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# »Die Richtung stimmt, aber wir sind noch nicht am Ziel«
- URL: https://allgemeinebauzeitung.de/strategie-innovation-nachhaltigkeit-porr/
- Published: 2026-10-02T04:00:07.000Z
- Updated: 2026-10-02T07:44:03.000Z
- Description: Als COO von Porr verantwortet Claude-Patrick Jeutter die Entwicklung in Deutschland und Rumänien. Er betont strategische Ausrichtung, Digitalisierung und nachhaltige Wertschöpfung als Schlüssel für zukünftigen Erfolg.
- Author: Kai-Werner Fajga
- Tags: Straßen- und Wegebau, Politik und Infrastruktur

**Herr Jeutter, von 2019 bis 2025 ­waren Sie technischer Geschäftsführer der Porr GmbH & Co. KGaA. Was zählte zu Ihrem Aufgaben­bereich?**  
Als technischer Geschäftsführer der Porr in Deutschland lag mein Schwerpunkt auf der operativen Steuerung des Baugeschäfts über alle Leistungsbereiche hinweg.  
Im Fokus standen die sichere und wirtschaftliche Projektabwicklung, die Weiterentwicklung von Prozessen und Strukturen sowie Qualität, Arbeitssicherheit und Innovation. Entscheidend war, die Organisation leistungsfähiger aufzustellen und konsequent auf die Anforderungen eines zunehmend komplexen Marktumfelds auszurichten.

**Welche Erfahrungen haben Sie in dieser Zeit bei Porr gesammelt?**  
Diese Zeit hat mir vor allem gezeigt, wie eng Strategie und operative Umsetzung miteinander verzahnt sein müssen.  
Projekterfolg entsteht nicht durch Zielbilder, sondern durch technische Kompetenz, klare Prozesse, verlässliche Teams und konsequente Kundenorientierung. Zugleich haben Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Fachkräftesicherung die Anforderungen an die Bauindustrie deutlich erhöht.  
Diese Erfahrungen aus dem deutschen Markt helfen mir heute, Entwicklungen in meinen internationalen Verantwortungsbereichen präziser einzuordnen und konsequent voranzutreiben.

**Seit Januar 2024 haben Sie die Ver-antwortung als COO der Porr Group übernommen und sind für die Bereiche Deutschland und Rumänien innerhalb der Gruppe verantwortlich. Wie hat sich Ihr Aufgabenbereich seitdem verändert?**  
Mit der COO-Funktion hat sich mein Verantwortungsbereich von der operativen Führung des Deutschlandgeschäfts auf die Steuerung der von mir verantworteten Märkte innerhalb der Porr Group erweitert. Der Fokus liegt heute stärker auf strategischer Ausrichtung, Performance-Management und der Weiterentwicklung unserer operativen Einheiten in Deutschland und Rumänien.  
Dabei geht es darum, Synergien zu nutzen, Standards zu harmonisieren und ­Produktivität nachhaltig zu steigern. Grundlage bleibt die konsequente und wirtschaftlich stabile Umsetzung unserer Projekte.

**Welche mittel- und langfristigen Ziele haben Sie sich gesetzt?**  
Mein Ziel ist es, die PORR in den von mir verantworteten Märkten nachhaltig profitabel weiterzuent­wickeln und unsere Wettbewerbsposition gezielt auszubauen.  
Im Mittelpunkt stehen höhere Produktivität, die konsequente Digitalisierung unserer Wertschöpfungskette und der Ausbau unserer Kompetenz bei komplexer Infrastruktur. Gleichzeitig wollen wir den Hochbau stärken – insbesondere mit wirtschaftlichen und preisattraktiven Lösungen im Wohnungsbau. ­  
Entscheidend ist, operative Exzellenz, wirtschaftliche Stabilität und nach­haltige Wertschöpfung dauerhaft miteinander zu verbinden.

**Welche kurzfristigen?**  
Kurzfristig stehen für mich zwei Prioritäten im Vordergrund: ­Erstens die wirtschaftlich stabile Umsetzung des bestehenden und erwarteten Infrastrukturvolumens. Zweitens die gezielte Stärkung unseres Hochbau­geschäfts durch skalierbare, preisaktive Lösungen im Wohnungsbau.  
Parallel standardisieren wir Prozesse weiter und nutzen Digitalisierung dort, wo sie Produktivität und Umsetzungsgeschwindigkeit konkret erhöht. So schaffen wir die Voraussetzungen, um das aktuelle Marktumfeld profitabel zu bedienen.

**Sie sind im Vorstand der Porr Group verantwortlich für die Geschäftsentwicklung von Porr in Deutschland. Wie würden Sie heute das Marktgeschehen in Deutschland in Bezug auf seine Infrastruktur ­beschreiben?**  
Der Infrastrukturmarkt in Deutschland hat erhebliches Potenzial, leidet aber weiterhin unter einem klaren Umsetzungsdefizit. Finanzierung ist weniger das Problem als langwierige Verfahren, komplexe Genehmigungen und fehlende Umsetzungsgeschwindigkeit.  
Gleichzeitig wächst der Investitionsbedarf bei Verkehrswegen, Energienetzen und digitaler Infrastruktur kontinuierlich. Für die Bauwirtschaft entsteht daraus ein attraktives Marktumfeld – wenn Projekte schneller von der Planung in die Ausführung kommen.

**Was sind für Porr die größten ­Herausforderungen in Deutschland, verglichen mit anderen europäischen Ländern?**  
Deutschland verfügt über finanzielle Mittel, technische Kompetenz und leistungsfähige Bauunternehmen.  
Im europäischen Vergleich bremsen jedoch komplexe Verfahren, lange Genehmigungszeiten und zu viele Schnittstellen die Umsetzung. Investitionen werden dadurch oft später wirksam, als es ein wettbewerbsfähiger Standort braucht. Die zentrale Herausforderung ist daher nicht das Ob, sondern das Tempo der Realisierung.

**Wie können diese Probleme nach Ihrer Meinung gelöst werden?**  
Deutschland braucht vor allem mehr Umsetzungsgeschwindigkeit bei der Modernisierung und Transformation. Dafür müssen Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt, Zuständigkeiten vereinfacht und Prozesse konsequent digitalisiert werden. Ebenso wichtig sind frühe, verbindliche Abstimmungen zwischen Auftraggebern, Behörden und Bauwirtschaft. Wenn Projekte schneller in die Ausführung kommen, können vorhandene Kapazitäten deutlich wirksamer genutzt werden. Deutschland hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.  
Sie haben zum Thema jüngst ­gesagt, »Deutschland redet über ­Modernisierung, baut aber zu langsam«. Die Bundesregierung hat jüngst ein Infrastruktur-Zukunftsgesetz beschlossen. Sind die vor­geschlagenen Maßnahmen aus ihrer Sicht ausreichend?  
Das Infrastruktur-Zukunftsgesetz ist ein wichtiger Schritt, weil es die Modernisierung der Infrastruktur politisch priorisiert und Investitionen absichert. Entscheidend wird aber sein, ob Planungs- und Genehmigungsverfahren tatsächlich spürbar schneller werden.  
Aus meiner Sicht braucht es zusätzlich stärker standardisierte Verfahren, klare Verantwortlichkeiten und konsequent digitale Prozesse. Finanzierung allein baut noch keine Brücken, Netze oder Verkehrswege. Am Ende zählt, ob Projekte schneller auf die Baustelle kommen.

**Mit ihrem Ausspruch »Ein starker Standort scheitert nicht an Ziel­bildern, sondern an fehlenden ­Leistungen, Genehmigungen und Kapazitäten«, haben Sie deutlich Kritik an Bundesregierung und der öffentlichen Hand als Auftraggeber geübt. Sie fordern, dass Infrastruktur »endlich als prioritäre Umsetzungsaufgabe behandelt werden« soll. Stellt sich an diesen Baustellen allmählich eine Besserung ein?**  
Die Richtung stimmt, aber wir sind noch nicht am Ziel. Mehr Finanzierung allein reicht nicht, wenn Projekte weiter zu lange in Verfahren gebunden bleiben.  
Entscheidend ist, Planung, Genehmigung und Vergabe deutlich zu beschleunigen. Der Standort Deutschland gewinnt Wettbewerbsfähigkeit nicht durch Ankündigungen, sondern durch Umsetzungsgeschwindigkeit. Genau daran müssen sich Politik, ­Verwaltung und Wirtschaft gemeinsam messen lassen.

**Die Baubranche steht im Ruf, ­Digitalisierung eher langsam oder schleppend umzusetzen. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?**  
Die Bauwirtschaft hat bei der Digitalisierung in den vergangenen Jahren spürbare Fortschritte gemacht. BIM, digitale Projektsteuerung, datenbasierte Baustellenprozesse und Lean Construction sind heute in vielen Unternehmen gelebte Praxis. Gleichzeitig liegen große Potenziale weiterhin an den Schnittstellen zwischen Auftraggebern, Planern, Behörden und Bauunternehmen.  
Digitalisierung ist für mich kein Selbstzweck, sondern ein Hebel für höhere Produktivität, bessere Qualität und mehr Umsetzungsgeschwindigkeit.

**Welchen Stellenwert nimmt das Thema bei Porr ein?**  
Digitalisierung hat bei der Porr einen hohen Stellenwert, weil sie unmittelbar auf Produktivität, Qualität und Nachhaltigkeit einzahlt.  
Wir setzen BIM und digitale Projektsteuerung entlang der gesamten Wertschöpfungskette ein – von der Planung bis zur Ausführung auf der Baustelle. Ein Beispiel aus unserem Innovationsmanagement ist das Forschungsprojekt SmartStreet: Gemeinsam mit der Universität Innsbruck entwickeln wir KI-Modelle, die die Eigenschaften von Asphalt- und Betonmischungen mit Recyclinganteilen bereits vor der Produktion prognostizieren können.  
Damit lassen sich ressourcenschonende und leistungsfähige Mischungen gezielter entwickeln, Prüfaufwände reduzieren und Kreislaufwirtschaft konkret in die Praxis bringen. Unser Anspruch ist, digitale Innovationen konsequent in anwendbare Lösungen für die Baustelle zu übersetzen.

**In den kommenden Jahren sollen Milliardenbeträge in die Infra­struktur investiert werden. Dafür sind sicherlich deutlich ­höhere Kapazitäten bei Bauunternehmen wie Porr notwendig. ­Stimmen Sie dem zu?**  
Die Bauwirtschaft kann zusätzliche ­Infrastrukturinvestitionen umsetzen – vorausgesetzt, sie erhält Planungssicherheit. Kapazitäten entstehen nicht auf Knopfdruck, sondern durch verlässliche Projektvolumina, Investitionen in Personal und Technik sowie ­effizientere Prozesse. Dafür braucht es eine belastbare Pipeline statt kurzfristiger Einzelimpulse. Die entscheidende Frage ist daher weniger die grundsätzliche Leistungsfähigkeit der Branche als die Kontinuität der Projekte.

**In der Bauindustrie wird immer wieder der Mangel an Fachkräften angeprangert. Betrifft das auch Porr?**  
Der Fachkräftemangel ist eine Herausforderung für die gesamte Bauwirtschaft und betrifft auch die Porr – in Deutschland ebenso wie international. Wir sehen darin aber nicht nur ein Personalthema, sondern vor allem einen Produktivitäts- und Qualifizierungsauftrag.  
Deshalb investieren wir gezielt in Ausbildung, Nachwuchsförderung und die Weiterentwicklung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gleichzeitig setzen wir auf Digitalisierung und effizientere Prozesse, damit vorhandene Fachkräfte bestmöglich unterstützt werden.  
Entscheidend ist, qualifizierte Menschen zu gewinnen, zu halten und ihre Produktivität durch moderne Technologien zu erhöhen.