausektor hat aufgrund des Ressourcenverbrauchs und der CO2-Emissionen einen großen Hebel für eine erfolgreiche Transformation der Industrie.

Klima- und ressourcenschonende Produkte stehen schon heute zur Verfügung, sind technologisch ausgereift und normativ abgedeckt.

Sie sind auch preislich wettbewerbsfähig, wenn man die Kosten und Nutzen über die gesamte Lebensdauer bewertet. Klar ist aber auch: Um in Zukunft Near-Zero-Zemente anbieten zu können, bedarf es zwingend der Abscheidung von CO2 und Vorreiter-Projekte. Für die Vorreiter dieser großskaligen CCUS-Technologien braucht es in der Übergangsphase begleitende Förderinstrumente, um Technologie- und Marktrisiken abzufedern.

**Wenn klimafreundlicher Zement gegenüber konventionellem Zement zunächst teurer bleibt: Braucht es dann neben Förderung der Produktion auch verbindliche Nachfrage – etwa über öffentliche Ausschreibungen und CO2-Kriterien bei der Vergabe?**  
Definitiv. Die öffentliche Hand spielt hier die entscheidende Schlüsselrolle: Sie vergibt jährlich Bauaufträge in Milliardenhöhe.

Diese enorme, marktprägende Kraft muss genutzt werden, um Nachhaltigkeitsstandards konsequent durchzusetzen – das Stichwort lautet hier: Grüne Leitmärkte. Klima- und ressourcenschonende Lösungen sollten daher schon heute verbindlich in Ausschreibungen gefordert werden. Zudem müssen wir die einseitige Fixierung auf den reinen Anschaffungspreis überwinden und in Vergabeverfahren die Gesamtkosten über die gesamte Lebensdauer in den Mittelpunkt stellen.

**Sie übernehmen Holcim Deutschland in einer Phase, in der sich nicht nur die Produktion, sondern das Geschäftsmodell der Baustoffindustrie verändert. Wenn wir Sie in vier Jahren wieder interviewen: Woran wollen Sie gemessen werden?**  
Ich möchte daran gemessen werden, dass wir den Wandel als Chance genutzt und unsere ambitionierten Nachhaltigkeitsziele bei profitablem Wachstum erfolgreich vorangetrieben haben.

Dazu zählt auch, dass unsere Carbon2Business-Projekte wie in Höver oder in Lägerdorf Fortschritte bei der Abscheidung unvermeidbarer CO2-Emissionen erzielen. Ebenso wichtig ist es mir, dass wir als Vorreiter der Kreislaufwirtschaft unsere Vision »Aus Beton muss wieder Beton werden« weiter in der Baupraxis verankert haben. Kurz gesagt: Daran, dass wir beweisen konnten, dass Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen.