Bauaussichten 2016

Zuversicht in mittelständischer Bauwirtschaft

Von Michael GILKA, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Mittelständischer Bauunternehmen, Bonn

Die Konjunktur der deutschen Bauwirtschaft verlief im Jahr 2015 uneinheitlich: Im Bereich der Verkehrsinfrastruktur verzeichnete das Bauhauptgewerbe eine spürbare Rezession, während im Gewerbebau die konjunkturelle Entwicklung eher stagnierte. Lediglich der Wohnungsbau konnte mit einer weiteren deutlichen Steigerung glänzen. Mit Blick auf das Jahr 2016 ergibt sich ein zuversichtlicheres Gesamtbild: Die Frühindikatoren deuten auf eine deutliche Besserung der Konjunktur hin. Die Nachfrage in allen Bausparten wird deutlich zunehmen. Insbesondere im Bereich des Wohnungsbaus wird die Nachfrage-Kurve weiter stark aufwärts gerichtet sein. Die Baugenehmigungen im Hochbau werden unverändert steigen und den insgesamt positiven Trend bestätigen, dass sich die Bauinvestitionen auch mittelfristig weiter nach oben bewegen. Die derzeit hohe Nachfrage nach Wohnraum wird die Bauwirtschaft in der weiteren Stabilisierung ihrer Wirtschaftssituation unterstützen. Für die staatlichen Investitionen ist im Jahr 2016 mit einem deutlichen Zuwachs zu rechnen. Die Beschlüsse der Bundesregierung – insbesondere zur Aufstockung der Infrastrukturinvestitionen – lassen steigende Mehrausgaben und zusätzliche Aufträge für die Bauwirtschaft 2016 erwarten. Die regelmäßigen Umfragen zur Stimmung in der Bauwirtschaft bei den Unternehmen sind so gut wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Die Anzahl der Beschäftigten dürfte 2016 auf dem bisherigen Niveau bleiben. Zunehmend größer wird allerdings das Problem für die Bauunternehmen, auf dem Arbeitsmarkt junge und geeignete Fachkräfte für die Bauwirtschaft zu gewinnen. In der Bauwirtschaft ist und bleibt der Bedarf an Fachkräften weiterhin hoch. Die altersbedingten Abgänge übersteigen schon seit geraumer Zeit deutlich die Zugänge an Nachwuchskräften. Der demographische Wandel wird die Fachkräfteengpässe in den nächsten Jahren zunehmend verschärfen. Hinzu kommt, dass viele Bauunternehmen zwar gerne ausbilden möchten, aber für die angebotenen Ausbildungsstellen keine ausreichende Nachfrage besteht. Im Jahr 2015 konnte deshalb nur ein Drittel der angebotenen Ausbildungsplätze in der Bauwirtschaft besetzt werden. Ähnlich schlimm sieht es im akademischen Bereich aus: 4500 Bauingenieure werden pro Jahr benötigt, aber nur rund 3000 stehen zur Verfügung. Die Prophezeiung mancher Experten, die aktuelle Einwanderung von Flüchtlingen werde kurzfristig einen spürbaren Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten können, wird aus zwei Gründen nicht zutreffen: Die zu geringen Deutschkenntnisse der meisten Zuwanderer stellen ein nicht unerhebliches Problem dar. Hinzu kommen die nicht ausreichenden beruflichen bzw. fachlichen Qualifikationen der meisten Flüchtlinge. Schon allein deshalb ist zu befürchten, dass der Personalmangel in der Bauwirtschaft auch in den nächsten Jahren groß sein wird. Die Bauwirtschaft muss deshalb noch mehr Anstrengungen unternehmen, um ihr Image und Ihre Attraktivität mit dem Ziel zu verbessern, möglichst schnell mehr junge Menschen für die Bauwirtschaft zu begeistern. Dazu ist es z. B. erforderlich, die Personalpolitik im Mittelstand noch stärker zur Chefsache zu erklären.

Ein anderes Problem mit weitreichenden Konsequenzen für nahezu die gesamte Bauwirtschaft droht in 2016 noch größer zu werden: Der zunehmende Rückgang der Planungskapazitäten der öffentlichen Hand und die daraus resultierenden viel zu langen Planungsvorläufe. Zurückzuführen ist dies unter anderem auf den starken Personalabbau in den Bauverwaltungen. Die Folgen sowohl für die öffentliche Hand als auch für die Bauwirtschaft sind nicht zu übersehen: Immer häufiger kommt es zu einer mangelhaften Planungstiefe und zu Verzögerungen bei der rechtzeitigen Umsetzung von Bauvorhaben. Die Qualität der bauherrenseitigen Projektsteuerung leidet spürbar und die effiziente Abwicklung von Bauleistungen wird zunehmend erschwert. Überschreitungen der Baubudgets und der Bauzeiten, steigenden Baukosten, Terminschwierigkeiten sowie juristischen Auseinandersetzungen zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern sind die Folgen. Die Effizienz des Bauens und die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen der öffentlichen Bauverwaltung und den Bauunternehmen bleiben auf der Strecke.

Es besteht die Gefahr, dass die erhöhten Verkehrsinvestitionen des Bundes in den Jahren 2016 bis 2019 diese Situation sogar noch verschärft. Hiergegen hilft nur eins: 1. Die öffentliche Hand muss ihre Planungsvorläufe verstärkt vorantreiben. Nur so können die bereit gestellten Finanzmittel noch in dieser und der nächsten Legislaturperiode auch verbaut bzw. investiert werden.

2. Nachdem in den vergangenen Jahren in den Bauverwaltungen ein Personalabbau nach der Rasenmähermethode stattgefunden hat, ist es aus Sicht der Bauwirtschaft dringend notwendig, die Planungskapazitäten der öffentlichen Hand wieder deutlich zu verstärken. Der eklatante Personalmangel in den Bauverwaltungen hat mittlerweile dazu geführt, dass bei vielen Auftraggebern – mit Ausnahme von Bayern – fast keine baureifen Projekte mehr in den Schubladen liegen.

Probleme bereiten neben den fehlenden Planungsleistungen auch ungenügende Kapazitäten bei den Auftraggebern, um Ausschreibungen auf dem Markt zu platzieren und Baumaßnahmen professionell abzuwickeln. Die Bauwirtschaft fordert daher, die Bauverwaltungen spürbar zu verstärken und die Bauherrenkompetenz durch Investitionen in Fachpersonal deutlich zu verbessern. Der Politik und der Auftraggeberseite muss außerdem deutlich gemacht werden, dass eine Verstetigung der Investitionsmittel auch über die Jahre 2019 hinaus unbedingt erforderlich ist, damit den Bauverwaltungen und den Unternehmen für deren Investitionen mehr Planungssicherheit gegeben wird.

Begleitet werden sollte dieser ganze Prozess durch erheblich verkürzte Genehmigungsverfahren und Planfeststellungen sowie durch Maßnahmen, die kürzere Bauzeiten durch Anreizsysteme im Wettbewerb fördern. Die mittelständische Bauwirtschaft empfiehlt außerdem, sich an die unmittelbar nach der Wiedervereinigung Deutschlands geübte Praxis zu erinnern und diese – angesichts des aktuell dramatischen Verfalls der deutschen Infrastruktur – heute zu reaktivieren. So sei in Anlehnung an die weitgehend positiven Erfahrungen mit der DEGES (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) zu überlegen, weitere Ressourcen für die Planung von öffentlichen Bauvorhaben in spezialisierten zentralen Gesellschaften für Landes- und Kommunalprojekte aufzubauen.

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