Alle sprechen von der notwendigen Digitalisierung im Bauwesen – aber wie sieht es mit der Umsetzung in der Praxis aus? Darüber sprach Johannes Adomeit, Geschäftsführung Hochbau bei Peter Gross Bau, mit Kai-Werner Fajga, Chefredakteur der Allgemeinen Bauzeitung (ABZ).
ABZ: Peter Gross Bau sieht sich selbst als Spezialist in allen Sparten des Hoch- und Tiefbaus sowie in sämtlichen weiteren Bereichen der Bauwelt: Mit über 3000 Mitarbeitenden wurde im vergangenen Jahr eine Bauleistung von 900 Millionen Euro erwirtschaftet. Das Familienunternehmen im Südwesten Deutschlands stark verwurzelt und mit bundesweiten Bauvorhaben auch überregional vertreten. Herr Adomeit, Peter Gross Bau ist seit 140 Jahren in der Baubranche aktiv. Wie würden Sie Ihren Verantwortungsbereich beschreiben?
Adomeit: Als technischer Geschäftsführer bin ich zusammen mit der kaufmännischen Geschäftsführung für den wirtschaftlichen Erfolg des Hochbaus verantwortlich. Das umfasst die technische Gesamtverantwortung, die Organisation von Planung und Baustellenabwicklung sowie die Einhaltung der Vorschriften.
Ich verantworte das Qualitätsmanagement mit einer eigenen Abteilung, die Budget- und Kostenkontrolle, das Projektmanagement, die Personalführung und -weiterentwicklung. Hinzu kommen die Außendarstellung, das Vertragswesen, rechtliche Verantwortung sowie Innovation und Nachhaltigkeit. Die Digitalisierung gehört ebenfalls zu meinem Aufgabenfeld, die ich gemeinsam mit unserer IT-Abteilung und unserem KI-Experten vorantreibe.
ABZ: Bitte skizzieren Sie das aktuelle wirtschaftliche Umfeld in Ihrem Geschäftsbereich.
Adomeit: Wir kommen aus unruhigen Zeiten. Corona haben wir noch relativ gut überstanden, aber die Ukraine-Krise hat uns härter getroffen, weil die Preise verrückt spielten und man kaum noch kalkulieren konnte. Jetzt stellen wir fest, dass sich der Hochbau langsam wieder stabilisiert und in der Metropolregion wieder anspringt.
Wir verzeichnen eine hohe Anzahl an Anfragen, aber die Entscheidungsfreudigkeit ist noch nicht so, wie wir es uns wünschen. Es gibt Projekte, die wir seit zwei, drei Jahren begleiten, ohne dass es zum Auftrag gekommen ist. Das liegt an bürokratischen Anforderungen für unsere Bauherren und Unsicherheiten bei der Finanzierung. Die Banken haben aktuell relativ hohe Auflagen, geprägt durch negative Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit.
Im Infrastrukturbau sieht es momentan ganz hervorragend aus, auch im Tiefbau - das kann ich bestätigen. Ich stehe mit den Kollegen der anderen Geschäftsbereiche im Austausch. Unsere Sparte Bahnbau boomt zurzeit, auch im Ingenieurbau mit Schwerpunkt Brückenbau sieht es ähnlich aus. Wir werden eine neue Sanierungsabteilung im Brückenbau aufbauen, aber das ist ein Zukunftsthema. Im Straßenbau an sich hatten wir in den vergangenen Jahren nie größere Schwierigkeiten, Wir profitieren davon, dass wir Asphaltwerke selbst betreiben und auf firmeneigene Kolonnen zurückgreifen können.
ABZ: Was sehen Sie als aktuelle größte Herausforderung im Bereich Hochbau?
Adomeit: Zum einen ist es die fehlende Kostensicherheit. Die Preise sind immer noch auf hohem Niveau, wenn auch stagnierend. Besonders bei energieintensiven Materialien stellt dies eine Herausforderung dar – insbesondere bei pauschal vergebenen Aufträgen Die Bürokratie macht uns und vor allem unseren Auftraggebern zu schaffen – lange Genehmigungsprozesse und fehlende Sicherheit bei Fördermitteln führen zu langen Akquisephasen.
Ein Dauerbrenner ist der Personalmangel. Unsere Zukunft sichern wir vor allem durch junge Fachkräfte, die wir selbst ausbilden und weiterentwickeln. Die Vorstellung, fertig ausgereifte Fachkräfte am Markt abzuwerben, ist überholt.
ABZ: Welche kurzfristigen und langfristigen Ziele verfolgt Ihr Unternehmen?
Adomeit: Wir wollen uns deutschlandweit weiter ausdehnen und wachsen. Eine breite Aufstellung reduziert die konjunkturelle Abhängigkeit, wie unser Beispiel mit Hochbau, Tiefbau und Brückenbau zeigt. Wir haben uns auch im Bereich Haustechnik engagiert und eine Haustechnikfirma übernommen, die wir weiter ausbauen wollen. Weitere Standorte werden wir eröffnen – momentan decken wir den gesamten süddeutschen Bereich bis hoch nach Köln ab. In Gießen ist gerade ein Standort entstanden, und wir gehen weiter Richtung Ruhrgebiet und Nordrhein-Westfalen.
ABZ: Kommen wir zum Thema Digitalisierung. Peter Gross Bau sieht einen stetig wachsenden Bedarf an nachhaltigen digitalen Lösungen, ihr Unternehmen will Prozesse sowie Bautechniken auf ein neues Level anheben. Was ist damit konkret gemeint?
Adomeit: Wir wollen Prozesse standardisieren und mit KI-Lösungen sicherer und einfacher gestalten, so dass sie auch einfacher zu bearbeiten sind. Wir haben vor einiger Zeit dazu einen KI-Experten an Bord geholt, der an solchen Lösungen arbeitet und vorhandene KI-Lösungen an unsere Anforderungen anpasst. Bei der Vertragsprüfung beispielsweise kann man über eine KI-basierte Prüfung vorfiltern, was Zeit spart und Fehler reduziert.
Ähnlich verfahren wir im Nachtragsmanagement. Wir setzen auch Systeme ein, die uns bei der Umsetzung von Lean-Methoden helfen, indem sie die erforderliche Taktplanung teilweise automatisieren. In unserer eigenen Schulungsakademie bilden wir unsere Mitarbeiter im Umgang mit diesen Softwarelösungen aus und erklären, was die KI im Einzelnen macht.
ABZ: Welche Technologien nutzt Ihr Unternehmen heute im Bereich Hochbau, abgesehen von KI?
Adomeit: Im Maschinenpark haben wir eine Gerätemanagementplattform namens MTA 360 für digitales Inventarmanagement, die extra für uns programmiert wurde. Sie umfasst digitales Lieferscheinwesen, Gerätetracking und Telematik. Über GPS-Tracker wissen wir, wo unsere Geräte sind und wie sie eingesetzt werden. Die Lieferscheinerstellung wird durch die Telematikdaten teilweise automatisiert.
Wir entwickeln eine KI-basierte Prüfdokumente-Klassifizierung, um Prüfungen für unseren Fuhrpark und unsere Maschinen besser zu erfassen und zu dokumentieren. Zudem arbeiten wir an einem KI-Agenten für die verbesserte Informationsbeschaffung für unsere Disposition. Am Ende sollen diese Hilfsmittel dazu beitragen, unsere Effizienz zu erhöhen. Auch wir müssen einem Personalmangel begegnen und schauen, wie wir in Zukunft mehr Arbeit mit weniger Mitarbeitenden bewältigen können.
Wir wollen unsere vorhandenen Kolleginnen und Kollegen für spezielle Aufgaben einsetzen, Standardaufgaben können letztendlich an KI-basierte Lösungen ausgelagert werden. Sie wissen auch dass das gesamte Baugewerbe an fehlender oder zu geringer Produktivität leidet, da wollen wir ansetzen und ein Stück weit auch mit vorne dabei sein.
ABZ: Wo setzen Sie KI konkret ein?
Adomeit: KI wird bei uns in der Vertragsanalyse, in der Baustellensteuerung mit Lean-Management, bei halbautomatisch generierten Taktplänen, in der Baustellenüberwachung in Kombination mit Drohnen und im Baugerätemanagement eingesetzt. In Zukunft wird sie sicherlich auch im Baustoffmanagement für die Bedarfsermittlung zum Einsatz kommen. Auch in unserem Fertigteilwerk in St. Ingbert wird KI in der Betonherstellung und in der Werksplanung stärker eingesetzt werden.
ABZ: Greifen Sie bei KI auf die marktüblichen Anbieter wie ChatGPT zurück oder haben Sie eigene Lösungen?
Adomeit: Wir greifen natürlich auch auf verbreitete Systeme wie ChatGPT zurück. Unser KI-Experte nutzt aber vor allem KI-Agenten von Microsoft, die er an unseren Bedarf anpasst. Bei eigenen Lösungen bleiben wir Besitzer der Daten, und wir können sie ohne Schnittstellenprobleme direkt mit unseren E-Mail-Programmen und Office-Suites verknüpfen. Wenn man als Unternehmen auf Microsoft-Produkte zurückgreift, macht es Sinn, auch eine Microsoft-KI zu nutzen.
ABZ: Setzen Sie im Bereich der Baumaschinensteuerung bereits auf autonome oder teilautonome Systeme?
Adomeit: Wir setzen wie schon angedeutet Drohnen zur Baustellenüberwachung, Vermessung und für 3D-Aufmaße ein, was auch für die Abrechnung wichtig ist. Auch ein teilautonomer Bagger kommt zum Einsatz, der beispielsweise eine Kontur mit 3D-Steuerung und Tiltrotator automatisch abziehen kann. Wir nutzen außerdem BIM für die Planung und Abwicklung von Baustellen im Tief- und Hochbau.
Im Hochbau wird BIM schwerpunktmäßig in der Kalkulation eingesetzt, um eine gewisse Automatisierung bei der Massenermittlung und Vollständigkeitsprüfung zu erreichen sowie für die automatische Zuordnung zu Leistungspositionen. BIM setzen wir auch in der Planung ein, soweit der Bauherr das wünscht – als Modell, an dem alle Planer simultan arbeiten können, um Qualitätsverbesserungen zu erzielen und Kollisionen zu vermeiden. Auch für die Bestandserfassung und das Facility Management nutzen wir diese Technologie.
ABZ: Wie sind bisher Ihre Erfahrungen beim Einsatz solcher Technologien? Gibt es bereits die geplanten Effizienzgewinne?
Adomeit: Im Bereich Facility Management ist die Erfassung noch recht aufwändig. Es gibt Kunden, die sie ausdrücklich wünschen, besonders solche mit mehreren Gebäuden an einem Standort. Wenn der initiale Aufwand geleistet ist, and profitieren sie von einer deutlich einfacheren Überwachung und effizienteren Verwaltung des Gebäudes und können fehlendes Material rechtzeitig nachbestellen.
Bei BIM in Kalkulation und Planung stellen wir eine Qualitätsverbesserung fest. In der Kalkulation spart es tatsächlich Arbeitskräfte ein – der klassische Kalkulationsassistent wurde bereits weitgehend vom BIM-Modell ersetzt, und die Bearbeitungszeit ist kürzer als bei händischer Bearbeitung. Der Einsatz von Drohnen zur Vermessung und zum Aufmaß vereinfacht die Abrechnung und Erfassung deutlich. Grundsätzlich ist das Ziel bei KI für mich klar: Wir haben ein Nachwuchsproblem, speziell am Bau, aber auch generell in der Wirtschaft.
Ohne den Einsatz von KI-Systemen werden wir Anteile verlieren und letztendlich auch der Gesamtwirtschaft schaden, wenn wir dem Personalmangel nicht gegensteuern. Wir sind sicherlich eines der Unternehmen, das noch relativ gut an Personal kommt und haben viele Auszeichnungen für Mitarbeiterzufriedenheit erhalten. Aber der Trend ist da, und wir müssen gegensteuern – auch mit KI.