Zum Inhalt springen

Die Renaissance des Handwerks

Von ABZ
Trendwende bei den Auszubildenden im KI-Zeitalter
Dr. Patrick Christ ist Mit-Gründer der Firma BauGPT. | Foto: BauGPT

Die Bauwirtschaft steht vor gewaltigen Herausforderungen. Der demografische Wandel hinterlässt Lücken, der Fachkräftemangel gilt seit Jahren als chronisch, und das Lohngefälle zwischen Ost und West sorgt weiterhin für Diskussionsstoff. Doch der aktuelle »BauGPT- Gehaltsreport 2026« offenbart eine Trendwende: Insbesondere das wachsende Bewusstsein junger Menschen für die Zukunftssicherheit praktischer Berufe im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) bringt neuen Schwung in die Branche. Darüber sprach Dr. Patrick Christ (Mit- Gründer von BauGPT) mit ABZ-Redakteurin Julia Bremer.

ABZ: Im aktuellen »BauGPT-Gehaltsreport« geht es unter anderem um die Aufteilung der verschiedenen Gehaltsgruppen und um das bestehende Gefälle zwischen Ost und West. Die Auszubildendenzahlen sind 2025 nach Daten der SOKA-BAU um 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Im ersten Lehrjahr begannen 13.977 Jugendliche eine Ausbildung in der Branche, ein Plus von 13,3 Prozent. Wie ordnen Sie das Ganze ein?

Dr. Christ: Ich würde hier tatsächlich ganz klar von einer Trendwende sprechen. Auch wenn das vielleicht nicht zu den standardmäßigen Erwartungen gehört, liegt die interessanteste Erkenntnis unseres Reports darin, dass die Zahlen der Auszubildenden im Bauwesen spürbar nach oben gehen. Das ist meiner Meinung nach eine wirklich tolle Nachricht für die gesamte Branche.

Das ist vor allem dann auffallend, wenn man bedenkt, wie sehr die Branche zuletzt unter dem Nachwuchsmangel gelitten hat.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass der Fachkräftemangel das größte Problem der Bauindustrie überhaupt war und ist. Lange Zeit wollten junge Menschen keine Ausbildung im Bauwesen oder im klassischen Bauhandwerk absolvieren. Nun sehen wir zum ersten Mal seit sehr vielen Jahren wieder einen deutlichen Zuwachs im Segment der Auszubildenden. Für mich ist das ein absolut positives Signal und ein echter Leuchtturm für die Branche.

Haben Sie im Zuge des Reports auch untersucht, worauf diese plötzliche Kehrtwende der jungen Generation zurückzuführen ist?

Wir sind fest davon überzeugt, dass diese Entwicklung ganz eng mit dem aktuellen Boom der Künstlichen Intelligenz zusammenhängt. Viele junge Menschen überlegen sich heute sehr genau, welche Berufe in der Zukunft überhaupt noch krisensicher und zukunftsträchtig sind.

Wenn man sich ansieht, welche Tätigkeiten eine KI potenziell übernehmen kann und welche nicht, rücken handwerkliche Berufe plötzlich in ein ganz neues Licht. Elektriker, Maurer oder Baggerfahrer zu werden, gilt heute zu Recht als weitaus zukunftssicherer im Vergleich zu vielen reinen Schreibtischberufen, die künftig vielleicht vollständig durch KI ersetzt werden können. Es zeigt sich, dass junge Menschen zum Berufsstart wieder ganz bewusst den Weg in diese speziellen Berufsfelder suchen.

Kommen wir nun zu den Zahlen Ihres Reports. Besonders auffällig sind die anhaltenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Hier verzeichnen wir laut den Daten immer noch ein Gehaltsgefälle von 15 bis 22 Prozent. Wie erklären Sie sich diese anhaltende Lücke?

Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Die Realität zeigt, dass in der Praxis weiterhin ein teilweise deutlicher Gehaltsunterschied besteht. Das liegt primär daran, dass die Tariflöhne in der Regel nur die untere Grenze des Marktes definieren, also das absolute Minimum. Viele Unternehmen zahlen jedoch bewusst über Tarif. Hier sehen wir ein starkes regionales Gefälle: Baden-Württemberg ist in diesem Ranking absolut führend.

Das hängt stark mit der lokalen Konkurrenzsituation und dem Wettbewerb um Fachkräfte zusammen. In einer Region wie Stuttgart ist der Wettbewerb extrem intensiv. Wenn ein dort ansässiges Bauunternehmen einen wirklich guten Bauleiter gewinnen oder halten möchte, muss es schlichtweg deutlich mehr bezahlen als die Konkurrenz

Aber das, was Sie über den Wettbewerb und die Lebenshaltungskosten sagen, spricht auch dafür, sich beruflich bewusst in Bundesländer zu bewerben, wo die Konkurrenz möglicherweise weniger extrem ist. Sehen Sie das auch so?

Ich denke, man muss das differenziert betrachten, denn jede Region hat ihre ganz eigenen Vor- und Nachteile. Nehmen wir als konkretes Beispiel die Stadt Leipzig. Wenn ich in Leipzig in der Baubranche arbeite, erarbeite ich im direkten Vergleich zwar nominell einen geringeren Lohn. Auf der anderen Seite profitiere ich dort aber auch von deutlich günstigeren Wohnungen und insgesamt niedrigeren Lebenshaltungskosten als beispielsweise in München. Die lokalen Rahmenbedingungen spielen eine entscheidende Rolle.

Ein weiterer Aspekt des Berichts ist das Gefälle zwischen Fachkräften und dem Management. Zwischen den Gehältern von Fachkräften und Führungskräften lässt sich im Schnitt ein Unterschied von immerhin 31 Prozent verzeichnen. An welchem Punkt der »Karriereleiter« ist ein finanzieller Sprung für Mitarbeitende am größten?

Der mit Abstand größte Sprung auf der Karriereleiter erfolgt in dem Moment, in dem sich ein Mitarbeiter aktiv dafür entscheidet, echte Verantwortung zu übernehmen und den Schritt zur Führungskraft geht.

Wer bereit ist, diese Verantwortung zu übernehmen, wird in der Bauwirtschaft heute extrem stark kompensiert. Hinzu kommt, dass der allgemeine Fachkräftemangel die Führungsebene mittlerweile mit voller Härte erfasst hat. Wir haben schlicht immer weniger Führungskräfte.

Welche sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe für diesen anhaltenden Mangel an Führungskräften und Nachfolgern?

Das ist primär das Resultat des demografischen Wandels, in dem wir uns befinden. Wenn wir in die kommenden fünf Jahre blicken, werden rund 30 Prozent der heutigen Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Das betrifft die geburtenstarke Generation der »Babyboomer«. Wenn diese Generation nun massenhaft aus dem Berufsleben ausscheidet und die nachfolgenden jungen Menschen nicht automatisch nachrücken wollen, entsteht ein massives Vakuum.

Die Unternehmen sind gezwungen, die wenigen wechsel- oder aufstiegsbereiten Kandidaten zu locken – und das funktioniert am Ende des Tages ganz maßgeblich über ein deutlich höheres Gehalt. Vielen qualifizierten Kräften ist eine ausgewogene Work-Life-Balance heute extrem wichtig. Sie fordern planbare Freizeit und wollen nicht mehr zwingend »Gewehr bei Fuß stehen müssen«, wenn es im Betrieb mal brennt.

Welche alternativen Karrierepfade sehen Sie für ambitionierte Nachwuchskräfte, um diesem Dilemma zu begegnen?

Der vielleicht beste und sicherste Karriereweg im heutigen Markt sieht so aus: Man absolviert eine solide Ausbildung, setzt den Meister obendrauf und übernimmt dann ein bereits etabliertes, gesund gewachsenes Unternehmen. Das Risiko ist hierbei weitaus kalkulierbarer als bei einer Neugründung. Wenn ich beispielsweise die Chance bekomme, einen regionalen Elektrobetrieb mit 100 Mitarbeitenden zu übernehmen, weil der Gründer keine Nachfolger in der eigenen Familie hat oder im Unternehmen niemand die Verantwortung will, ist das eine fantastische wirtschaftliche Möglichkeit.

Ein weiteres wichtiges Kapitel des Reports betrifft die Mitarbeiterzufriedenheit und das Thema Zusatzleistungen. Der »BauGPT-Gehaltsreport« zeigt auf, dass lediglich 36 Prozent der Fachkräfte grundsätzlich mit ihrem aktuellen Gehalt zufrieden sind. Gleichzeitig leisten diese Mitarbeiter im Durchschnitt immer noch rund sechs Überstunden pro Woche. Wie kann man dieser Realität effektiv begegnen?

Die Arbeitsbedingungen auf dem Bau sind für junge Menschen im direkten Vergleich mit anderen Branchen oft schlicht weniger attraktiv. Das sehen wir ganz deutlich im akademischen Bereich, beispielsweise bei den Bauingenieuren. Überstunden entstehen auf dem Bau meist nicht aus mangelndem Willen, sondern durch konkrete Probleme vor Ort auf der Baustelle, unvorhergesehene Verzögerungen im Projekt oder unerbittliche Deadlines. Da steht man im Juni bei 30°C oder im Januar bei minus 2°C auf der Baustelle. Oft ist man weit entfernt vom Heimatort im Montage-Einsatz inklusive Auswärtsübernachtungen.

Welche konkreten Gegenmaßnahmen beobachten Sie bereits bei innovativen Arbeitgebern, um diesen inhärenten Nachteilen entgegenzuwirken?

Die Einführung der Vier-Tage-Woche ist ein Modell, das einige zukunftsorientierte Unternehmen bereits erfolgreich in die Praxis umgesetzt haben. Im Bereich der Bauleitung gehört zudem ein Firmenwagen, der ausdrücklich auch zur privaten Nutzung zur Verfügung steht, mittlerweile fast flächendeckend zum Standard. Aber es gibt auch Benefits, die die Mitarbeitenden begeistern, ohne dass sie das Unternehmen ein Vermögen kosten. In Ballungsräumen wie München ist es beispielsweise ein riesiges Problem, überhaupt einen Betreuungsplatz in einer Kita für die eigenen Kinder zu finden. Wenn ein Arbeitgeber hier bürokratische Unterstützung leistet oder Plätze organisiert, kostet das die firma kaum Geld, hilft dem Arbeitnehmer im Alltag aber extrem weiter.

Laut Ihrem Report liegt das Mediangehalt in der klassischen Bauleitung bei rund 52.200 Euro. Im GaLaBau verzeichnen wir dagegen ein Mediangehalt von lediglich 33.500 Euro. Wie rechtfertigt die Branche diese enormen Gehaltssprünge?

Dieser direkte Vergleich hinkt in der Praxis ein wenig. Ein Bauleiter trägt die direkte Verantwortung für die Faktoren Kosten, Zeit und Qualität einer gesamten Baustelle. Er befindet sich also qua Definition in einer gehobenen Führungsverantwortung, weshalb man diesen Wert nicht eins zu eins mit den ausführenden Fachkräften vergleichen kann.

Wenn man die reine Führungsposition herausrechnet und die Gewerke direkt nebeneinanderstellt, sieht man immer noch Unterschiede zwischen dem Garten- und Landschaftsbau, Maschinenführern, der Elektrotechnik und dem Heizungsbau. Das Ganze wird ganz stark durch das klassische Prinzip von Angebot und Nachfrage am Markt getriggert. Die Bereiche Elektro und Heizung decken derzeit die absoluten Megatrends unserer Zeit ab. Die gesamte Energiewende, die Installation von Wärmepumpen und moderner Haustechnik ist primär in diesen beiden Gewerken angesiedelt. Die daraus resultierende, extrem starke Nachfrage am Markt führt in der logischen Konsequenz zu entsprechend höheren Gehältern in diesen Sparten.

Neben den rein körperlichen Tätigkeiten oder dem Führen von Großmaschinen gibt es auch für akademische Nachwuchskräfte völlig neue Schnittstellen, wenn es um die Arbeit in Kombination mit KI auf dem Bau geht.

Absolut. Die KI fungiert hier zunehmend als extrem leistungsfähiger Assistent, der den Beschäftigten unter die Arme greift. Wenn wir uns die akademischen Bauberufe anschauen, stellen wir fest, dass diese heute leider massiv von Bürokratie und langwieriger Behördenkommunikation geprägt sind. Hier liegt die Stärke der KI: Strukturierte Bürokratie und das Analysieren von Texten können moderne Large Language Models, also LLMs, in Sekundenschnelle lösen. Sie erleichtern den Ingenieuren das Leben im Alltag massiv. Anstatt unzählige Stunden damit zu verbringen, seitenlange Bauanträge oder komplexe Leistungsverzeichnisse manuell zu analysieren und zu durchforsten, überlässt man diese Fleißarbeit der KI. Als Mensch kann man sich dann wieder voll und ganz auf die eigentliche Kernarbeit konzentrieren: die kreative Planung, die tatsächliche Bauleitung vor Ort und die persönliche Interaktion und Abstimmung mit den Kollegen, Bauherren und allen anderen Baubeteiligten.

Das klingt nach einem sehr optimistischen Ausblick. Ich danke Ihnen für das informative Gespräch, Herr Dr. Christ.

Ich danke Ihnen. Die Bauindustrie steht vor einer Phase, in der sie massiv vom KI-Boom profitieren kann. Man kann ohne Übertreibung sagen: Für die Bauwirtschaft bricht gerade ein »goldenes Zeitalter« an.

ABZ

ABZ

Gebaut wird überall, und das zu jeder Zeit! Die Allgemeine Bauzeitung begleitet das gesamte Baugewerbe. Schnell, sachlich und neutral - so sind wir Deutschlands meistgelesene Baufachzeitung geworden.

Alle Artikel

Weitere in Digitale Baustelle

Alle anzeigen
Im Gespräch mit Brightlayer Energy

Echtzeitdaten und KI klug nutzen

Von ABZ
/
Forschungsgebäude in Merseburg

Formitas übernimmt BIM-Gesamtkoordination

Von ABZ
/

Weitere von ABZ

Alle anzeigen