Die Zukunft in der Entwicklung von Baumaschinen sieht Humayun Chishti, Präsident der Sparte Konstruktion des CNH-Konzerns, unter dessen Dach mehrere Marken aus den Bereichen Landwirtschaft und Bauwirtschaft weltweit vereint sind, in der Automation und Nutzung von KI-Features.
ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga sprach mit dem Experten auf der bauma in München.
ABZ: Herr Chishti, Sie haben in diesem Jahr zur bauma mehrere neue Produkte vorgestellt. Was sind Ihre Highlights in diesem Jahr?
Chishti: Bevor ich dazu etwas sage, möchte ich erwähnen, dass wir generell bestrebt sind, digitale Features in unsere Technik und in unsere Produkte zu integrieren. Konkret heißt das, dass jedes neue Produkt, das wir entwickeln und auf den Markt bringen, in Zukunft mit Features aus diesem Bereich ausgestattet werden soll. Konkret bedeutet das, dass alle Maschinen nicht nur digitalisiert sondern auch miteinander vernetzt sein sollen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Konnektivität. Und wir sprechen von Automatisierung. Und genau für diesen Zukunftstyp einer Maschine haben wir das Konzept einer autonomen Maschine entwickelt. Aber die Idee dieses Zukunftstyps fließt bereits heute in Form von bestimmten Elementen, die diese Autonomie teilweise abbilden, in unsere Maschinen ein und werden dort implementiert.
Zum Beispiel haben wir ja die "Click and Dig"-Funktion. Das ist eine Lösung, die in der heutigen Zeit möglich ist und Kunden von uns können diese Funktion bereits auswählen. Die jeweilige Operation mit unserem Gerät wird dann automatisch durchgeführt. Das ist effizienter, genauer, spart Zeit und ist produktiver. Ich denke also, dass wir in unseren Produkten Technologie integrieren werden, wo es Sinn macht, denn es geht darum, produktiver und effizienter zu sein, vor allem wenn man die Megatrends berücksichtigt. Wir haben über die Digitalisierung gesprochen, aber müssen auch den Fachkräftemangel im Blick haben. Gerade Letzteres ist ein wachsendes Problem, vor allem in den hochentwickelten Volkswirtschaften. Deshalb glaube ich, dass es entscheidend ist, diese Art von Autonomie bei den Maschinen zu haben. Wir müssen sie weiterentwickeln und dann etablieren.
ABZ: Wie wichtig ist der deutsche und europäische Markt für Ihr Unternehmen?
Chishti: Deutschland ist ein großer Markt mit einer großen Industrielandschaft und verfügt ebenso über einen großen Markt für Minibagger. Hier setzen wir an. Denn wir haben seit der Übernahme der Sampierana-Gruppe im Jahre 2021 einen eigenen Hersteller für dieses wichtige Marktsegment. Und wir entwickeln uns weiter, zum Beispiel mit der Einführung des 421G. Dieser Radlader füllt eine Lücke bei uns. Aber wir sind auch in der Reihe der subkompakten Radlader aktiv. Wir arbeiten daran, auch diese Baureihe weiterzuentwickeln. Unterm Strich müssen wir auch in diesen Segmenten ein Angebot machen und dann dort auch wachsen. Bei unseren Aktivitäten in Deutschland konzentrieren wir uns auf die Entwicklung und das Wachstum unseres Partnernetzwerks.
ABZ: Was sind für Case CE die wichtigsten Marktplätze weltweit?
Chishti: Wir sind traditionell auf dem amerikanischen Markt sehr stark, sowohl in Nord- als auch Südamerika. Wir haben dort sehr starke Präsenzen über unser großes Händlernetz. Wir sind dort eine sehr bekannte und angesehene Marke. Aber auch in Europa sind wir stark und können auf eine beachtliche Geschichte zurückblicken. Und wir wachsen mit unseren Minibaggern nun in Europa, Afrika, im Nahen Osten, aber auch im asiatisch-pazifischen Raum.
Das sind wachsende Märkte. Wenn man sich die Trends bei der Mechanisierung in einigen dieser Märkte ansieht und die wachsende Bevölkerung, dann denke ich, dass wir – und so sieht es unser Wachstumsplan vor - versuchen sollten, unsere Präsenz in diesen starken Märkten in Amerika aufrechtzuerhalten und noch weiter auszubauen.
Gleichzeitig werden wir uns aber auch auf Anforderungen und Lösungen konzentrieren, die in diesen wachsenden Märkten in Zukunft benötigt werden. Wir haben zusätzlich eine starke Basis in Indien. Das ist ein weiterer Wachstumsmarkt und ein wichtiger Stützpunkt für die weitere Expansion und eine gute Lieferbasis in Richtung asiatische Länder. Indien ist für uns eine Drehscheibe für eine Vielzahl von Märkten. So wollen wir also von dort aus weitere Fortschritte bei der Erschließung von Wachstumsmärkten machen.
ABZ: Wie würden Sie die aktuelle Marktsituation in Deutschland und Europa beschreiben?
Chishti: Europa hat in den vergangenen 18 bis 24 Monaten einen erheblichen Rückgang in der Bauindustrie erlebt. Wir glauben, dass wir Teil des Infrastruktur-Paketes werden können, das die deutsche Regierung angekündigt hat und das viele neue Möglichkeiten für uns schaffen könnte. Wir konzentrieren uns also darauf, sicherzustellen, dass wir für den Moment X dann bereit sind. Wir haben die richtigen Produkte und die richtigen Lösungen für den Zeitpunkt, an dem die Nachfrage auf dem Markt vorhanden sein wird. Und die Produkte, in die wir investieren und die wir auf den Markt bringen, eignen sich für diese Investitionen hervorragend.
ABZ: Was sind die größten Herausforderungen im Moment?
Chishti: Es gibt viele Herausforderungen, aber ich denke, es gibt eine Makroebene, und zwar die geopolitische Situation. Es gibt bestimmte Dinge, die leider außerhalb unserer Kontrolle liegen, die wir aber weiter verfolgen müssen. Wir müssen diese Dinge im Auge behalten und uns anpassen falls notwendig. Da sind zum Beispiel die Zollregelungen, die eingeführt wurden und teilweise immer noch werden. Gleichzeitig denke ich, dass es wichtig ist, die richtigen Qualifikationen im Konzern weiterzuentwickeln und unsere eigenen Arbeitskräfte zu fördern, damit sie den künftigen Anforderungen gerecht werden.
ABZ: Eines der wichtigen Themen im zur bauma 2025 waren in diesem Jahr alternative Antriebe und Motoren. Welche alternativen Lösungen bietet CNH aktuell und was planen Sie für die Zukunft?
Chishti: Wir haben bereits fünf elektrifizierte Modelle auf den Markt gebracht. Und wir haben zwei Modelle von Minibaggern. Zudem haben wir einen kompakten Radlader mit Elektroantrieb. In Nordamerika haben wir auch einen elektrischen Baggerlader. Ebenfalls in Nordamerika haben wir einen kleinen Knicklenker, der ebenfalls elektrisch angetrieben wird. Elektromobilität ist eine Technologie, in die wir in naher Zukunft noch mehr investieren werden. Auch in der Zeit nach der Covid-Pandemie investierten wir in diese Technologie. Wir prüfen auch, ob Biokraftstoffe oder andere alternative Antriebstechnologien für uns von Interesse sein könnten, und wir beobachten die Entwicklung dieser Technologien. Und wir werden sehen, was die beste Lösung sein wird. Das könnte hier in Europa anders sein als in anderen Märkten. So gehen wir also an die Sache heran.
ABZ: Sie erwähnten Baumaschinen mit elektrischen Antrieben. Wie kommt bei denen die Energie zum Bagger?
Chishti: Einer unserer Prototypen ist zum Beispiel der große Bagger CX210ZQ, bei dem wir mit Moog zusammengearbeitet haben. Es handelt sich um eine Lösung, bei der die Batterien austauschbar sind. Wir können also die Batterie austauschen, so dass sie sofort wieder aufgeladen werden kann. Wir können diese Lösung direkt am Einsatzort des Kunden anbieten. Das ist also eine der Möglichkeiten, die wir versuchen, dem Kunden anzubieten.
ABZ: Zur bauma waren einige autonome Lösungen zu sehen. Welche Haltung haben Sie zu diesem Thema?
Chishti: Einige der kommenden Trends sind, wie bereits erwähnt, der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Außerdem gibt es definitiv einige Anwendungen, bei denen die Anwesenheit eines erfahrenen Bedieners nicht zwingend notwendig oder nicht sicher ist. Wenn man sich also eine Baustelle anschaut, gibt es eine Menge beweglicher Teile. Auf einer Baustelle bewegen sich Fahrzeuge und Menschen. Es gibt Material auf der Baustelle, welches Wahrnehmung, Objekterkennung und Objektvermeidung erfordert.
All diese Aufgaben könnte die Maschine autonom regeln. Einige dieser Aufgaben erfüllen unsere Maschinen bereits selbstständig. Wir haben zum Beispiel ein Beobachtungssystem mit 360-Grad-Umsicht im Einsatz. Derzeit sind wir dabei, ein System zu implementieren, das Objekte identifizieren kann. Irgendwann werden wir auch Features zur Objektvermeidung einführen. Dies sind also Elemente der Autonomie, die wir bereits heute in einem Konzeptfahrzeug zu implementieren versuchen.
ABZ: Wie steuern Sie solche Test-Fahrzeuge, beziehungsweise wie können Sie eingreifen – mit Fernbedienung oder per Computer?
Chishti: Die Maschine sollte im Idealfall völlig autonom agieren. Unser Prototyp agiert weitgehend autonom. Und sie verfügt über Elemente der KI, die bei der Entscheidungsfindung helfen können. Zudem kann sie auch von einer entfernten Station aus gesteuert werden. Es gibt hier also beide Elemente. Das, was ich Ihnen über die Objekterkennung und -vermeidung erzählt habe, basiert auf KI. Aber es gibt auch einen Bediener, der die Maschine schließlich fernsteuern und verwalten kann. Das sind unsere Elemente, die wir einsetzen wollen.
ABZ: Sie haben zur bauma einen Roboter-Radlader gezeigt. Was ist das Konzept dahinter?
Chishti: Wir arbeiten hier mit Gravis Robotics zusammen. Der Prototyp, den wir auf der Messe bauma im Video gezeigt haben, ist ein autonomer Radlader, der komplexe Fahrwege plant, Ladeziele erkennt und vollständige Lade- und Transportaufgaben ausführt, und benötigt dabei nur Auftragsbeschreibungen auf hohem Niveau durch den Bauleiter. Unsere langfristige Vision ist es, eine vollständig integrierte autonome Baustelle zu schaffen – ein Ökosystem, in dem Maschinen und Systeme intelligent zusammenarbeiten, um jede Phase des Arbeitszyklus zu verwalten, zu koordinieren und zu optimieren. Diese Vision umfasst nicht nur autonome Maschinen, sondern auch ein zentrales Steuerungssystem, das in der Lage ist, den Betrieb zu überwachen und die Einsatzregeln für jede Aufgabe vor Ort festzulegen.
ABZ: Mit wie vielen Händler arbeiten Sie aktuell in Deutschland zusammen?
Chishti: In Deutschland haben wir fünf Händler. Wir haben auch eine firmeneigene Niederlassung in Deutschland.
ABZ: Sie wollen hier weiter wachsen?
Chishti: Ja: Auf jeden Fall, ja. Wir wollen das Netzwerk ausbauen. Es sind also zwei Dinge, die wir vorhaben. Zum einen sollten wir unser bestehendes Netzwerk noch stärker machen, zum anderen wollen wir mehr Verkaufsstellen in Deutschland schaffen. Einerseits also wollen wir uns vergrößern, anderseits wollen wir unser bestehendes Händlernetz stärken.
ABZ: Wie wollen Sie dieses Netzwerk ausbauen?
Chishti: Ich glaube, der Schlüssel zur Stärkung des Netzwerkes liegt darin, dem bereits bestehenden Netz noch mehr Instrumente und Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen, um das Wachstum des Marktes zu unterstützen. Flächen, in denen unsere Händler die Maschinen vorführen können, sind wichtig, aber auch Kontrollräume, von denen aus unsere Geräte überwacht werden können, die beim Kunden stehen, um ein Maschinenversagen zu verhindern und im Fall einer Panne zu helfen. Oder wenn eine Maschine beispielsweise einen Alarm auslöst, können wir die Maschine proaktiv warten, bevor der Ausfall tatsächlich eintritt, und dem Kunden diesen proaktiven Service bieten.Ich habe in diesem Zusammenhang bereits das Kundenportal erwähnt, das die zentrale Anlaufstelle für unsere Kunden ist. Über dieses Kundenportal erhalten Händler und Kunden eine Benachrichtigung, wenn etwas mit der Maschine nicht in Ordnung ist. Oder sie erhalten eine Nachricht, wann das nächste vorgeschriebene Wartungsintervall auf Sie zukommt. Das sind einige der vernetzten Tools, die uns und unseren Händlern dabei helfen werden, ihren Service für die Kunden zu verbessern.