Liebherr stellte zur bauma einen autonomen Muldenkipper-Prototypen vor, der auf ein einachsiges Konzept setzt und bisherige Fahrzeugkategorien revolutionieren könnte. Altan Enginalev, CEO von der Liebherr-Tochter S1 Vision, erklärte ABZ-Chefredakteur Kai-Werner Fajga das Potenzial und den aktuellen Stand dieses zukunftsweisenden Konzepts.
ABZ: Herr Enginalev, was umfasst Ihren Verantwortungsbereich bei Liebherr?
Enginalev: Ich bin im Bereich Corporate Ventures der Firmengruppe Liebherr aktiv. Die S1 Vision GmbH ist eines dieser Corporate Ventures, welche das Ziel verfolgt, eine intern entwickelte Technologie kommerziell voranzutreiben. Als Geschäftsführer ist es meine Aufgabe, in dieser frühen Phase den S1 Vision in den Markt zu kommerzialisieren. Das bedeutet unter anderem, für dieses Produkt auch andere Märkte zu erschließen, als jene, die Liebherr bereits bekannt sind.
ABZ: Liebherr hat zur bauma 2025 den Prototyp eines autonomen Muldenkippers vorgestellt, der nur aus einer Achse besteht und in seinen Abmessungen kleiner ist als ein Minibagger. Liebherr stellt selbst Muldenkipper her, die marktüblich mit zwei oder drei Achsen angeboten werden und zig Tonnen Zuladung bewegen können. Was waren die Grundlagen oder Hintergründe zu diesem Projekt?
Enginalev: Beim S1 Vision sprechen wir über eine ganz neue Fahrzeugkategorie. Es ist keine Weiterentwicklung von einem bekannten Fahrzeug. Das Ziel war nicht, ein einachsiges Fahrzeug zu entwickeln, sondern Fahrzeuge so neu zu denken, dass dadurch neue Möglichkeiten und zusätzlicher Mehrwert für Industrie und Kunden entstehen. So sind wir bei dem einachsigen Fahrzeugkonzept gelandet. Und weil es eine eigene Fahrzeugkategorie ist, haben wir es zu einem Geschäftsmodell entwickelt, das nicht Teil der existierenden Produktpalette von Liebherr ist, die über unsere bekannten Produktsegmente vertrieben wird.
ABZ: Was sind die Ziele des Projekts?
Enginalev: Für uns ist die S1 Vision nicht ein Projekt. Die S1 Vision GmbH ist eine eigenständige Gesellschaft, die mit dem S1 Vision eine Innovation entwickelt. Von daher ist der S1 Vision direkt als eine eigene Unternehmung ausgelegt, die sich ihren eigenen Weg innerhalb der Liebherr Gruppe bahnt und sich in neue Felder entwickeln wird. Das ist ein wichtiger Unterschied in der Denk- und Herangehensweise.
Das, was man sonst in einem Unternehmensumfeld als Projekt ansieht, existiert hier mit dem Corporate Venture-Modell nicht. Es ist ein eigenständiges Geschäftsmodell und unsere Vision ist es, ein selbstständiges, wachsendes Unternehmen aufzubauen, das diese neue Fahrzeugkategorie vorantreibt.
Wir sehen uns mit dem S1 Vision als Innovationstreiber. Das Modell kann Industrien mit der Zeit verändern. Schon heute führen wir Gespräche zum Beispiel im Untertagebau, in denen unsere potenziellen Partner gemeinsam mit uns überlegen, wie die Infrastruktur der Zukunft aussehen könnte. Wenn wir künftig mit deutlich agileren Fahrzeugen unterwegs sind, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Diese Überlegungen deuten für uns darauf hin, dass wir vor einer echten Innovation in der Industrie stehen.
ABZ: Wie ist S1 Vision denn mit den anderen Liebherr-Bereichen verzahnt?
Enginalev: Das ist genau der Vorteil des Corporate-Venture-Modells. Start-ups in diesem Bereich sind anfangs oft schlecht vernetzt und die ständige Suche nach Kapital und Partnern gehört dort zum Alltag und kann Prozesse aber auch Innovationen verlangsamen. Wir hingegen bringen neue Technologien als eigenständige Einheiten in den Markt. Gleichzeitig ermöglicht uns das Corporate-Venture-Modell eine enge Verzahnung innerhalb der gesamten Firmengruppe. Stellen Sie sich das so vor: Die kommerziellen Aktivitäten in diesem Markt laufen zwar über eine eigene Gesellschaft, aber im Hintergrund steht die gesamte Liebherr-Gruppe. Unter anderem arbeiten wir eng mit den Kolleginnen und Kollegen der Liebherr-Forschungszentren zum Beispiel in Ulm, in Bischofshofen und auch mit dem Liebherr-Produktsegment Mining zusammen, wo der S1 Vision ursprünglich entwickelt wurde.
ABZ: Ich komme noch einmal zurück auf die Größe des Trägerfahrzeugs. Im Mining-Bereich wird grundsätzlich mit deutlich höheren Tonnagen gearbeitet. Warum ist das S1 Vision vergleichsweise klein ausgefallen?
Enginalev: Wir haben den S1 Vision ganz bewusst klein gebaut. In diesem Fahrzeugkonzept ist die Skalierung nach unten nicht linear. Denn je mehr Platz ich im Trägerfahrzeug habe, desto mehr Raum bietet sich dort, um die Technologie umzusetzen. In einem kleinen Format muss also die höchste Entwicklungsarbeit erfolgen. Wir haben uns bewusst den schweren Weg ausgesucht und uns vorgenommen es erst mal so klein wie möglich zu bauen, damit wir alles gelöst bekommen, was wir lösen wollen. Alle anderen Schritte danach werden für uns in der Skalierung nach oben einfacher.
ABZ: Welche Skalierbarkeit stellen Sie sich beim S1 Vision vor?
Enginalev: Wir geben bei der Skalierung eine Bandbreite vor, aber es geht nicht darum, möglichst groß zu werden. Eine der großen Stärken des S1 Vision ist, dass wir künftig nicht auf eine einzelne große Maschine setzen müssen. Stattdessen können Prozesse und Effizienz durch den Einsatz eines Schwarms von Maschinen optimiert werden. Dank Systemredundanz kann auch einmal ein Fahrzeug ausfallen, ohne dass die Produktivität an der Baustelle wesentlich beeinträchtigt wird. So lassen sich kontinuierlichere Abläufe realisieren – im Gegensatz zu einzelnen Prozessen mit einem großen Fahrzeug, das beispielsweise durch Rangierarbeit viele Pausen verursacht. Technisch liegt die Grenze beim S1 Vision derzeit bei rund 130 Tonnen, da wir nur eine Achse haben. Aber auch hier könnte sich mit neuen Technologien in Zukunft einiges verändern.
ABZ: Besonders im Bergbau werden Maschinen bisher hauptsächlich mit Verbrennungsmotoren eingesetzt aufgrund ihrer hohen Leistungsdichte. Für den S1 Vision wurde ein elektrischer Antrieb gewählt, warum das?
Enginalev: Wenn wir ein Fahrzeug auf einer Achse balancieren wollen, brauchen wir Elektromotoren. Ein klassischer Antriebsmotor ist dafür nicht schnell genug, um das nötige Drehmoment zu erzeugen und das Fahrzeug zu stabilisieren. Deshalb setzen wir auf Elektromotoren. Die Energieversorgung für diese Motoren kann auf verschiedene Arten erfolgen – und hier bieten wir die Freiheit, sich dem jeweiligen Umfeld anzupassen, besonders im Untertagebau. Die meisten unserer Kunden möchten komplett elektrisch arbeiten, unter anderem wegen der Belüftungsproblematik und der Notwendigkeit, Abgase zu reduzieren. Andere bevorzugen Dieselfahrzeuge, etwa weil ihre Schichtplanung anders aussieht oder die Infrastruktur für konstantes Nachladen fehlt. Es gibt heute viele Antriebskonzepte, und wir sind flexibel: Ob elektrisch, dieselelektrisch oder Wasserstoff – wir können über die unterschiedlichsten Motoren elektrische Energie erzeugen, um das Fahrzeug entsprechend zu betreiben. Einschränkungen gibt es kaum. Blicken wir in die Zukunft, insbesondere in Richtung autonomer Fahrzeuge, wird der Antrieb rein elektrisch sein. Für uns ergibt das im Hinblick auf messbare Trends und die Entwicklung von Prototypen einfach Sinn.
ABZ: Wenn ich mir ein einachsiges Trägerfahrzeug mit 40 bis 50 Tonnen Gesamtmasse vorstelle, stellt sich immer die Frage, wie die Energieversorgung gewährleistet werden kann. Denke Sie da eher daran, das Trägerfahrzeug mit Batteriezellen auszustatten oder etwa mit permanenter Stromversorgung über Stromschienen oder eine Oberleitung?
Enginalev: Es ist alles denkbar. Es kommt wie angedeutet auf das Umfeld an, und unsere Zielsetzung im Moment ist ja auch nicht, eine einzige Lösung anzubieten. Wir stehen am Anfang mit einer neuen Fahrzeugkategorie. Unser Bestreben ist es, mit starken Partnern in verschiedenen Industrien zusammenzuarbeiten und die richtige Lösung für den spezifischen Use Case zu entwickeln. Deswegen glaube ich auch, wird es am Ende verschiedene Lösungen geben, die ganz unterschiedlichen Bedingungen genügen müssen. Im Untertagebau wird das anders aussehen als zum Beispiel bei Erdbewegungsarbeiten Übertage.
ABZ: Welche anderen Einsatzbereiche außer dem Miningbereich haben Sie für den S1 Vision vor Augen?
Enginalev: Das ist offen – denkbar sind auch Anwendungen in der Agrarwirtschaft oder Logistik. Im Kern besteht die Maschine aus einer Achse mit Antriebseinheit und der nötigen Technologie, damit der S1 Vision einsatzfähig ist. Wenn wir die Mulde wegnehmen, sind wir eben nur mit dem Antriebskern unterwegs. Ich bezeichne das immer als die Antriebseinheit auf einer Achse. Die kann ich jetzt natürlich unbegrenzt kombinieren, ob als Zugfahrzeug oder als Containertransporter. Wir können auch einachsige Fahrzeuge zu einem mehrachsigen Fahrzeug zusammenfügen und so einen modularen Fuhrpark generieren, der je nach Einsatzbereich neu konfiguriert werden kann. Die Möglichkeiten sind zahlreich. Aber wir wollen nicht ohne konkreten Use Case in die Zukunft hinein entwickeln. Wichtig ist, mit den richtigen Partnern dort anzufangen, wo das Produkt heute die höchste Relevanz hat und wo es die größte Erleichterung in der Industrie verspricht. Dort werden wir das modulare System konsequent weiterentwickeln.
ABZ: Wie ist der aktuelle Stand der Entwicklung?
Enginalev: Sie hatten zuvor die bauma erwähnt, wo wir den S1 Vision vorgestellt hatten – und das ist ja noch gar nicht so lange her. Seither schreiten wir stetig weiter auf diesem neuen Weg. Wir haben mittlerweile den zweiten Prototypen entwickelt und arbeiten intern an der Technologie. Es wird eine technologische Generation 2.0 geben. Was uns aktuell am meisten beschäftigt ist, Use Cases mit Partnern zu finden und diese weiterzuentwickeln. Wir sind aktiv auf Partnersuche und haben noch nicht alle Industriebereiche angesprochen. Momentan arbeiten wir hauptsächlich mit Partnern aus unseren Kernindustrien und führen Gespräche über erste operative Arbeitsmechanismen. Aber es ist noch zu früh, etwas Konkretes zu verraten.
ABZ: Wie haben Kunden und Interessnten seit der Vorstellung des S1 Vision zur bauma 2025 reagiert?
Enginalev: Ich muss zugeben: Die Reaktionen sind viel offener und interessierter, als wir ursprünglich gedacht hätten. Wir hatten anfangs das Gefühl, mit dieser Innovation die gewohnten Wahrnehmungen der Branche ein Stück weit aufzubrechen. Doch das Feedback ist bisher überwältigend positiv. Besonders freut uns, dass Partner und Kunden in den Gesprächen sehr schnell ihre eigenen Visionen einbringen und gleichzeitig unsere Vision teilen.